Globale Großfamilie vor dem Aus? - scinexx | Das Wissensmagazin
Anzeige
Anzeige

Globale Großfamilie vor dem Aus?

Stör-Habitate schwer geschädigt

Sevruga © Edda Schlager

„Das erste Mal blicken wir nicht nur auf das mögliche Verschwinden einer Species, sondern einer ganzen Ordnung.“ Das Urteil von Ellen Pikitch, Direktorin des Pew Institute of Ocean Science in New York könnte nicht drastischer ausfallen. Ende letzten Jahres hatte Pikitch eine Studie vorgelegt, in der erstmals alle 27 Störartigen weltweit unter die Lupe genommen worden waren, um die Trends der aktuellen Entwicklung aufzuzeigen. Das Ergebnis ist ernüchternd.

Alle Störarten vom Aussterben bedroht

19 der 27 Arten gelten in einzelnen Lebensräumen bereits als ausgestorben. Die IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) führt alle Störarten auf der Roten Liste, für fünf gilt das höchste Bedrohungspotential. Obwohl alle Arten ins Washingtoner Artenschutzabkommen Cites (Convention on International Trade in Endangered Species) aufgenommen wurden, besteht kommerzieller Druck weiterhin für 15 Arten, deren Kaviar und Fleisch weiterhin gehandelt werden.

„Überfischung, Wilderei und der Verlust der natürlichen Lebensräume“ so die Studie vom Pew Institute „sind die Gründe für den dramatischen Einbruch der Störbestände weltweit.“

Flüsse mit Hindernissen

So wurden beispielsweise im Fluss Ob etwa 40 Prozent der Laichgründe und 50 Prozent der Winterquartiere des sibirischen Störs durch Wasserkraftwerke zerstört. Die Population des im Baikalsee heimischen Baikalstörs kann sich ohne menschliches Eingreifen nicht mehr reproduzieren. Nur Fischaufzuchtbetriebe können die Art noch erhalten. In Wolga, Donau und Don haben Dammbauten die Störe von ihren Laichgründen abgeschnitten. Der an der amerikanischen Ostküste beheimatete Atlantikstör, besiedelte früher 34 Flusssysteme. Heute sind es noch 32, doch in nur 14 Flüssen findet er noch Laichplätze.

Weibchen sind Mangelware

Das normalerweise ausgeglichene Verhältnis von Weibchen und Männchen ist bei den Kaspischen Belugas auf eins zu sieben gesunken, weil nur die Weibchen Kaviar haben, und Männchen deshalb häufiger verschont bleiben. Bei den Sewrugas liegt das Verhältnis bei eins zu drei.

Anzeige

Globale Verteilung des Störs © Pew Institute of Ocean Science

Weißer und Grüner Stör, die beiden kommerziell bedeutsamsten Arten in Nordamerika, brachten zwischen 1960 und den 90er Jahren jährlich etwa einen Fang von 130 Tonnen ein. Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Menge pro Jahr auf unter zehn Tonnen gesunken.

Weil die europäische und die nordamerikanische Störfischerei praktisch nicht mehr existieren, hat sich der Schwerpunkt ins Kaspische Meer verlagert. Paradox, denn die heute für den Weltmarkt bedeutsamste Herkunftsquelle für Kaviar und Störfleisch hat aufgrund von Überfischung in den letzten 15 Jahren selbst den größten Rückgang in der Produktion erlitten. Hinzu kommt die zunehmende Wasserverschmutzung durch die Offshore-Ölindustrie. Jedes Jahr werden Dutzende tote Fische an die Ufer des Kaspischen Meeres gespült.

Die Zahl der Beluga-Störe, die die Wolga als Laichgrund nutzten, sank von 26.000 in den 60er Jahren auf 2.800 Ende der Neunziger – ein Rückgang um knapp 90 Prozent. Dennoch: Etwa 90 Prozent des Wildkaviars auf dem Weltmarkt kommen heute vom Kaspischen Meer.

Hoffnung in Amerika,…

Etwa sieben Jahre alter Beluga © Phaedra Doukakis, Caviar Emptor

Die nordamerikanischen Populationen stehen strotz düsterer Prognosen noch etwas besser da als die europäischen oder asiatischen. Den Grund sehen Pikitch und ihre Kollegen darin, dass Fangquoten oder saisonale Beschränkungen effektiv durchgesetzt werden. Dennoch, auch der Weiße Stör werde gewildert, sein Kaviar als Beluga verkauft.

… Krise im Osten

Dass der illegale Fang und der Handel mit Kaviar vor allem in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion blühen, führt die Studie auf die Armut und die weit verbreitete Korruption in diesen Staaten zurück. Damit einhergehend griffen Schutzmaßnahmen nicht ausreichend.

Pikitch und ihre Kollgen fordern nicht, dass Liebhaber dem Kaviar entsagen sollen. Doch müsse der Druck von den gefährdeten Arten genommen werden. Und sei es mit rigorosen Fangverboten.

  1. zurück
  2. |
  3. 1
  4. |
  5. 2
  6. |
  7. 3
  8. |
  9. 4
  10. |
  11. 5
  12. |
  13. 6
  14. |
  15. 7
  16. |
  17. 8
  18. |
  19. 9
  20. |
  21. weiter


Stand: 30.06.2006

Anzeige

In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Kaviar
Schwarze Zukunft für Störe und Feinschmecker

Kalaschnikows und Ameisenverkehr
Odyssee einer Delikatesse

Das schwarze Gold der Zaren
Nachhaltigkeit bei Romanows und Breschnew

Acipenser, der Stör
Ein lebendes Fossil

Globale Großfamilie vor dem Aus?
Stör-Habitate schwer geschädigt

Cites und die Quoten
Weltweite Wacht über Kaviarhandel

Indiskretion mit Satellitentechnik
Lebenswandel der Störe wird beleuchtet

In Zukunft nur noch „Stallhaltung“?
Kaviar aus Aquakultur

Von Beluga bis Waxdick
Das Who is Who der Störfamilie

Diaschauen zum Thema

keine Diaschauen verknüpft

News zum Thema

Neue Hoffnung für die Störe
Erstmals seit zehn Jahren künstliche Vermehrung?

Dossiers zum Thema

Anzeige
Anzeige