Archäologen weisen 35.000 Jahre alte Musiktradition in Südwestdeutschland nach Schon Steinzeitmenschen spielten Flöte - scinexx | Das Wissensmagazin
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Archäologen weisen 35.000 Jahre alte Musiktradition in Südwestdeutschland nach

Schon Steinzeitmenschen spielten Flöte

Flötenfragmente im Gelände © M. Malina / Universität Tübingen

Tübinger Forscher haben in der Höhle Hohle Fels und im Vogelherd in Südwestdeutschland die ältesten Belege für Musikinstrumente entdeckt. Die nahezu vollständige Knochenflöte und einzelne Fragmente dreier Elfenbeinflöten sind älter als 35.000 Jahre, schreiben die Wissenschaftler jetzt in der aktuellen „Nature“-Ausgabe.

Der bedeutendste dieser Funde, eine fast vollständige Knochenflöte, wurde in der untersten Schicht des so genannten Aurignacien, der ältesten mit dem modernen Menschen in Verbindung gebrachten Kultur in Europa, im Hohle Fels im Achtal, 20 Kilometer westlich von Ulm, entdeckt. Die Archäologen bargen die Flöte in zwölf Bruchstücken, die in einem kleinen Bereich von vertikal drei Zentimetern (cm) und horizontal von zehn cm auf 20 cm gefunden wurden. Diese Flöte ist das bei weitem vollständigste aller bisher in den Schwäbischen Höhlen entdeckten Musikinstrumente.

Fünf Fingerlöcher

Die Flöte vom Hohle Fels ist auf einer Länge von 21,8 cm erhalten und hat einen Durchmesser von etwa acht Millimetern. Fünf Fingerlöcher sind vorhanden. Die Oberfläche des Instruments und die Knochenstruktur sind nach Angaben der Wissenschaftler ausgezeichnet erhalten und offenbaren zahlreiche Einzelheiten der Herstellung.

So schnitzte der Instrumentenbauer zwei tiefe, V-förmige Kerben in ein Ende der Flöte, wahrscheinlich um so das Anblasende zu formen. Die Schicht, in der die Flöte lag, umfasst viele Abfälle der Steinbearbeitung – beispielsweise Elfenbein oder Knochen von Pferd, Rentier, Mammut, Höhlenbär und Steinbock.

Obwohl keine eindeutigen Menschenknochen im Schwäbischen Aurignacien entdeckt wurden, nehmen die Forscher an, dass anatomisch moderne Menschen die Artefakte aus dem Aurignacien hergestellt haben, kurz nachdem sie im Zuge ihrer Wanderung entlang der Donau aufwärts in der Region angekommen waren.

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Gefertigt aus der Speiche eines Gänsegeiers

Gefertigt ist die Flöte aus der Speiche eines Gänsegeiers (Gyps fulvus). Diese Art hat eine Spannweite zwischen 230 und 265 cm und liefert Knochen, die für lange Flöten ideal geeignet sind. Gänsegeier und andere Geier sind in den jungsteinzeitlichen Sedimenten der schwäbischen Höhlen nachgewiesen.

Die Ausgrabungen des Jahres 2008 erbrachten im Hohle Fels außerdem zwei kleine Bruchstücke, die nahezu sicher zu zwei Elfenbeinflöten aus dem frühesten Aurignacien gehören. Die unterschiedlichen Abmessungen der Fragmente zeigen, dass die beiden Funde nicht zu demselben Instrument gehören. Die Ausgräber am Vogelherd im Lonetal, 25 Kilometer nordwestlich von Ulm, haben ein weiteres einzelnes Bruchstück einer weiteren Elfenbeinflöte entdeckt.

Elfenbeinflötenfragmente: a-b: Hohle Fels, c: Vogelherd. © M. Malina / Universität Tübingen

Herstellung von Elfenbeinflöten komplizierter

Die Technik zur Herstellung einer Elfenbeinflöte ist wesentlich komplizierter, als es bei einer Flöte aus einem Vogelknochen der Fall ist. Der Prozess erfordert es, zunächst grob die Form entlang der Längsachse des von Natur aus gebogenen Elfenbeinstücks herauszuarbeiten. Diese Rohform muss dann nach Angaben der Archäologen der Länge nach entlang der Schichtung des Elfenbeins in zwei Hälften gespalten, beide Hälften müssen sorgfältig ausgehöhlt werden.

Nach dem Schnitzen der Grifflöcher müssen die Hälften wieder zusammengefügt und luftdicht versiegelt werden. Berücksichtigt man die Tendenz empfindlicher Elfenbeinartefakte, in zahlreiche Fragmente zu zerfallen, so ist es nicht ungewöhnlich, nur einzelne Stücke solcher Musikinstrumente aufzufinden.

Älteste Belege für Musikinstrumente

Die zehn Radiokohlenstoffdaten für das früheste Aurignacien liegen zwischen 31.000 und 40.000 Jahre vor heute. Eichungen sowie unabhängige Kontrollen mit anderen Methoden zeigen, dass die Flöten vom Hohle Fels älter als 35.000 Kalenderjahre und damit die ältesten Belege für Musikinstrumente sind. Außerhalb der Höhlen der Schwäbischen Alb gibt es keinen überzeugenden Beleg für Musikinstrumente, die älter als 30.000 Jahre sind.

Die neuen Funde machen deutlich, dass Musik eine bedeutende Rolle im Leben der Aurignacienmenschen im Ach- und Lonetal in Südwestdeutschland gespielt hat. Die meisten der Flöten stammen aus archäologischen Kontexten mit einer großen Zahl an Steinartefakten, Werkzeugen aus organischen Materialien, Jagdfauna und verbrannten Knochen.

Gibt es einen Zusammenhang mit der „Venus vom Hohle Fels“?

Dieser Befund lässt nach Ansicht der Forscher darauf schließen, dass die Bewohner der Plätze in verschiedenen sozialen und kulturellen Zusammenhängen auf Musikinstrumenten spielten und dass die Flöten mit vielerlei anderem Siedlungsabfall fortgeworfen wurden.

Im Falle des Hohle Fels lässt die Lage der Knochenflöte innerhalb eines dünnen archäologischen Horizontes in nur 70 cm Entfernung von der vor kurzem vorgestellten Frauenfigur vergleichbaren Alters, der so genannten „Venus vom Hohle Fels“, vermuten, dass vielleicht ein Zusammenhang zwischen beiden Fundstücken existiert.

Musik verbesserte sozialen Zusammenhalt

Die Flöten aus dem Hohle Fels und dem Vogelherd sowie aus dem nahe gelegenen Geißenklösterle zeigen, dass im kulturellen Repertoire des Aurignacien um die Zeit, als moderne Menschen die Region an der Oberen Donau besiedelten, eine musikalische Tradition bestanden hat. Die Herausbildung einer Musiktradition im Aurignacien begleitete die Entwicklung früher figürlicher Kunst und zahlreicher Innovationen, darunter ein breites Spektrum neuer Schmuckformen sowie neue Technologien bei Steinartefakten und Artefakten aus organischen Materialien.

Das Vorhandensein von Musik im Leben jungpaläolithischer Völkergruppen bewirkte nach Angaben der Wissenschaftler nicht unmittelbar eine effektivere Bedarfsdeckung und einen höheren Reproduktionserfolg. Musik scheint aber zu einer Verbesserung des sozialen Zusammenhalts und zu neuen Formen der Kommunikation beigetragen zu haben, die indirekt eine Bevölkerungsexpansion moderner Menschen auf Kosten der kulturell konservativeren Neandertaler unterstützten.

(idw – Universität Tübingen, 25.06.2009 – DLO)

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