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Sonntag, 18.11.2018
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Wahre Worte?

Wahrheit in der Literaturwissenschaft

Ein Buch unter dem Arm tragen, lesend auf den Bus warten oder sich am Strand liegend in eine andere Welt verführen lassen – Literatur begleitet Menschen in allen Lebenssituationen. Auch die Anglistin Sibylle Baumbach liebt Bücher – nur sieht sie diese auch aus der Perspektive der Wissenschaft. Als Professorin am Institut für Anglistik ist etwa Shakespeare ihr täglicher Begleiter. hunderte Jahre alte Texte werden noch immer wissenschaftlich durchleuchtet und auf neue Lesarten untersucht.

Literatur: Immer neue Perspektiven und Wahrheiten über unsere Welt.

"Die Literatur ermöglicht uns viele Zugänge zu unterschiedlichen Welten", erläutert Baumbach. "Zum einen geben uns Texte Einblicke in Denk- und Sichtweisen der Zeit, in der sie entstanden sind. Zum anderen erhalten wir durch literarische Texte immer neue Perspektiven auf die Welt, in der wir leben: sie halten uns gewissermaßen den Spiegel vor, hinterfragen vermeintliche ‚Wahrheiten’ und bieten neue Perspektiven auf unsere Lebenswelt." Dies gilt auch für Shakespeares Dramen. So werden in Stücken wie "Othello" oder "Der Kaufmann von Venedig" Konstruktionen des Eigenen und Anderen kritisch verhandelt.

Konstruierte Welten und Wahrheiten


Zugleich erinnern uns Shakespeares Stücke an die Tatsache, dass wir in einem großen Welttheater leben, in dem wir unterschiedliche Rollen spielen. So heißt es in dem Stück "Wie es euch gefällt": "Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler. Sie treten auf und geben wieder ab, sein Leben lang spielt einer manche Rollen." Das Bild der Weltbühne verweist darauf, dass unterschiedliche Welten und Wahrheiten, in denen wir leben, konstruiert sind – durch die Menschen, die in ihnen leben, deren Handlungen, aber auch vor allem durch Sprache.

Sprache erschafft ganze Welten und die Literatur führt uns nicht zuletzt auch diese Macht von Sprache vor Augen. "Wahrheit ist ein schwieriger Begriff. Die einzig wahre Interpretation eines Textes gibt es nicht", betont Baumbach. Jeder Text bietet ein Potenzial an unterschiedlichen Deutungsmöglichkeiten, die auch bedingt sind durch die kulturellen und historischen Zusammenhänge, in denen ein Text entsteht und in denen ein Text gelesen wird.

Titelblatt der deutschen Erstausgabe von Orwells Roman "1984"

Titelblatt der deutschen Erstausgabe von Orwells Roman "1984"

Jede Zeit schafft ihre Deutungen


George Orwells "1984" zum Beispiel hat jüngst, gut 70 Jahre nach der Erstveröffentlichung, wieder die Bestsellerlisten erstürmt – in einer Zeit, in der von Fake-News und alternativen Fakten gesprochen wird, ist Orwells dystopischer Roman, in dem Wahrheit das ist, was die Machthaber als solche definieren, wieder hochaktuell. Gerade die Literatur bietet uns Wahrheiten, die jetzt wieder brisant werden und die wir neu entdecken müssen.

"Die Literaturwissenschaft sucht jedoch nicht nach Wahrheit, sondern eröffnet Deutungsmöglichkeiten, die uns helfen, Werke und vergangene sowie aktuelle Welten zu verstehen", sagt Baumbach. Hierin besteht zugleich der Reiz der Wissenschaft. "Gerade das Nicht-fertig-Werden und das Entdecken immer neuer Dimensionen ist ein unglaublich spannender Prozess, auch wenn es oft schwierig und langwierig ist, zu einem Ergebnis zu kommen."

Als Teilergebnis auf dem Weg zu einem großen Ganzen sieht Baumbach ihre Ergebnisse, die weiterhin Grundlage von neuen Fragestellungen sein werden. Häufig sei auch die Entwicklung von Themen, an denen man arbeitet, schwer nachzuvollziehen. "Der Deutungsprozess ist nie am Ende, sonst wäre der Beruf auch nicht so spannend. Auch für uns bleibt es immer noch ein Lernprozess, in dessen Verlauf wir stets Neues entdecken."

Bei allen Unterschieden in den methodischen Zugängen sind sich alle fünf Forscherinnen und Forscher einig: "Fertig" ist Wissenschaft nie, "Heureka" ein Klischee – und sie sprechen damit wohl stellvertretend für ihre Disziplinen.
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Universität Innsbruck
Stand: 26.10.2018
 
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