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Tatort Bhopal

Der größte Chemieunfall aller Zeiten

Karte von Indien mit Bhopal (rot) © CIA World Fact Book / gemeinfrei

Indien, genauer gesagt Bhopal. Es ist der 3. Dezember 1984. Inmitten eines dichtbesiedelten Armenviertels der Stadt steht ein riesiges Chemiewerk. Darin werden große Mengen des Schädlingsbekämpfungsmittel Sevin produziert – normalerweise. Denn die Anlage, die der US-amerikanischen Union Carbide Corporation gehört, läuft im Moment nur auf Sparflamme.

Unheil aus Tank E610

Die wenigen Arbeiter, die da sind, führen lediglich Wartungs- und Kontrollarbeiten durch, die eigentliche Produktion steht still. Grund: Absatzmangel für Sevin. Entsprechend unaufgeregt geht es in der Fabrik zu, alles geht routinemäßig seinen Gang. Doch kurz nach Mitternacht ändert sich das Szenario plötzlich. Es kommt zum bisher vielleicht schlimmsten Chemieunglück aller Zeiten.

Das Unheil hat seinen Ursprung im Tank E610 der Union Carbide Fabrik. Darin befinden sich zu diesem Zeitpunkt große Mengen an so genanntem Methylisocyanat (kurz MIC). Dabei handelt es sich um eine extrem reaktionsfreudige chemische Verbindung, die als Grundbaustein für die Sevinherstellung dient.

Soweit so gut. Doch dann passiert das, was auf keinen Fall geschehen darf: Hunderte Liter Wasser strömen in den Behälter mit dem Methylisocyanat, aufgrund einer Panne oder durch Sabotage, so genau weiß das bis heute keiner. Sie sorgen dort für eine fatale Kettenreaktion: Beim Aufeinandertreffen von MIC und H2O bilden sich zunächst große Mengen an CO2. Dies sorgt in der Folge für eine dramatische Druckzunahme innerhalb des Metalltanks.

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Tödlicher Schleier

Irgendwann ist es dann soweit: die Überdruckventile bersten und das hochgiftige MIC und andere gefährliche chemische Substanzen strömen explosionsartig aus. Innerhalb kürzester Zeit bildet sich eine riesige Giftgaswolke mit bis zu 40 Tonnen MIC in der Stadt. Eine sofortige Warnung der Bevölkerung bleibt aus.

„Schwerer als Luft und getragen von einem Nord-Süd-Wind legte sich das giftige Gas wie ein unsichtbarer Schleier über die schlafende Metropole im Herzen des Subkontinents“, beschreibt die Fernsehsendung „Nano“ Jahre später das, was in der Nacht vom 2. auf den 3. Dezember in Bhopal passierte. Jeder, der mit dem Methylisocyanat in Berührung kommt, hat mindestens mit schweren Hustenanfällen zu kämpfen. Die meisten erleiden jedoch ebenso schmerzhafte wie gefährliche Verätzungen beispielsweise der Schleimhäute oder der Augen.

Entzündete Augen und Schaum vor dem Mund

Eine der Betroffenen, Rasheeda Bee, beschreibt auf der Website von Greenpeace Deutschland die persönlichen Folgen so: „Eine giftige Windbö traf uns. […] Unsere Augen waren entzündet, wir konnten sie nicht öffnen, wir liefen blind. Mein Vater, meine Schwester, jeder hatte Schaum vor dem Mund. Wir wussten nicht, was wir tun sollten, also liefen wir soweit wir konnten und saßen schließlich einfach nur da.“ Bei vielen Menschen, die das Giftgas längere Zeit einatmen, werden auch die inneren Organe in Mitleidenschaft gezogen – oder es kommt zu Hirnschäden und später zu Unfruchtbarkeit.

Bilanz des Schreckens

Die Bilanz des Schreckens: Laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty International starben über 7.000 Menschen in den ersten Tagen nach der Katastrophe, mehr als 20.000 erlagen später den Langzeitfolgen der toxischen Gase. Hunderttausende erlitten zudem schwerwiegende Verletzungen. Darüberhinaus kamen in der Region Bhopal in den Jahren nach dem Giftgasunglück deutlich mehr Kinder als früher mit Fehlbildungen oder anderen genetischen Defekten zur Welt.

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Dieter Lohmann
Stand: 12.11.2010

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Seveso, Kolontár und Co.
Sind Chemieunfälle vermeidbar?

Tatort Bhopal
Der größte Chemieunfall aller Zeiten

Bhopals giftiges Erbe
Die Katastrophe ist noch lange nicht vorbei

Dioxin-Desaster in Italien
Das Seveso-Unglück

Dementis, Lügen und verlorene Fässer
Die Praktiken der Chemiebosse

Der Kampf gegen Chemieunfälle
Richtlinien und Konventionen

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Der Dammbruch von Baia Mare

Umweltdesaster ohne Konsequenzen
Die Moral der Betreiber

Baia Mare 2.0
Die „rote Flut“ in Ungarn

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Kolontár - die Ursachen

Nie wieder Seveso?
Chemieunfälle drohen auch in Zukunft

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