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Was die Statistik über Wahrheiten verrät

„Wahrheit ist keine Kategorie“

Der Statistiker Achim Zeileis berechnet alle zwei Jahre den wahrscheinlichsten Gewinner der jeweiligen Fußball-Europa- oder -Weltmeisterschaft, arbeitet gemeinsam mit den hiesigen Meteorologen an unterschiedlichen Projekten zur Wettervorhersage und hilft, den Baumbestand in tropischen Regenwäldern automatisiert zu erfassen.

Kann die Statistik absolute Wahrheiten liefern? © SolStock/ iStock

Präzise, aber nicht absolut

Als Statistiker verwendet er mathematische Methoden, da liegt der Schluss nahe, dass jemand, der mit dieser vermeintlich exakten Disziplin vertraut ist, auch dem Begriff der Wahrheit einiges abgewinnen könnte. Weit gefehlt. „Wahrheit ist in meiner Arbeit eigentlich keine Kategorie, in der ich meine Ergebnisse messe. Da müsste es etwas Absolutes geben, das Zeit und Raum und alle Veränderungen überdauert. Und mein statistisches Modell oder meine Theorie müsste ich dann unendlich lange testen können, um zu wissen, dass sie auch wirklich dem allen Stand hält“, sagt Zeileis.

Der Forscher beschäftigt sich qua Beruf lieber mit Wahrscheinlichkeiten: Wie wahrscheinlich regnet es morgen zu Mittag, welche Mannschaft gewinnt mit welchen Chancen die Fußball-Weltmeisterschaft? Das heißt nicht, dass Präzision keine Rolle spielt, ganz im Gegenteil: „Es geht darum, mit den vorhandenen Informationen so präzise wie möglich zu sein und diese Präzision auch zu beziffern. Wie groß sind denn die Fehler, die ich mache?“

Zeileis erklärt weiter: „Das das möchte ich dann auch an der Wirklichkeit abschätzen können. Solang ich die Fehlergröße richtig einschätze, kann ich mit dem Modell arbeiten. Was nicht heißt, dass nicht jemand das Modell noch verbessert.“

Hypothesen unter der Lupe

Neben dem Einsatz bei Prognosen – etwa der Wettervorhersage – spielt die Statistik bei der Überprüfung von Hypothesen eine wichtige Rolle. „Im weitesten Sinn geht es in der Statistik darum, Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen. Die Statistik versucht, bei begrenzten Informationen, konkurrierende Risiken gegeneinander abzuwägen und sich für etwas mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit zu entscheiden“, sagt der Statistiker Achim Zeileis.

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Wirksam oder nicht? Diese Frage kann Statistik beantworten – aber nicht immer umfassend und absolut. © Edioimages/ thinkstock

Ein klassisches Beispiel für einen Hypothesentest wäre etwa die Wirksamkeit eines Medikaments: „Ich habe ein neues Medikament, ein bisheriges und ein Placebo und die Hypothese ist, das neue Medikament ist besser als das alte. Oder eben nicht, ich muss also eine Entscheidung zwischen den beiden treffen und zur Kontrolle gibt es einen Versuch mit Placebos. Ich mache das dann auf Basis empirischer Daten und kann die dabei möglichen Fehler gegeneinander abschätzen“, erklärt Zeileis.

Immer nur ein Ausschnitt

Und selbst nach diesem Test gibt es Raum für Unsicherheiten: „Wenn ich sage, das neue Medikament ist besser als das alte, habe ich noch nicht gesagt, um wie viel genau. Da können dann Folgestudien, wenn sie grundsätzlich diese Entscheidung bestätigen, sagen, der Effekt ist aber viel größer oder viel kleiner, für Männer ist er größer als für Frauen, das Körpergewicht spielt eine überdurchschnittliche Rolle und so weiter.“

Gerade die Medizin und verwandte Felder sind anfällig für übertriebene Panik- oder Erfolgsmeldungen: Wenn Kaffee zum Beispiel gleichzeitig als krebserregend und unbedenklich gilt, je nachdem, welche Medien man zu welchem Zeitpunkt konsultiert. „Zwei vermeintlich widersprüchliche Schlagzeilen sind vielleicht gar nicht so extrem widersprüchlich, wenn man die dazugehörigen Artikel gelesen hat“, sagt Zeileis.

Kein Anlass zu grundsätzlicher Skepsis

Darauf nicht grundsätzlich mit Wissenschaftsskepsis zu reagieren, dabei sieht der Forscher jeden einzelnen und jede einzelne in der Pflicht. „Wichtig ist es zu verstehen, dass man empirisch überprüftes Wissen sinnvoll einsetzen kann, auch wenn es nicht zu hundert Prozent ‚fertig‘ ist und wahrscheinlich auch nie ‚fertig‘ sein wird.“

Dass sich solches Wissen noch verändern könne, sei nicht auf dem gleichen Level mit „Ich denk mir meine eigene Wahrheit aus und das hat exakt den gleichen Stellenwert“. Dieses Niveau hätte es nur, wenn man das auch empirisch abprüfte. „Da sind viele sogenannte Skeptiker allerdings sehr viel robuster dabei, die Wirklichkeit zu ignorieren. Aber das sind Einzelfälle“, so Zeileis.

Expertinnen und Experten beschäftigen sich jahrelang mit ihren Feldern: „Nicht bei jedem Thema wird man als Konsument mit der gleichen Aufmerksamkeit dabei sein können, und das verlangt auch niemand“, sagt Zeileis. „Es gibt ja viele Dinge, die viele von uns nicht können und trotzdem funktioniert unsere Gesellschaft. Aber gerade deshalb ist es wichtig, Experten zu haben, Forscherinnen und Forscher, die sich genau in einem Thema gut auskennen, damit nicht jeder von uns Experte für alles sein muss.“

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Universität Innsbruck
Stand: 26.10.2018

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Echt wahr?
Wahrheit im Spiegel der Wissenschaft

Überprüfbarkeit und Reflexion
Populismus, Einstein und die Messbarkeit der Dinge

"Wahrheit ist keine Kategorie"
Was die Statistik über Wahrheiten verrät

Zwischen Wunderpille und Panikmache
Die Suche nach Wahrheiten in der Arzneimittelforschung

Was ist überhaupt Realität?
Wahrheit und die Medienwissenschaft

Wahre Worte?
Wahrheit in der Literaturwissenschaft

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