Kalaschnikows und Ameisenverkehr - scinexx | Das Wissensmagazin
Anzeige
Anzeige

Odyssee einer Delikatesse

Kalaschnikows und Ameisenverkehr

Wilderern auf der Spur © Wladimir Istomin

„Wilderer aus Dagestan fangen in unseren Hoheitsgebieten so viel Stör, dass für die hiesigen Fischer nichts mehr übrig bleibt“, schimpft Adilgali Kemilbai, Vorsitzender der Fischereigenossenschaft in Atyrau, der kasachischen Kaviarmetropole am Nordufer des Kaspischen Meers.

„Alle Fischer hier sind Wilderer,“ relativiert dagegen Wassili Kusmin. „Wer einen Stör im Netz hat, will auch den Kaviar.“ Kusmin muss wissen, wer es auf den Kaviar abgesehen hat, er ist Chef der Wasserpolizei in Atyrau und verantwortlich dafür, dass kein einziger Stör am staatlichen Kaviarbetrieb Atyraubalyk „vorbeigefischt“ wird. Er kennt die Methoden, mit denen am Ural um den Stör und seinen kostbaren Rogen gestritten wird.

Krieg am Kapischen Meer

Die kleinen Fischer, die in den Kanälen des Ural-Deltas für Atyraubalyk arbeiten, legen hin und wieder ein paar Fische und deren Kaviar für den „Eigenbedarf“ beiseite. Richtiger Krieg allerdings herrscht in den Gewässern bis zu 60 Kilometer vor der Küste, hier wird auch schon mal mit Kalaschnikows geschossen – „Wir zielen auf die Motoren der Boote, damit die Wilderer nicht entkommen,“ so Kusmin.

Die Wilderer, das sind in den meisten Fällen Fischer, die mit ihren schnellen Booten, aus Russland nach Kasachstan herüberkommen. Die Küstenlinie vor dem Delta ist mit großmaschigen Netzen für die Störe nur so gespickt. Illegal. Ein Großteil des Kaviars aus dem Kaspischen Meer wird mittlerweile von Wilderern produziert. Die sind nicht weniger professionell als die staatlichen Betriebe von Russland, Kasachstan, Aserbaidschan, Turkmenistan oder Iran, die den Kaspischen Kaviar noch legal produzieren. Oft wird der Rogen schon auf dem Schiff verarbeitet. Die aufgeschlitzten Fische gehen über Bord.

Schummel mit den blauen Dosen

Schmuggelware © Zollfahndungsamt Köln

Der weltbekannte russische Kaviar kommt heute immer häufiger aus Aserbaidschan oder Kasachstan. Denn die Wolga, an deren Mündung die eigentliche Hauptstadt des Kaviars, das russische Astrachan, liegt, hat durch Stauwerke, Wasserverschmutzung und Sedimentation als Laichplatz für die Störe an Wert verloren. Die Mündungen des Ural in Kasachstan oder der Kura in Aserbaidschan sind für Wilderer interessanter. Hierher kehren die Störe im Frühjahr noch aus dem Meer zurück.

Anzeige

In Kasachstan, nach Iran und Russland weltweit drittgrößter Kaviarproduzent, wurden im vergangenen Jahr offiziell 15 Tonnen Wildkaviar abgefüllt, dieses Jahr nur noch zehn. „Genau so viel“, schätzt Natalja, die ihren Nachnamen lieber nicht nennt, „gehen jährlich allein von Atyrau auf dem Landweg illegal über die Grenze nach Russland.“ Sie betreibt in Uralsk nördlich von Atyrau als Friseurin ein kleines Geschäft. Und ein etwas größeres – als Schmugglerin. Den Kaviar von kasachischen Fischern bringt sie, schon in russische Dosen verpackt, nach Samara in Russland. „Dort wird er offen auf dem Basar verkauft oder geht weiter nach Europa,“ so Natalja.

Kaviarschmuggel – ein lohnendes Geschäft

Dass der exklusive Gaumenkitzel den Weg auf die Teller europäischer Feinschmecker findet, garantieren professionell agierende Schmugglerbanden, die den Kaviar im „Ameisenverkehr“ von Russland über Polen in die EU schleusen, in Tiefkühlboxen, damit die Ware auch in umgebauten Pkw-Rücksitzbänken oder Tanks nicht verdirbt. „Kaviarschmuggel ist mittlerweile mit der organisierten Kriminalität beim Drogen- und Zigarettenhandel vergleichbar,“ so Bernd Marx, Ermittler vom Zollfahndungsamt in Köln.

Preiswert: Auf dem Basar in Kasachstan © Edda Schlager

Denn beim Geschäft mit dem Stör-Rogen sind beachtliche Gewinne drin: Am Kaspischen Meer kostet ein Kilo Belugakaviar 200 Euro. In Europa, wo die schwarzen Fischeier grammweise verkauft und mit Perlmuttlöffeln gegessen werden, bringt ein Kilogramm auf legalem Weg bis zu 5.000 Euro ein. „Und Schmuggelangebote sind in Europa nicht mehr viel billiger zu haben,“ schätzt Markus Rüsch, Chef vom „Altonaer Kaviarimport“ in Hamburg, einem der größten Kaviarimporteure in Europa.

Großhändler oder Abnehmer in der Gastronomie gingen der Herkunft der Ware oft nicht nach, kritisiert Zollfahnder Marx. „Und wir werden erst aufmerksam, wenn ein Großteil der Lieferung längst verzehrt ist.“ Knapp eine Tonne illegalen Kaviars wurde im vergangenen Jahr allein in Deutschland konfisziert. 15 Tonnen, schätzt Importeur Rüsch, wurden europaweit illegal abgesetzt.

  1. zurück
  2. |
  3. 1
  4. |
  5. 2
  6. |
  7. 3
  8. |
  9. 4
  10. |
  11. 5
  12. |
  13. 6
  14. |
  15. 7
  16. |
  17. 8
  18. |
  19. 9
  20. |
  21. 10
  22. |
  23. weiter


Stand: 30.06.2006

Anzeige

In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Kaviar
Schwarze Zukunft für Störe und Feinschmecker

Überblick
Das Wichtigste in Kürze

Kalaschnikows und Ameisenverkehr
Odyssee einer Delikatesse

Das schwarze Gold der Zaren
Nachhaltigkeit bei Romanows und Breschnew

Acipenser, der Stör
Ein lebendes Fossil

Globale Großfamilie vor dem Aus?
Stör-Habitate schwer geschädigt

Cites und die Quoten
Weltweite Wacht über Kaviarhandel

Indiskretion mit Satellitentechnik
Lebenswandel der Störe wird beleuchtet

In Zukunft nur noch „Stallhaltung“?
Kaviar aus Aquakultur

Von Beluga bis Waxdick
Das Who is Who der Störfamilie

Diaschauen zum Thema

keine Diaschauen verknüpft

News zum Thema

Neue Hoffnung für die Störe
Erstmals seit zehn Jahren künstliche Vermehrung?

Dossiers zum Thema

Anzeige
Anzeige