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Indiskretion mit Satellitentechnik

Lebenswandel der Störe wird beleuchtet

Dan Erickson mit Beluga © Edda Schlager

Als die drei Belugas im Meer verschwinden, gibt es Beifall an Bord des Fischerbootes. Phaedra Doukakis und Dan Erickson sind erleichtert. Der Einsatz der beiden Amerikaner am Kaspischen Meer ist beendet, vorerst jedenfalls.

Doukakis ist Wissenschaftlerin am Pew Institute for Ocean Science in New York, Erickson Computerspezialist und Experte für Fischwanderungen bei der Wildlife Conservation Society. Die Fische, die sie soeben in die Freiheit entlassen haben, sind die ersten Versuchstiere im Kaspischen Meer überhaupt, die von nun an mit Hightech überwacht werden.

Belugas ohne Datenschutz

Keine Sekunde werden die drei Belugas in den nächsten Monaten unbeobachtet bleiben – dafür trägt jeder der Fische ein Gerät so groß wie ein Mikrofon an der Rückenflosse. Die Markierungen, oder Tags, sind mit Sensoren ausgestattet, die in jeder Sekunde Informationen über Meerestiefe, Lichtintensität und Wassertemperatur aufnehmen und sammeln werden. „Aus diesen Daten lässt sich die Wanderroute der Belugas rekonstruieren,“ so Erickson, der die Technik bereits erfolgreich an Grünen Stören in Oregon und Washington getestet hat.

High-Tech an der Rückenflosse © Edda Schlager

Jedes der Geräte wird sich nach einer vorbestimmten Zeit von der Rückenflosse lösen und zur Meeresoberfläche steigen, nach drei, sechs bzw. neun Monaten. Die Termine stehen bei Erickson und Doukakis fest im Terminkalender. Denn dann wird sich zeigen, ob der Pilotversuch geglückt ist. Wenn alles klappt, werden die Tags ihre Daten von der Wasseroberfläche per Satellit an den Computer von Erickson senden, wo die Unmenge an Informationen ausgewertet werden soll.

Mit dem Projekt wollen die Wissenschaftler das Privatleben der Beluga-Störe im Kaspischen Meer aufdecken. „Denn,“ so Doukakis, „eigentlich wissen wir so gut wie nichts über diese Tiere.“

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Grundschule für Störe

Von den drei Versuchsfischen ist bekannt, dass sie etwa sieben oder acht Jahre alt sind – für Belugas, die über einhundert Jahre alt werden können, sind sie gerade mal im Vorschulalter. Die Fische wurden von einem der beiden staatlichen Fischzuchtbetriebe im kasachischen Atyrau an der Nordküste des Kaspischen Meeres eingefangen. Amerikaner und Kasachen arbeiten hier schon seit Jahren zusammen, um die Kaspischen Störe vor dem Aussterben zu bewahren.

Jedes Jahr züchten die kasachischen Fischexperten drei Millionen Störe – aus künstlicher Befruchtung. Dazu fangen sie erwachsene Störe, entnehmen ihnen Rogen und Sperma, lagern die befruchteten Eier in einem Sand-Wasser-Gemisch bei konstanten Temperaturen und ziehen die winzigen Jungfische bis zu zehn Zentimetern Länge in großen Wasserbottichen auf.

Die so genannten Setzlinge werden ins Meer entlassen, doch weniger als ein Prozent, schätzen die Wissenschaftler, kehrt nach mehreren Jahren zum ersten Ablaichen in den Ural zurück. Was die Tiere in dieser Zeit tun, wann sie sich wo aufhalten, auf welchen Routen sie wandern, und in welchen Zyklen sie im Erwachsenenalter zum Ablaichen kommen – darüber wird bisher nur spekuliert.

Erfolgsaussichten? – Ungewiss

Markierter Beluga beim „Wassern“ © Edda Schlager

Natürlich können drei Tiere keine repräsentativen Antworten geben. „Um aussagekräftige Daten zu erhalten, müssten wir mindestens 20 Tiere verschiedenen Alters mit Tags ausstatten, am besten noch mehr,“ so Doukakis. Doch die Tags sind teuer, eines der Geräte kostet etwa 3.200 Euro.

Deshalb hängt viel vom Erfolg in diesem Jahr ab. Die größte Gefahr können Doukakis und Erickson von „ihren“ Belugas jedoch nicht abwenden. Vor der Küste sind dicht an dicht Netze gespannt, mit denen Wilderer die Störe abfangen. Oft gehen Fische ins Netz, die viel zu jung sind, um Kaviar zu haben. Dieses Hindernis aber müssen die Belugas passieren, um ins freie Meer zu gelangen.

Die Aussicht auf den Erfolg solch langfristiger Rettungsmaßnahmen für die Störe kann man sehen, wie der Fischer aus Atyrau, der die Arbeit der Wissenschaftler wenige Tage später kommentiert: „Machen Sie sich keine Hoffnung, die Fische sind längst aufgegessen.“ Oder so wie Doukakis: „Jetzt müssen wir abwarten und hoffen.“

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Stand: 30.06.2006

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Inhalt des Dossiers

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