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Blick in die Vergangenheit

Blütenstaub als Forschungsobjekt

Moore sind Dokumente der Erdgeschichte. In der unzersetzten organischen Materie spiegelt sich die Klima- und Vegetationsgeschichte seit der letzten Eiszeit wider. Wenn es gelingt, dieses Geschichtsbuch der Natur zu entschlüsseln, ist ein wichtiges und einzgartiges Werkzeug zur Bewertung der heutigen Klimaschwankungen zur Hand. Sind diese nur Wiederholungen auf einem breiten Klimaspektrum, das nicht wesentlich vom Menschen beeinflusst wird? Oder hat der Mensch bereits in einzigartiger Weise in die Klimaentwicklung unseres Planeten eingegriffen? Die Palynologie gibt wichtige Hinweise zur Beantwortung dieser Fragen.

Blütenpollen © P.v. Sengbusch, botanik online

Pollen, der Blütenstaub der Pflanzen, wird im Moor nicht zersetzt. Wie alle organische Substanz verhindern auch hier Sauerstoffabschluss und der niedrige pH-Wert, dass die Aussenhülle des Pollen abgebaut wird. Diese sogenannten Exine ist aus einem chemischen Stoff, dem Sporopollinin, aufgebaut, der zu den resistentesten natürlichen Verbindungen des Pflanzenreichs gehört. Weder starke Säuren oder Laugen noch Temperaturen bis etwa 300 Grad Celsius vermögen diese Exine zu zerstören. Die einzigartige Widerstandsfähigkeit erfüllt einen einleuchtenden biologischen Zweck – die Pflanze schützt ihre potentielle Nachkommenschaft mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen.

Die Oberflächenstruktur der Exine hat für jede Pflanzenart ihr ganz charakteristisches Erscheinungsbild. Der Experte kann unter dem Mikroskop die Pollen der zugehörigen Art zuordnen und nach ihrer Auszählung auf die Verteilung der Pflanzenarten rückschließen. Doch vor das Auszählung steht die Probenahme. Mit Hilfe eines Bohrkerns wird eine Probe des Moorbodens entnommen, und in festgelegten Abständen werden Teile dieses Bohrkerns auf die Anteile und die Verteilung des Pollens hin analysiert. Hieraus zieht der Palynologe Rückschlüsse, welche Moose, Gräser und Bäume im Laufe der Jahrhunderte im Moor und seinen Randbereichen wuchsen – er erstellt das Pollendiagramm.

Radioaktives Kohlenstoffisotop als Bezugsgröße

Zur zeitlichen Datierung fehlt jetzt nur noch ein Fixpunkt, die Bezugsgröße. Wenn man weiß, wie langsam das Moor wächst (ein bis zwei Millimeter pro Jahr) kann man mit nur einer Datierung im Bohrkern das Alter und die Entwicklung für das ganze Moorprofil bestimmen. Diese Bezugsgröße ist das radioaktive Kohlenstoffisotop 14C. In einem festen Verhältnis zum "normalen", zwölfwertigen Kohlenstoff nehmen Pflanzen 14C aus der Luft auf und bauen es in ihre Körpersubstanz ein. Das radioaktive Isotop zerfällt im Laufe der Jahrtausende. In 5700 Jahren ist nur noch die Hälfte des ursprünglich vorhandenen Kohlenstoff radioaktiv. Bestimmt man in der Torfprobe das Verhältnis zwischen dem normalen 12C und dem radioaktiven 14C, so kann man eindeutig das Alter der Probe datieren.

Was hat man von solch einer "Datenbank"? Nicht nur die Naturgeschichte der Moore kann man daraus ablesen, sondern auch die Kulturgeschichte des Menschen. Die ersten Ackerunkräuter konnten ihre Samen erst dann verbreiten, als auch ein Ackerbau betreibender Mensch ihnen einen Lebensraum geschaffen hat. Die Abfolge der Getreidesorten im Moorprofil gibt Aufschluß darüber, was die Bewohner der Region hauptsächlich angebaut haben. Die Samen von fremden Arten, die über die Handelsreisen eingeschleppt wurden, zeigen mit ihren erstmaligen Auftreten im Pollendiagramm ihre Ankunft auf dem europäischen Kontinent an.

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Neben der Pollenanalyse hat das Moorprofil aber noch mehr zu bieten. Auch Schadstoffgehalte werden konserviert. Über die Schwermetallgehalte im Moor kann man zum Beispiel ablesen, wann die Erzverhüttung zur Römerzeit stark zunahm, und auch die zunehmende Umweltbelastung durch die Industrialierung spiegelt sich in dem Profil der Moore. Ein wahrhaft vielschichtiges Geschichtsbuch!

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Stand: 13.10.2006

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Hochmoore in Bedrängnis
Vom Leben in Extremen

Wasser, Ton und viel, viel Zeit...
Wie Moore entstehen

Säure und Nährstoffmangel
Lebensbedingungen im Hochmoor

Was ist Torf?
Boden, Baustoff, Brennmaterial

Blick in die Vergangenheit
Blütenstaub als Forschungsobjekt

Hungerkünstler und Kampfstratege
Sphagnum – ein Moos als Landschaftsbildner

Glitzernde Falle
Der Sonnentau – Karnivor im Moor

Gemeinsam sind sie stärker...
Mykorrhiza als Überlebensstrategie

Zwergenwuchs und Sonnenschutz
Warum Wasserverlust im Hochmoor vermieden wird

Blau bevorzugt
Das Hochzeitskleid des Moorfroschs

Die letzte Balz in Sicht?
Das Birkhuhn auf verlorenem Posten

Der "brennende Rasen"
Die Nutzungsgeschichte des Torfs

Die Geister, die ich rief...
Mineralisierung und Klimabelastung

... werd` ich nun nicht los
Moorbrände, Nährstoffeintrag und Artensterben

Sind die Hochmoore noch zu retten?
Versuche zum Erhalt einer Naturlandschaft

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