Anzeige

Ältester Rivalenkampf der Welt?

Trilobiten kämpften womöglich schon vor 400 Millionen Jahren um Weibchen

Trilobit
Walliserops-Trilobiten trugen drei Zacken auf dem Kopf – aber warum? © Alan D. Gishlick

Kampf der Gabeln: Die dreizackartigen Fortsätze auf dem Kopf von Walliserops-Trilobiten könnten einst dem Kampf um Weibchen gedient haben, wie Wissenschaftler nun vermuten. Die 400 Millionen Jahre alten „Kopfgabeln“ wären somit der früheste Nachweis für die Existenz von Paarungskämpfen. Die Wissenschaftler vermuten, dass die Trilobiten-Männchen ähnlich wie heutige Nashornkäfer gekämpft haben. Siegreich wäre demnach jener Trilobit gewesen, der den anderen mithilfe der Kopfgabel umwarf.

Hirsche krachen mit ihren prächtigen Geweihen ineinander, Buckelwale rammen sich und Giraffenbullen schlagen ihre Hälse gegeneinander. Der Sieger dieses Kräftemessens darf sich mit dem Weibchen paaren. Dafür nehmen die Duellanten mitunter schwere Verletzungen oder andere Einschränkungen in Kauf. Im heutigen Tierreich sind solche Rivalenkämpfe zwar allgegenwärtig, aber wie alt ist dieses Duellverhalten schon?

Eine Gabel auf dem Kopf

Alan Gishlicka von der Bloomsburg University of Pennsylvania und Richard Fortey vom Natural History Museum in London glauben nun, Hinweise auf die möglicherweise frühesten bekannten Rivalenkämpfe gefunden zu haben. Als Urzeit-Duellanten kommen demnach Trilobiten der Gattung Walliserops in Frage, als Duellwaffe ein dreizackartiger Fortsatz an ihrem Kopf. Die gepanzerten Gliederfüßer lebten vor rund 400 Millionen Jahren in den warmen Meeren des heutigen Marokko.

Die Funktion der gabelartigen Kopffortsätze dieser Trilobiten war lange Zeit ein Rätsel. Manche Hypothesen sahen in ihnen eine Waffe zur Verteidigung, andere ein Hilfsmittel beim Beutefang. „Funktionelle Erklärungen für Strukturen, die in Fossilien erhalten sind, sind bekanntermaßen schwer zu testen, aber es ist möglich, einige Erklärungen für die einzigartige Struktur von Walliserops auszuschließen“, erklären Gishlicka und Fortey.

Wenig geeignet für Jagd oder Verteidigung

Um der Funktion der prähistorischen Gabelköpfe auf den Grund zu gehen, überprüften sie die bisher diskutierten Hypothesen und strichen all jene, die sich als haltlos herausstellten. Das gelang den Wissenschaftlern, indem sie die Morphologie der Dreizacke genauer analysierten und mit ähnlichen Tieren der heutigen Zeit wie den Nashornkäfern verglichen.

Anzeige

Das Ergebnis: Laut Gishlickas und Forteys Analysen war der Dreizack der Trilobiten weder zum Beutefang noch zur Verteidigung besonders gut geeignet. So wäre es den am Meeresboden lebenden Trilobiten nicht möglich gewesen, die Gabel nach oben zu recken und sich damit gegen einen Räuber wie einen Nautilus zu verteidigen. Auch bei der Nahrungsaufnahme war der Dreizack offenbar keine große Hilfe. Die Analysen zeigen, dass Walliserops damit weder den Boden nach Beutetieren durchwühlen noch sie sensorisch aufspüren konnte.

Dreizack für die Partnerwahl?

Als deutlich wahrscheinlicher werten die Forscher dagegen den Einsatz der Kopfgabel bei der Partnerwerbung. Diese Vermutung wird durch ein ungewöhnliches Walliserops-Fossil gestützt, das Gishlicka und Fortey ebenfalls analysierten. Das Tier war missgebildet und trug an seiner Kopfgabel vier statt der üblichen drei Zinken. Trotz dieser Fehlbildung war der Trilobit aber zu voller Größe herangewachsen.

Auch das stützt die Annahme, dass der Dreizack für Nahrungsaufnahme oder Verteidigung nicht essenziell war, so die Forscher. Sonst wäre das Tier vor Erreichen des Erwachsenenalters entweder längst verhungert oder selbst als Leckerbissen geendet. Gishlicka und Fortey ordnen die Kopfgabel stattdessen als sekundäres Geschlechtsmerkmal ein. „Wenn unsere Interpretation richtig ist, wäre Walliserops das früheste eindeutige Beispiel für solche sekundären Geschlechtsmerkmale im Fossilbericht“, erklären die Forscher.

Käfer und Trilobit
Zwei Nashornkäfer (links und rechts) im Vergleich mit einem Walliserops-Trilobiten (Mitte). Nutzte der Trilobit seinen Dreizack einst ähnlich wie heute die Käfer? © Alan D. Gishlick

Wer auf dem Rücken liegt, verliert

Welche Funktion genau der Dreizack bei der Partnerwahl hatte, können die Paläontologen aber nicht final sagen. Ob Walliserops damit Weibchen imponierte oder nur um das Paarungsrecht kämpfte, bleibt vorerst ein Rätsel. Doch Vergleiche mit heutigen Gliederfüßern wie dem Japanischen Nashornkäfer legen zumindest eine Funktion in Rivalenkämpfen nahe. „Walliserops ist das früheste Beispiel im Fossilbericht für Kampfverhalten, das höchstwahrscheinlich im Wettbewerb um Partner ritualisiert wurde“, berichten Gishlicka und Fortey.

Sie rekonstruieren die Kampftechnik folgendermaßen: „Die Trilobiten trafen aufeinander und kämpften zunächst mit ihren Gabeln, stießen und stupsten. Irgendwann versuchen sie, die Gabel unter den Rivalen zu schieben, um ihn umzudrehen.“ Ein umgedrehter Trilobit sei wahrscheinlich noch hilfloser als ein Käfer gewesen, was diese Kampftechnik besonders effektiv gemacht hätte. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2023; doi: 10.1073/pnas.2119970120

Quelle: Proceedings of the National Academy of Sciences

Anzeige

In den Schlagzeilen

Diaschauen zum Thema

Dossiers zum Thema

News des Tages

Einbalsamierung

Rezepte der Mumienmacher entschlüsselt

"Vulkanausbruch" auf einem Magnetar

Supraleitendes Graphen wird schaltbar

Nomophobie: Neue Angststörung durchs Handy

Bücher zum Thema

Tierisch intelligent - Von schlauen Katzen und sprechenden Affen von Immanuel Birmelin

Abenteuer Evolution - Die Ursprünge des Lebens von Walter Kleesattel

Top-Clicks der Woche