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Die letzte Balz in Sicht?

Das Birkhuhn auf verlorenem Posten

Morgendämmerung im Hochmoor. An dem angestammten Balzplatz haben sich die Birkhähne eingefunden, um sich dem Rivalenduell zu stellen. Die prachtvoll blauschwarzen, etwa einen halben Meter großen Vögel tun alles, um sich ins rechte Licht zu setzen. Wie ein Pfau schlagen sie die Schwanzfedern auf, so dass das weiße Untergefieder sichtbar wird. Drohend leuchten die roten Verdickungen über den Augen, die sogenannten "Rosen", dem Rivalen entgegen. Zunächst wird nur gezischt und gekullert – ein durchdringendes Geräusch, das auf den weiten Moorflächen über Kilometer zu hören ist. Kommt es zu Übergriffen, fliegen die Federn. Wild schlagen die Kerle mit den Flügeln und versuchen sich gegenseitig zu picken. Das Ziel ihrer Bemühungen, die etwas kleinere, unauffällig braunschwarz gefleckte Henne, beobachtet vom Rande des Balzplatzes aus das Geschehen. Bleibt sie auch im Hintergrund – die Wahl, welcher der Hähne Vater ihrer Küken wird, trifft sie ganz allein.

Birkhuhn © Naturpark Hohes Venn

Dieses Naturschauspiel ist sehr selten geworden. Mit der Zerstörung ihres Lebensraumes haben die letzten verbliebenen Birkhühner immer schlechtere Chancen, ihre Art im Lauf der Evolution zu erhalten. Doch nicht nur das vollständige Verschwinden der Moore gefährdet diese Art; auch die schleichende Degeneration der verbliebenen Restflächen machen den Erhalt der Tiere immer schwieriger.

Eiszeit-Veteran

Dabei ist die Art gar nicht mal unflexibel. Ihrem ursprünglicher Lebensraum, der eiszeitlichen Taiga mit ihren vielen Heidekrautgewächsen verdankt der Rauhfuß-Hühnervogel sein Erscheinungsbild. Das gut isolierende Federkleid bedeckt sogar die Beine, und das Angebot an holzigen Zwersträuchen haben die Birkhühner zu Nahrungsspezialisten gemacht. Sie besitzen einen großen, doppelten Blinddarm, der eine Darmflora beherbergt, die Holz verdauen kann. Nur so konnten sie sich die Zwergsträucher als Nahrungsquelle erschließen. Erst nachdem ihre natürlichen Lebensräume, die Moore und moorigen Heideflächen zerstört wurden, wichen die Birkhühner auf die vom Menschen geschaffenen halbnatürlichen Heideflächen und oftmals degenerierten Restmoore aus.

Jedoch – die Vegetation dieser Standorte ist verarmt: Auf dem reichhaltigen Speisezettel der Birkhühner stehen über hundert verschieden Beeren-, Samen-, Blatt- und Rindenarten. Die Jungen benötigen eiweissreiche Insektenkost. Die Vielseitigkeit ihres Nahrungsspektrums ist kein "kann", sondern ein "muss". Die einzelnen Futterpflanzen sind weder in üppigem Maß vorhanden noch sind sie besonders nährstoffreich. Die mangelnde Nahrungsvielfalt der Ersatzlebensräume führt zur Anfälligkeit gegen Infektionskrankheiten.

Vielschichtige Bedrohung

Krähe © U.S. Fish and Wildlife Service

An diesem Punkt werden die Gefährdungen des Birkhuhns vielschichtig und mögen anschaulich machen, dass man die drohende Gefahr eines Artensterbens nicht einfach wie eine Uhr zurückstellen kann. Über ausgewilderte Fasane kommen Krankheitserreger aus der Geflügelhaltung in die immungeschwächten Populationen der Moorreviere. Mäuse, die zunehmend die degenerierten Flächen besiedeln, locken den Habicht in die Moorgebiete, die auch die Birkhühner und ihre Küken nicht verschmähen. Als Bodenbrüter sind die Jungen ohnehin schon zunehmend durch bodenbewohnende Beutegreifer wie Fuchs und Rabenkrähe bedroht, die auch den Bruterfolg eines warmen und trockenen Jahres gefährden.

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Eine weitere, nicht zu unterschätzende Gefahr droht dem Birkhuhn durch den Menschen. Der spektakuläre Vogel lockt immer wieder Schaulustige an. Auch unbeabsichtigte Störungen vor allem im Winter können zum Tode von Tieren führen. In dieser entbehrungsreichen Zeit versucht das Birkhuhn Energie zu sparen, indem es sich vom Baum in den Schnee fallen lässt und vollständig eingräbt. In diesem "Iglu" mit Eingang verbringt es mit reduziertem Stoffwechsel 21 bis 22 Stunden des Tages in der kalten Jahreszeit. Nur morgens verlässt das Birkhuhn das Iglu, um Nahrung zu suchen. Bei einer Störung, zum Beispiel durch unachtsame Langläufer, flieht es und verbraucht dabei viel Energie. Bei häufigeren Störungen wird das Tier verhungern.

Als ehemals jagdbares Wild erfreut sich das Birkhuhn eines gewissen Bekanntheitsgrades in der Öffentlichkeit. Der Vorteil – sein Aussterben bleibt nicht unbemerkt. Wenn es nun auch Leitart für den Schutz seines bedrohten Lebensraumes ist, so kommt dies hoffentlich auch dem Moor und all seinen übrigen Bewohnern zugute. Die Frage ist nur, ob überhaupt noch etwas zu retten ist für das Birkhuhn und das Moor. Bemühungen gibt es ja…

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Stand: 13.10.2006

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Hochmoore in Bedrängnis
Vom Leben in Extremen

Wasser, Ton und viel, viel Zeit...
Wie Moore entstehen

Säure und Nährstoffmangel
Lebensbedingungen im Hochmoor

Was ist Torf?
Boden, Baustoff, Brennmaterial

Blick in die Vergangenheit
Blütenstaub als Forschungsobjekt

Hungerkünstler und Kampfstratege
Sphagnum – ein Moos als Landschaftsbildner

Glitzernde Falle
Der Sonnentau – Karnivor im Moor

Gemeinsam sind sie stärker...
Mykorrhiza als Überlebensstrategie

Zwergenwuchs und Sonnenschutz
Warum Wasserverlust im Hochmoor vermieden wird

Blau bevorzugt
Das Hochzeitskleid des Moorfroschs

Die letzte Balz in Sicht?
Das Birkhuhn auf verlorenem Posten

Der "brennende Rasen"
Die Nutzungsgeschichte des Torfs

Die Geister, die ich rief...
Mineralisierung und Klimabelastung

... werd` ich nun nicht los
Moorbrände, Nährstoffeintrag und Artensterben

Sind die Hochmoore noch zu retten?
Versuche zum Erhalt einer Naturlandschaft

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