Eisstrom über der tiefsten Schlucht der Erde taut schneller ab als erwartet Ostantarktis: Größter Gletscher schrumpft - scinexx | Das Wissensmagazin
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Ostantarktis: Größter Gletscher schrumpft

Eisstrom über der tiefsten Schlucht der Erde taut schneller ab als erwartet

Denman-Glertscher
Der Denman-Gletscher ist einer der größten Eisströme der Ostantarktis – er allein könnte den Meeresspiegel beim Abtauen um 1,50 Meter anheben. © NASA

Von wegen stabil: Einer der größten Gletscher der Ostantarktis taut überraschend schnell. Mit 45 Metern Rückzug pro Jahr schmilzt der Denman-Gletschers fast so stark wie die weit wärmere Westantarktis. Weil die Westseite dieses Eisstroms über der tiefsten Schlucht der Erde liegt, strömt zudem warmes Meerwasser bis an seine Grundlinie. Das beschleunigt den Rückzug des Gletschers und könnte sogar zu einem irreversiblen Abtauen führen, wie die Forscher berichten.

Während die Westantarktis durch den Klimawandel rapide an Eis verliert, galt die kältere und höher gelegene Ostantarktis lange als relativ stabil. Doch in den letzten Jahren mehren sich die Hinweise darauf, dass sich der Eisverlust auch dort beschleunigt hat. In einigen Gebieten könnte sogar eine Kettenreaktion drohen, die ganze Eisflächen abrutschen lassen würde.

Denman-Schlucht
Topografie des Untergrunds unter dem Denman-Gletscher © NASA

Größter Gletscher, tiefste Schlucht

Einer der größten Eisströme der Ostantarktis ist der rund 130 Kilometer lange und knapp 20 Kilometer breite Denman-Gletscher. Sein Eisvolumen ist so groß, dass es beim vollständigen Abtauen den globalen Meeresspiegel um 1,50 Meter anheben würde. Ende 2019 enthüllten Radarmessungen zudem, dass unter der Westseite dieses Eisstroms die tiefste Schlucht der Erde liegt – ein steiler, schmaler Canyon, der 3.500 Meter in die Tiefe reicht.

Doch wie der Denman-Gletscher auf den Klimawandel reagiert, war bislang nur in Teilen bekannt. Deshalb haben nun Virginia Brancato vom Jet Propulsion Laboratory der NASA und ihre Kollegen Daten mehrerer Radarsatelliten genutzt, um das Verhalten des Gletschers und seine Abtaurate in den letzten 40 Jahren zu ermitteln. Mithilfe der Radarinterferometrie konnten sie auch feststellen, wie die Grundlinie dieses Gletschers verändert hat – die Zone, an der der Gletscher sich vom Untergrund abhebt und zu schwimmen beginnt.

268 Milliarden Tonnen Eisverlust seit 1979

Die Daten enthüllten: Seit 1979 hat der Denman-Gletscher schon 268 Milliarden Tonnen an Eis verloren. Auch die Dicke des Eisstroms hat besonders in den letzten Jahren messbar abgenommen, wie die Forscher berichten. In den letzten gut 20 Jahren hat sich die Gletscherfront um mehr als fünf Kilometer zurückgehzogen. „Die Ostantarktis galt lange als wenig gefährdet, aber jetzt beginnen wir zu sehen, dass die Eisschilde auch in dieser Region potenziell instabil sind“, sagt Brancatos Kollege Eric Rignot.

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Dies bestätigt auch der Blick auf die Grundlinie des Denman-Gletschers: Sie verliert pro Jahr zehn bis 20 Meter an Eis und zieht sich dadurch immer weiter zurück. Die Kante des Eisschelfs schrumpft sogar um rund 45 Meter pro Jahr. „Diese Abtauraten sind im Vergleich zu anderen Schelfeisen der Ostantarktis sehr hoch“, berichten die Forscher. „Sie sind vergleichbar denen, die in den warmen Bereichen der Westantarktis beobachtet werden, beispielsweise an der Küste der Amundsensee.“

Schlucht fördert Warmwasser-Einstrom

Hinzu kommt: Der Rückzug der Grundlinie ist sehr asymmetrisch. Während die Ostseite des Eisstroms durch einen subglazialen Grat stabilisiert wird, liegt die Westseite des Gletschers quasi auf einer Rutsche. Denn landeinwärts ruhen die Eismassen in der gut 3.500 Meter tiefen Schlucht, zum Meer hin setzt sich dieser Canyon in einem tiefen Graben fort. Das Gefälle in diesem Graben ist dabei retrograd – er wird landeinwärts tiefer. „Diese Hangkonfiguration ist unseres Wissens nach für die Ostantarktis einzigartig“, sagen die Forscher.

Das Problem dabei: Durch dieses retrograde Gefälle des Untergrunds kann warmes Wasser vom Meer aus bis tief unter den Gletscher fließen – und ihn von unten abtauen. Die Schmelzrate von 45 Metern pro Jahr am Schelfeis spreche dafür, dass dies bereits im Gange sei, so Brancato und ihre Kollegen. Hinzu kommt, dass es offenbar keinerlei Grate oder Rippen im Gletscherbett gibt, die den Rückzug des Eisstroms aufhalten oder abbremsen könnten.

„Potenzial für irreversiblen Rückzug“

„Wegen der Form des Untergrunds unter dem Denman-Gletscher besteht das Potenzial für einen schnellen und irreversiblen Rückzug – und das bedeutet substanzielle Anstiege des Meeresspiegels in der Zukunft“, sagt Brancato. Es sei daher dringend notwendig, diesen Gletscher und auch andere in dieser Region künftig genauer zu überwachen. (Geophysical Research Letters, 2020; doi: 10.1029/2019GL086291)

Quelle: University of California Irvine

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