Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Autistische Mäuse schlauer als Artgenossen
Tiermodell gibt Einblicke in Gehirnaktivität bei genetisch verursachtem Autismus
Mäuse, denen ein am Autismus beteiligtes Gen eingepflanzt wurde, entwickelten sich erwartungsgemäß zu „Sozialmuffeln”, erwiesen sich dafür aber überraschenderweise als deutlich intelligenter und lernfähiger als ihre normalen Artgenossen. Eine jetzt in „Science“ veröffentlichte Studie stellt ein Tiermodell der Erkrankung vor und liefert einige überraschende Einblicke in die Wechselwirkungen der Nervenzellen bei dieser Autismusform.

Labormaus
Labormaus
© NCI Labormaus
Das Spektrum des Autismus erstreckt sich über eine Vielzahl von Variationen und Symptomen, von einer starken geistigen Behinderung bis zu nur leichten Störungen des Sozialverhaltens. In der Regel aber haben Menschen mit Autismus Probleme bei sozialen Interaktionen, wie beispielsweise dem Augenkontakt oder der Interpretation von Mimik und Körperhaltungen anderer Menschen. Einige Autismus-Varianten sind wahrscheinlich genetischen Ursprungs und wurden bereits mit Mutationen in Zusammenhang gebracht, die die Produktion der Neurolignine betreffen. Diese Moleküle spielen eine wichtige Rolle bei der Verbindung von Nervenzellen untereinander.

In der aktuellen Studie haben Neurowissenschaftler der Universität von Texas eine menschliche mutierte Form des Neurolignin-3 Gens in das Genom von Mäusen eingeschleust, um die Auswirkungen solcher Mutationen am Tiermodell untersuchen zu können. Die Mutation bewirkte, dass im Gehirn der Maus nur etwa zehn Prozent der normalen Neurolignin-3 Menge vorhanden war.

In einem Experiment wurde anschließend das Sozialverhalten der gentechnisch veränderten Mäuse getestet, indem die Forscher eine fremde Maus in den Käfig des Versuchstiers setzten und seine Reaktion beobachteten. Es zeigte sich wie erwartet, dass die Mäuse mit dem mutierten Gen weniger Zeit mit dem Neuankömmling verbrachten und unbelebte Gegenstände vorzogen.

Lernfähigkeit verbessert
Interessanterweise jedoch bewirkte die Mutation nicht nur Negatives: In einem Labyrinth lernten die Versuchsmäuse deutlich besser als ihre Artgenossen, eine unter Wasser verborgene Plattform zu finden. Auch das Umlernen, wenn die Position der Plattform nachträglich verändert wurde, fiel ihnen weitaus leichter.

„Wenn man ein Gehirn manipuliert, verbessert man es normalerweise nicht“, erklärt Thomas Südhof vom Southwestern Medical Center der Universität von Texas und Haupt-Autor der Studie. „Die Tatsache, dass wir hier eine Leistungssteigerung erreichen ist sehr gut. Denn sie zeigt, dass wir etwas Spezifisches verändert haben: die Art und Weise, wie das Gehirn Informationen verarbeitet.“ In Bezug auf die Koordination, motorische Fähigkeiten und Ängstlichkeit zeigten die Mäuse durchweg normales Verhalten und belegen damit nach Ansicht des Forschers, dass es sich hier wirklich um ganz spezifische Veränderungen in der Gehirnaktivität handelt.

Gehirnaktivität: mehr Hemmung trotz Mutation
Ein anderer Bereich, den sie untersuchten, waren die Muster der elektrischen Aktivität: Normalerweise regen einige Nervenzellen ihre Nachbarn dazu an, zu feuern, andere dagegen hemmen die Aktivität benachbarter Neuronen. Ein Ungleichgewicht in diesem komplexen Muster wird von vielen Neurowissenschaftlern als ein Kennzeichen des Autismus angesehen. Das Ergebnis dieser Messungen war überraschend: Denn die Gehirne der gentechnisch veränderten Mäuse zeigten eine signifikant stärkere hemmende Aktivität als die ihrer normalen Artgenossen. Vorherige Studien hatten dagegen eher darauf hingedeutet, dass der Autismus einen Verlust der hemmenden Aktivität mit sich bringt.

Nach Ansicht von Südhof könnten diese Ergebnisse ein Hinweis darauf sein, dass eine Beeinflussung der hemmenden Aktivitäten im Gehirn einen viel versprechenden Ansatz für eine Behandlung einiger Autismusformen bieten könnte. Doch der Wissenschaftler warnt auch vor übertriebenen Hoffnungen: „Es ist bisher nur ein Versuch, eine komplexe Krankheit so gut wie möglich zu reproduzieren“, erklärt Südhof. „Jedes Tiermodell kann aber nur eine Annäherung an die menschliche Form darstellen.“
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Autismus, Gehirn, Gen, Nervenzellen, Intelligenz, Moleküle
Weitere News zum Thema
Wie unser Verhalten Spuren im Gehirn hinterlässt (02.01.2012)
Membranprotein-Variante bestimmt Bindungsverhalten der Gehirnzellen
Säuglinge: Starkes Kopfwachstum enthüllt Autismus (29.11.2011)
Krankhafte Gehirnveränderungen beginnen bereits mit vier Monaten
Gesichtserkennung bei Affen und Menschen ähnlich (29.04.2011)
Ähnlich umfassende Strukturen zur Gesichtserkennung im Gehirn beider Gruppen
Versuch und Irrtum: Gehirn lernt mit Fehlern (10.02.2011)
Falsche Nervenzell-Verknüpfungen werden nachträglich wieder abgebaut
Optische Täuschung verändert Kopplung im Gehirn (27.01.2011)
Wechselnde Wahrnehmung durch sich verändernde Stärke der neuronalen Synchronisation
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Gliazellen
Genetik
Gehirnforschung
Dossiers zum Thema
Gehirnforschung
Dem menschlichen Denken auf der Spur
DNA
Von Genen, Mördern und Nobelpreisträgern
Wie klug sind Tiere?
Zwischen Instinkt und Intelligenz
Elektrische Synapsen
„Aschenputtel“ unter den Zellkontakten
„Der kleine Unterschied“ im menschlichen Gehirn
Wie Östrogen und Co. die kognitiven Leistungen beeinflussen
Der Kitt denkt mit
Geheimnisvolle Gliazellen im Gehirn
Teamwork der Sinne
Auch die Augen hören mit
Altern mit Köpfchen
Wie der Geist lange fit bleibt
News des Tages
Autistische Mäuse schlauer als Artgenossen
Röntgenbild des Weltalls veröffentlicht
Wie die ersten Bauern nach Europa kamen
Neuer „Spürhund“ erkennt Gammelfleisch
Wie gefährlich sind Pflanzenschutzmittel?
Kontrollgen zwischen Nerv und Muskel identifiziert
Nano-Käfige in XXL
Bücher zum Thema
Unser Gedächtnis
Erinnern und Vergessen von Bernard Croisile
Medizin für das Gehirn
Hrsg. Spektrum der Wissenschaft
Gott-Gen und Großmutter neuron
Geschichten von Gehirnforschung und Gesellschaft von Manfred Spitzer
Der Beobachter im Gehirn
Essays zur Hirnforschung von Wolf Singer
Die neue Welt der Gene
Visionen - Rätsel - Grenzen von Joachim Bublath
Lernen
Gehirnforschung und die Schule des Lebens von Manfred Spitzer
Was ist Intelligenz?
von Joachim Funke und Bianca Vaterrodt - Plünnecke
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes