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Freitag, 24.11.2017
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Drastischer Insektenschwund in Deutschland

In 27 Jahren hat sich die Insekten-Biomasse um 76 Prozent verringert

Alarmierende Entdeckung: Forscher haben in einer Langzeitstudie einen besorgniserregenden Rückgang der Insekten in Deutschland festgestellt. Demnach hat die Biomasse fliegender Insekten in den letzten 27 Jahren um 76 Prozent abgenommen – und das in Naturschutzgebieten. In landwirtschaftlich genutzten Gebieten könnte der Insektenschwund sogar noch drastischer sein. Beunruhigend auch: Die genauen Ursachen für diesen Rückgang der Insekten sind noch unklar.
Schmetterlinge sind nicht die einzigen: Auch andere fliegende Insekten werden bei uns immer seltener.

Schmetterlinge sind nicht die einzigen: Auch andere fliegende Insekten werden bei uns immer seltener.

Ohne Insekten gäbe es bei uns kaum Obst oder Gemüse. Denn rund 80 Prozent der Pflanzen in Deutschland sind für ihre Bestäubung auf die Gliedertiere angewiesen. Mit großer Besorgnis registrieren Agrarökologen und Biologen daher schon seit einiger Zeit den Rückgang vieler wichtiger Bestäuberinsekten, darunter Schmetterlingen, Käfern und Wildbienen. Auch Honigbienen und Hummeln sind bereits durch Futtermangel, Pestizide und Parasiten beeinträchtigt.

Bestandsaufnahme in 63 Naturschutzgebieten


Doch wie sieht es mit den Insekten insgesamt aus? Diese Frage blieb bisher weitgehend ungeklärt, wie Caspar Hallmann von der Radboud Universität im niederländischen Nijmegen und seine Kollegen erklären. Sie haben deshalb eine der bisher umfangreichsten Langzeitstudien zum deutschen Insektenbestand durchgeführt – über 27 Jahre hinweg.

Dafür werteten sie die Biomasse von fliegenden Insekten in 63 Naturschutzgebieten in der Zeit von 1989 bis 2016 aus. Die Insekten wurden dafür nach standardisiertem Protokoll in sogenannten Malaise-Fallen gefangen und gewogen. Zusätzlich bezogen die Forscher Wetterdaten sowie die Landnutzung im Umfeld der Naturschutzgebiete und die pflanzliche Artenvielfalt des jeweiligen Habitats mit ein.


Drei Viertel weniger Insekten


Das erschreckende Ergebnis: In den letzten 27 Jahren ist die Biomasse der fliegenden Insekten in den Untersuchungsgebieten um 76 Prozent zurückgegangen. Im Hochsommer erreichte der Schwund sogar Werte bis zu 82 Prozent. Damit scheint klar: Der Rückgang betrifft nicht nur einzelne Gruppen wie Schmetterlinge, Motten oder Bienen, sondern die fliegenden Insekten insgesamt – und er ist noch gravierender als befürchtet.

Deutliche Abnnahme: Biomasse pro Tag gefangener Insekten von 1989 bis 2016.

Deutliche Abnnahme: Biomasse pro Tag gefangener Insekten von 1989 bis 2016.

"Dieser Verlust der Insektenbiomasse ist alarmierend – und das umso mehr, weil alle Fallen in Naturschutzgebieten aufgestellt waren und damit in Gebieten mit eigentlich noch funktionierenden Ökosystemfunktionen", so die Wissenschaftler. Sie vermuten, dass die Lage in den intensiv landwirtschaftlich genutzten Gebieten Deutschlands noch gravierender sein könnte.

Ähnlich sieht es der nicht an der Studie beteiligte Agrarökologe Teja Tscharntke von der Universität Göttingen: "Der dramatische Insekten-Rückgang zeigt, dass Schutzgebiete in nur noch sehr geringem Maße als Quellhabitate für die Besiedlung der Agrarlandschaften dienen können. Damit ist auch die Aufrechterhaltung wichtiger Dienstleistungen wie der Bestäubung und der biologischen Schädlingskontrolle in der Agrarlandschaft gefährdet."

Was ist schuld am Schwund?


Was aber ist schuld an diesem alarmierenden Schwund? Auf diese Frage haben auch die Forscher bisher noch keine eindeutige Antwort. "Der drastische Rückgang der Insekten-Biomasse deutet darauf hin, dass hier Einflussfaktoren in großem Maßstab involviert sein müssen", sagen Hallmann und seine Kollegen. Doch weder Veränderungen in den Habitaten oder der Landnutzung, noch das Klima können ihren Angaben nach das Ausmaß des Insektenrückgangs erklären. Umso dringender sei es daher, die genauen Ursachen dieses drastischen Insektenschwunds herauszufinden.

Spritzen von Pestiziden - in der konventionellen Landwirtschaft ist das Alltag

Spritzen von Pestiziden - in der konventionellen Landwirtschaft ist das Alltag

Einen Hauptverdächtigen haben Biologen allerdings schon: die Intensivierung der Landwirtschaft verbunden mit dem Einsatz von Pestiziden. "Die Schutzgebiete und ihre Insektenpopulationen könnten durch die Felder in ihrer unmittelbaren Umgebung beeinträchtigt worden sein – das würde den Trend zumindest teilweise erklären", mutmaßen Hallmann und seine Kollegen. Ob ihre Hypothese stimmt, muss nun weiter untersucht werden.

"Wir mögen uns kaum ausmalen, was passiert, wenn dieser Schwund unvermindert weiter anhält", sagt Hallmanns Kollege Hans de Kroon. "Ganze Ökosysteme sind von Insekten als Bestäubern und Futter abhängig. Wir müssen daher unbedingt die Dinge vermeiden, von denen wir wissen, dass sie negative Auswirkungen haben, wie die Nutzung von Pestiziden oder die Beseitigung von Feldrainen." (PloS ONE,2017; doi: 10.1371/journal.pone.0185809)
(PLOS, 19.10.2017 - NPO)
 
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