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Montag, 21.05.2012
Glitzernde Falle
Der Sonnentau – Karnivor im Moor

Es sieht ganz unschuldig aus, wie er seine kleinen, rötlich überlaufenen Blätter der Blattrosette über das Torfpolster reckt. Einladend simulieren die Drüsen an den Blatträndern Tautropfen, die in der Sonne glitzern. Das durstige Insekt, das sich auf diese Täuschung einlässt, ist nicht das erste. Das gleiche Schicksal wird es ereilen, dass schon viele andere Insekten vor ihn traf – es wird gefressen.

Sonnentau 
Sonnentau
© Calif. Academy of Science, G.Keuck
Der rundblättrige Sonnentau ist einer von drei Arten, die in Mitteleuropa beheimatet und ebenso wie ihr Lebensraum stark gefährdet sind. Er ist hier auf den offenen Hochmoorflächen in den Torfmoosbulten zu finden. Aus der Blattrosette der Sonnentaus entwickelt sich ein Stand aus weißen Blüten, der sich bis zu 20 Zentimeter über die Moosoberfläche erheben kann. Die Blätter der Blattrosette sind gestielt und rund. Berührt man ein Blatt ganz vorsichtig, stellt man zwei Dinge fest. Das vermeintliche Tautröpfchen, das eigentlich ein Sekret von Verdauungsdrüsen ist, klebt und das Blatt beginnt sich nach oben zu wölben.

Ist eine Fliege, ein Käfer oder auch eine Libelle einmal in Kontakt mit den Tautropfen gekommen, gibt es keine Rettung mehr. Sie kleben fest; auf den Berührungsreiz hin klappt die Pflanze ihre Blätter über das gefangene Insekt und bringt es so mit möglichst vielen seiner Klebetröpfchen in Verbindung. Ist das Insekt zu groß, teilen sich benachbarte Pflanzen auch die Verdauungsarbeit. Das klebrige Sekret enthält Verdauungsenzyme, die das körpereigene Eiweiss des Insekts in seine Bausteine, die Aminosäuren zerlegen. Schnell werden die aufgeschlossenen Nährstoffe aufgenommen und in die Verteilungs- und Speicherorgane der Pflanze transportiert. Bereits nach zwölf Stunden haben die Nährstoffe Stängel und Wurzel des Sonnentaus erreicht. Die Pflanze kann nun ihrerseits wieder wachsen.

Licht und Fleisch auf dem Speiseplan
Um zu überleben, ist der Sonnentau zum Fleischfresser geworden. Wie alle anderen Pflanzen ihres Lebensraumes muss auch sie vor allem unter dem Stickstoffdefizit des Untergrundes fertig werden. Die Karnivorie ist allerdings lediglich ein Zusatzgeschäft. Der Sonnentau betreibt Photosynthese, dass heisst sie kann aus Kohlendioxid, Wasser und Licht körpereigene Substanzen aufbauen. Ist dann ihre Karnivorie Luxus oder Laune der Natur? Keineswegs. Die Fähigkeit, sich auf diese Art und Weise Nährstoffe zu beschaffen, macht die Pflanze in der Hochmoorvegetation konkurrenzstärker. Sie muss ständig wachsen, damit sie nicht von den Torfmoosen überwuchert und erstickt wird.

Dieses Wachstum als Wettlauf mit den Torfmoosen kann man noch zehn bis 20 Jahren in der Torfschicht nachweisen, da die schwer verrottbaren Stängel sich so lange erhalten. Was passiert also? Zu Beginn der Vegetationsperiode im Frühjahr wächst ein Stiel der zurückgezogenen Pflanze mehrere Zentimeter über die Oberfläche des Moospolsters. Auf der Spitze trägt er die Überwinterungsknospen, aus denen sich die erste Blattrosette der Pflanze entfaltet. Doch das Torfmoos schläft nicht. Mit einer Wachstumsgeschwindigkeit von 7 bis 19 Millimeter pro Jahr überwächst es die erste Rosette des Jahres, die schnell in der lebensfeindlichen Moospolster-Atmosphäre eingeht. Das Spiel wiederholt sich. Wieder treibt der Sonnentau seine gestielten Knospen an die Oberfläche und bildet eine neue Blattrosette. Aus diesem Wechsel kann man das Wachstum des Moospolsters anhand der Länge der unverrotteten Sonnentaustängel ablesen.

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