CO2: Auf Rekordkurs trotz Corona - 17 Megatonnen CO2 pro Tag weniger, atmosphärisches CO2 steigt trotzdem - scinexx.de
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CO2: Auf Rekordkurs trotz Corona

17 Megatonnen CO2 pro Tag weniger, atmosphärisches CO2 steigt trotzdem

CO2-Kurve
Entwicklung der CO2-Monatswerte auf dem Mauna Loa auf Hawaii – sie gelten als Referenzwerte für den globalen Trend. © NOAA/ NPS

Paradoxer Trend: Die Kohlendioxidwerte der Atmosphäre steigen weiter – trotz Corona-Pandemie und Lockdowns. Zwar wurde in den letzten Wochen weltweit täglich rund 17 Prozent weniger CO2 emittiert. Dennoch haben Wissenschaftler neue Rekordwerte des atmosphärischen CO2-Gehalts für März und April 2020 ermittelt. Grund für dieses scheinbare Paradox ist die Trägheit, mit der das atmosphärische CO2-Reservoir auf kurzfristige Veränderungen reagiert.

Die Welt im Corona-Lockdown: Um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, haben viele Länder in den letzten Wochen und Monaten ihr öffentliches Leben heruntergefahren. Menschen blieben zuhause, arbeiteten gar nicht oder im Homeoffice und in vielen Fabriken standen die Bänder still. Als Folge nahmen nicht nur Verkehrslärm und seismische Erschütterungen messbar ab, auch die Emissionen von Luftschadstoffen sind vielerorts gesunken, wie Satellitenmessungen belegen.

Kurzfristiger Emissions-Rückgang

Doch welchen Effekt hat der Lockdown auf das Klima und den Treibhausgas-Ausstoß? Nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA) könnte der globale CO2-Ausstoß aus fossilen Energiequellen im Jahr 2020 immerhin um etwa acht Prozent sinken. Dieser Effekt der Corona-Krise wäre der stärkste jährliche Rückgang nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Man würde demnach erwarten, dass sich dieser Trend auch im CO2-Gehalt der Erdatmosphäre niederschlägt.

Tatsächlich gibt es erste Hinweise auf einen solchen Rückgang der Emissionen. So registrierten Wissenschaftler des Forschungszentrums Jülich bei Messungen mit Stratosphärenballons leichte Abnahmen einiger anthropogener Gase: „Die Absolutwerte sind zum Beispiel für CO2 niedriger als erwartet“, berichtet Johannes Laube. „Allerdings handelt es sich im Vergleich zu den mittlerweile normalen Konzentrationen nur um sehr kleine Unterschiede.“

17 Megatonnen CO2 pro Tag weniger

Update 20. Mai 2020: Ein Forscherteam um Corinne le Quéré hat am 19. Mai 2020 eine neue Schätzung dazu veröffentlicht, wie stark die Corona-Krise die CO2-Emissionen weltweit gesenkt hat. Eine Schätzung deshalb, weil es bislang keine Echtzeit-Erfassung des Ausstoßes gibt, nationale Statistiken hinken zum Teil um Jahre hinterher. Deshalb griffen die Forscher auf Daten zu Energie- und Rohstoffverbrauch, Industrieproduktion und Verkehrsaufkommen in 69 Ländern zurück.

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Das Ergebnis: Die auf den 7. April 2020 bezogene Schnellschätzung kommt auf einen Corona-bedingten täglichen Rückgang um 17 Megatonnen CO2 pro Tag – das ist relativ zum Vor-Corona-Niveau von 100 Megatonnen ein Rückgang um 17 Prozent. Den größten Anteil am Rückgang hat der Straßen- und Schienenverkehr mit 7,5 Megatonnen, gefolgt von der Produktion von Gütern und Dienstleistungen mit 4,3 Megatonnen und die Stromerzeugung mit 3,3 Megatonnen. Auf den Luftverkehr entfallen 1,7 Megatonnen.

