Ein Abbauprodukt von Ballaststoffen hemmt die Lust aufs Schlemmen Hilfe gegen Heißhungerattacken - scinexx | Das Wissensmagazin
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Ein Abbauprodukt von Ballaststoffen hemmt die Lust aufs Schlemmen

Hilfe gegen Heißhungerattacken

Ein Abbauprodukt von Ballaststoffen kann Heißhunger auf Junkfood und Co dämpfen © Dragan Radojevic/ thinkstock

Schluss mit Essattacken: Ein Abbauprodukt, das bei der Verdauung von Ballaststoffen entsteht, taugt auch als appetithemmendes Nahrungsergänzungsmittel. Das zeigt nun ein Experiment. Demnach reagiert das Gehirn dank der Substanz weniger stark auf kalorienreiches Essen. Als Folge fanden Probanden Pizza, Schokolade und Co nicht nur weniger ansprechend – sie aßen tatsächlich auch geringere Mengen.

Ballaststoffe sind nicht nur gesund – sie dämpfen auch den Hunger: Werden die schwer-verdaulichen Pflanzenfasern im Darm von bestimmten Mikroben aufgeschlossen und fermentiert, entstehen Salze und Ester von kurzkettigen Fettsäuren wie Acetat und Propionat. Diese Abbauprodukte regen die Freisetzung appetithemmender Botenstoffe an und wirken somit als natürliche Appetitzügler.

Propionat als Appetitzügler

Seitdem Wissenschaftler diesen Mechanismus entschlüsselt haben, kennen sie nicht nur den Grund für die sättigende Wirkung von Ballaststoffen. Sie haben zudem vielversprechende Kandidaten für appetitzügelnde Nahrungsergänzungsmittel entdeckt. So legen Experimente an Mäusen nahe, dass auch die Gabe der Abbauprodukte allein den appetitdämpfenden Effekt auslöst. Forscher um Claire Byrne vom Imperial College London haben nun das Potenzial einer dieser Kandidaten genauer unter die Lupe genommen.

Für ihre Studie konzentrierten sich die Wissenschaftler auf das Abbauprodukt Propionat. Dieses schleusten sie gemeinsam mit dem Ballaststoff Inulin als Transportmittel in den Darm ihrer Testpersonen ein. Zwanzig Probanden verzehrten dabei insgesamt zehn Gramm des Inulin-Propionat-Esters in Form eines Milchshakes – oder nahmen lediglich den Ballaststoff ohne Propionat zu sich.

Hirnareale, die bei Heißhungerattacken aktiv sind. Auf die hier blau und gelb markierten wirkt Propionat dämpfend. © Tony Goldstone/ Imperial College London

Gehemmtes Belohnungszentrum

Wie sich die Substanzen auf das Hungergefühl der Versuchsteilnehmer auswirkten, testeten Byrne und ihre Kollegen anschließend mithilfe der Magnetresonanztomografie. Was würde im Gehirn passieren, wenn die Probanden Fotos von kalorienreichem Essen wie Schokolade, Kuchen oder Pizza vorgelegt bekamen?

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Tatsächlich zeigte sich dabei ein deutlicher Effekt: Hatten die Teilnehmer das mit Propionat angereicherte Getränk verzehrt, reagierten sie auf die verführerischen Bilder weniger stark als unter reinem Inulin-Einfluss. Vor allem in Teilen des Belohnungszentrums des Gehirns stellten die Forscher dabei eine vergleichsweise geringe Aktivität fest – in Regionen, die in früheren Untersuchungen bereits mit Heißhungerattacken in Verbindung gebracht werden konnten.

Dieser Einfluss zeigte sich auch im Verhalten der Probanden: Sie bewerteten hoch-kalorische Nahrungsmittel grundsätzlich als weniger ansprechend, wenn ihnen Inulin-Propionat-Ester in den Milchshake gemixt worden war. Außerdem aßen sie tatsächlich auch weniger. Das offenbarte ein zweites Experiment, bei dem die Versuchspersonen einen Teller Spaghetti vorgesetzt bekamen. Dabei ließen sie unter Propionat-Einfluss immerhin rund zehn Prozent mehr Nudeln übrig.

Hilfreiches Nahrungsergänzungsmittel?

Für die Wissenschaftler ist das ein eindeutiger Hinweis darauf, dass das Nahrungsergänzungsmittel ein wirkungsvoller Appetitzügler ist: „Mithilfe dieser Zutat können wir den Drang, kalorienreiche Nahrung zu verspeisen unterdrücken und damit Gewichtszunahmen entgegenwirken“, schreiben sie.

Denselben Effekt könnte theoretisch zwar auch eine sehr ballaststoffreiche Ernährung ohne künstliche Zugabe von Propionat erreichen. Doch damit im Darm eine vergleichbare Menge des appetitdämpfenden Abbauprodukts entsteht, müsste man sehr viel der faserigen Pflanzenbestandeile verzehren, sagen Byrne und ihre Kollegen: nämlich rund 60 Gramm. Diesen Wert erreicht ein Großteil der Bevölkerung heute allerdings nicht einmal ansatzweise. (The American Journal of Clinical Nutrition, 2016; doi: 10.3945/ajcn.115.126706)

(Imperial College London, 05.07.2016 – DAL)

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