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Corona-Lockdown: Erde wird stiller

Seismisches Störrauschen durch menschliche Aktivitäten ist messbar gesunken

Seismisches Rauschen
Das seismische Störrauschen durch menschliche Aktivitäten hat vielerorts schon messbar abgenommen. © NASA/ BGR

Weniger Erschütterungen: Die Folgen der Corona-Pandemie sind sogar mit Seismometern messbar – es gibt weniger Vibrationen in der Erdkruste. Das seismische Störrauschen durch den Straßenverkehr, Züge und andere anthropogene Aktivitäten hat bereits abgenommen, wie Messtationen in verschiedenen Teilen der Welt belegen. Ursache dafür sind die in vielen Ländern geltenden Maßnahmen gegen die Weiterverbreitung des Coronavirus.

Inzwischen sind in vielen Ländern weltweit Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 in Kraft. Schulen, Universitäten und die meisten Gaststätten, Hotels und Geschäfte sind geschlossen, viele Unternehmen haben ihre Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt oder die Produktion heruntergefahren. In manchen Ländern gelten sogar strikte Ausgangssperren.

Downtown Wuhan
Nächtliche Beleuchtung in Wuhan vor und nach der Ausgangssperre. © NASA Earth Observatory/ Suomi NPP

Messbare Folgen in der Luft – und im Untergrund

Dieser weitreichende „Lockdown“ ganzer Gesellschaften hat Folgen, die inzwischen sogar aus dem All sichtbar werden. Nachtaufnahmen des Suomi-NPP-Satelliten zeigen beispielsweise, dass die nächtliche Beleuchtung der Stadt Wuhan – dem Ausbruchsort der Corona-Pandemie – sich nach Inkrafttreten der Reiseblockade und Ausgangssperren abgeschwächt hat. Der verringerte Verkehr hat zudem dazu geführt, dass die Stickoxid-Emissionen in China, aber auch über Europa deutlich abgenommen haben.

Doch auch die Erde selbst zeigt erste Reaktionen – sie ist ruhiger geworden. Denn normalerweise erzeugen Straßenverkehr, Züge, Bohrungen und andere anthropogenen Aktivitäten ständig niederschwellige Erschütterungen in der Erdkruste. Dieses Summen zeigt sich als omnipräsentes Störrauschen in den Messdaten von Seismometern. Zwar sind die von diesem Rauschen erzeugten Ausschläge nur klein, in manchen Frequenzen reicht dies aber aus, um schwache Beben zu überdecken.

Weniger seismisches Störrauschen

Jetzt zeigen Messungen, dass dieses seismische Störrauschen vielerorts schon messbar abgenommen hat. So postete der Seismologe Thomas Lecocq vom Königlich Belgischen Observatorium in Brüssel am 21. März in einem Tweet ein Diagramm, das diesen Effekt zeigt. Wie Lecocq erklärt, ist ein solcher Abfall des seismischen Rauschens sonst nur an den Weihnachtsfeiertagen zu beobachten. In Belgien sind seit dem 14.März Schulen, Geschäfte und öffentliche Einrichtungen geschlossen, seit 18. März sind zudem nur noch essenzielle Fahrten erlaubt.

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Lockdown-Effekt auch in England und Kalifornien

Einen ähnlichen „Lockdown“-Effekt registrierte auch eine britische Messstation in der Nähe der Autobahn M4, sowie eine Station in der Nähe von Los Angeles, wie Seismologen berichten:

Forscher erwarten, dass sich ein solcher Abfall des seismischen Störrauschens im weiteren Verlauf der Corona-Pandemie auch an weiteren Messstationen zeigen wird. Allerdings: Viele Messnetze und Seismometer sind an Orten installiert, die möglichst geringen anthropogenen Erschütterungen ausgesetzt sind – beispielsweise in entlegenen Wüstengegenden, in tiefen Bohrlöchern oder fernab von Straßen. Bei ihnen könnte sich der Lockdown-Effekt daher weniger stark bemerkbar machen.

Chance für die Seismologie

Für die Seismologen ist die ruhiger werdende Erdkruste ein echter Gewinn. Denn sie können nun wertvolle Daten über Ereignisse sammeln, die normalerweise im Störrauschen untergehen. Dazu gehören beispielsweise schwache Erdstöße nach einem größeren Erdbeben, aber auch die Erschütterungen, die unter einem Vulkan aufsteigendes Magma hervorruft.

Selbst die subtilen Effekte, die sich verändernde Grundwasserstände auf durch sie hindurchziehende Bebenwellen haben, könnten sich nun messen lassen. Insgesamt könnte der Lockdown-Effekt damit den Forschern neue Möglichkeiten bieten, in unseren Planeten hineinzuhorchen.

Quelle: Nature News, doi: 10.1038/d41586-020-00965-x; Twitter

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