…aber noch wenig Auswirkungen

Das Problem jedoch: Selbst wenn regional und vor allem in den Ballungsräumen momentan weniger CO2 ausgestoßen wird, reagiert die Atmosphäre als Ganzes nur langsam. Einmal freigesetztes Kohlendioxid hat eine Verweildauer von Jahrhunderten. Zudem machen sich die kurzfristigen Emissionsreduktionen im Vergleich zum riesigen CO2-Reservoir der Atmosphäre kaum bemerkbar.

„Der Shutdown sorgt also nicht dafür, dass die CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre deutlich geringer werden“, sagt Laube. Ähnliches betont auch die US-Atmosphärenforschungsbehörde NOAA: „Wenn die Emissionen beispielsweise in einem Monat um 25 Prozent sinken, dann würde dies den monatlichen Mittelwert für den Gesamt-CO2-Wert der Atmosphäre nur um rund 0,2 ppm senken.“

CO2-Messwerte
Messwerte der atmosphärischen CO2-Konzentration auf der Zugspitze (blau) und auf Hawaii (orange). © Umweltbundesamt, NOAA et al.

Rekordwerte im atmosphärischen CO2-Gehalt

Genau das belegen nun auch die aktuellen Messwerte. Demnach sind die CO2-Werte auf der Zugspitze im März 2020 auf 418 parts per million (ppm) angestiegen – fast drei ppm mehr als im März 2019 und ein neuer Rekord. Auch im April 2020 lagen die CO2-Werte mit 415,779 ppm höher als im Vorjahr, wie das Umweltbundesamt berichtet.

Ähnliches zeigen die Werte der CO2-Messstation auf dem Mauna Kea auf Hawaii. Sie gilt als globale Referenzstation für den Treibhausgehalt der Atmosphäre. Wie die NOAA mitteilt, erreichte der Monatsmittelwert für April einen CO2-Gehalt von 416,21 ppm. Dies sind 2,88 ppm mehr als im gleichen Monat des Vorjahres. Für Mai erwartet die NOAA sogar einen neuen Jahresrekord. Denn typischerweise erreichen die globalen CO2-Werte in diesem Monat ihren saisonalen Höchststand.

Kurze CO2-Pause reicht nicht

Das bedeutet: Aufgrund des Corona-Shutdowns sinken die Emissionen zwar kurzfristig, die CO2-Konzentration in der Atmosphäre steigt jedoch weiter – möglicherweise nur etwas langsamer. „Die kurze Pause aufgrund des Shutdowns reicht bei weitem nicht, um die Klimaentwicklung auf einen Pfad zu lenken, der dem Klimaziel von Paris entspricht“, erklärt Mojib Latif, Klimaforscher und Vorsitzender des Deutschen Klima-Konsortiums. Dazu wäre in den kommenden Jahrzehnten ein jährlicher Rückgang des CO2-Ausstoßes in mindestens der gleichen Größenordnung nötig.

Nur durch eine kontinuierliche Verringerung des CO2-Ausstoßes könne der Klimawandel abgebremst werden. „Und das sagen wir bewusst mit Blick auf die Debatten zu den Konjunkturprogrammen“, heißt es in einem Statement des Deutschen Klimakonsortiums. „Es geht bei der Bewältigung der Covid-19-Krise jetzt um einen Wettbewerb der besten Ideen, wie die Wirtschaft gefördert und gleichzeitig der CO2-Ausstoß deutlich verringert werden kann.“

Auch die NOAA äußert sich ähnlich: „Ändert sich nichts, wird das CO2 mit fast der gleichen Rate weiter ansteigen“, so die US-Behörde. Das illustriert, dass wir aggressive Investitionen in alternative Energiequellen brauchen, um den globalen Klimanotstand anzugehen.“

Quelle: National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), Deutsches Klima-Konsortium e.V., FZ Jülich, TU Berlin

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