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Gold um jeden Preis?

Der Dammbruch von Baia Mare

Der Kreis Maramureș im Norden Rumäniens ist weltbekannt – zumindest bei Menschen, die sich für landestypische Sakralarchitektur interessieren. Denn hier stehen acht Holzkirchen, die allesamt ebenso schöne wie schlanke Glockentürme und mit Schindeln gedeckte Dächer besitzen. Grund genug für die UNESCO, die Holzkirchen in der Maramureș im Jahr 1999 in ihre Liste des Weltkulturerbes aufzunehmen.

Die Region Maramureș ist jedoch nicht nur ein lohnendes Ziel für religiöse Menschen oder Architekturfans, sondern auch für Bergbau-Unternehmen. Insbesondere im Gebiet um die 140.000 Einwohner zählende Stadt Baia Mare liegen Gold, Silber, Zink, Blei, Kupfer und andere wichtige Rohstoffe versteckt im Boden. Der Abbau ist bereits seit Jahrzehnten im Gange, das sieht man auf den ersten Blick: Denn rund um Baia Mare bestimmen aufgegebene Minen und hunderte riesige Abraumhalden das Landschaftsbild. Wie viele es genau sind, weiß keiner.

Kamin einer Kupferhütte © CC by-sa 3.0

Bergbau mit fatalen Folgen

Die Folgen dieses ungezügelten Bergbaus sind dramatisch. Schon seit langem ist „Baia Mare eine der Städte mit den schlechtesten Luft-, Boden- und Wasserwerten in Europa, kontaminiert mit giftigen Schwermetallverbindungen und toxischen Chemikalien. […] Auch deshalb liegt die Lebenserwartung der Menschen von Baia Mare deutlich unter dem Landesdurchschnitt“, heißt es dazu im Jahr 2010 in der Sendung „Gesichter Europas“ des Deutschlandfunks.

Zu einem Mahnmal geworden ist Baia Mare aber nicht wegen der Gesundheitsprobleme seiner Bürger, sondern wegen eines spektakulären Dammbruchs am 30. Januar 2000 und seinen Folgen. Denn damals liefen gegen 23 Uhr mindestens 300.000 Kubikmeter mit Schwermetallen versetzte Natriumzyanidlauge aus dem Abwasserbecken einer Golderz-Aufbereitungsanlage aus. Benötigt wurde das Gebräu aus dem Chemielabor, um dem Abraum aus der normalen Golderz-Gewinnung über mehrere Zwischenschritte auch noch den letzten Rest des wertvollen Edelmetalles zu entziehen.

Grundbruch bringt Damm zum Bersten

„In Rumänien wurde das nahe am Damm gelegene Bozinta Mare stark betroffen: Die giftige Masse rann durch das Dorf und vergiftete Trinkwasser und Erdboden. Die Gründe des Unfalls wurden später als eine Kombination von Konstruktionsfehlern, unzureichendem Risikomanagement und extremen Wetterverhältnissen identifiziert“, berichtet Greenpeace Österreich auf seiner Website. Der Tropfen, der das Fass letztlich zum Überlaufen brachte war – soweit man heute weiß – ein Einbruch des Bodens unter dem künstlichen See. Die Bresche im Damm wurde erst am 2. Februar geschlossen.

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Săsar 2008 © Biruitorul / gemeinfrei

Gigantische Umweltkatastrophe

Das Zyanid-Abwasser verseuchte aber nicht nur Orte wie Bozinta Mare, es strömte auch in Bäche und Flüsse wie Săsar oder Szamos und drang so bis nach Ungarn vor. Dort war vor allem die Theiß von der Giftwasserwelle betroffen, die nach 14 Tagen schließlich in der Donau landete. Die Bilanz des Unglücks: Zerstörte Ökosysteme, 1.400 Tonnen toter Fisch, viele langfristig arbeitslose Fischer und massive Probleme bei der Trinkwasserversorgung in vielen Städten Ungarns.

Wie hochkonzentriert die Giftbrühe tatsächlich war, stellte sich später bei der Untersuchung der Umweltkatastrophe heraus. So lagen die Ausgangswerte an Natriumzyanid im Wasser bei erstaunlichen 405,5 Milligramm pro Liter (mg/l). Zur Orientierung: Gefährlich für Fische sind bereits Konzentrationen von 0,01 bis 0,05 mg/l.

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Dieter Lohmann
Stand: 12.11.2010

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Seveso, Kolontár und Co.
Sind Chemieunfälle vermeidbar?

Tatort Bhopal
Der größte Chemieunfall aller Zeiten

Bhopals giftiges Erbe
Die Katastrophe ist noch lange nicht vorbei

Dioxin-Desaster in Italien
Das Seveso-Unglück

Dementis, Lügen und verlorene Fässer
Die Praktiken der Chemiebosse

Der Kampf gegen Chemieunfälle
Richtlinien und Konventionen

Gold um jeden Preis?
Der Dammbruch von Baia Mare

Umweltdesaster ohne Konsequenzen
Die Moral der Betreiber

Baia Mare 2.0
Die „rote Flut“ in Ungarn

Eine angekündigte Katastrophe
Kolontár - die Ursachen

Nie wieder Seveso?
Chemieunfälle drohen auch in Zukunft

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