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Freitag, 10.02.2012
Das viktorianische Weltbild
Spiegel des wissenschaftlichen Denkens

Die lange Geschichte der abendländischen Kultur hatte für eine evolutive Sichtweise der Welt nie Raum gelassen. Bereits Plato (427 - 347 v.Chr.) und sein Schüler Aristoteles (384-322 v.Chr.) gingen von einer Zweiteilung der Welt aus, die eine Weiterentwicklung im Sinne einer Veränderung ausschloss. Der Ideenwelt, der einzig idealen Welt der Vorstellung, steht die Sinnenwelt - die Welt, die der Mensch über die Sinne erfassen kann - gegenüber. Diese ist an sich unvollkommen, da sie lediglich ein unvollkommenes Abbild der Ideenwelt ist.

Der Naturforscher Aristoteles erkannte die verschiedenartige Komplexizität der Organismen und ordnete sie auf einer "Stufenleiter der Natur" an, auf der jedem Organismus seiner Organisationshöhe entsprechend unverrückbar eine Stufe zugeteilt wurde. Auch hier war für eine Weiterentwicklung im Sinne einer Anpassung durch "Stufenwechsel" nicht zu denken.

Auf dieser Grundlage entwickelte sich in der jüdisch-christlichen Tradition der Kreationismus, dessen dogmatische Basis der alttestamentarische Schöpfungsbericht war. Ohne eigene Existenzberechtigung hatte die Naturwissenschaft lediglich die Aufgabe, Nachweise für eine derartige Denkungsweise zu liefern.

Eine ähnliche Richtung nahm die zu Zeiten Darwins in Europa und Amerika vorherrschende Naturtheologie ein. Wenn auch nicht in dem Maße an die Dogmen des Kreationismus gekettet, so ging auch der Anhänger der Natürlichen Theologie davon aus, dass die anzutreffenden Lebewesen sichtbare Umsetzungen eines göttlichen Schöpfungsplanes seien. Die Aufgabe des Naturforschers lag darin, die Organismen als Produkte des Schöpfers wie Puzzleteile an den ihnen vorbestimmten - in diesem Sinne natürlichen - Platz zurückzuführen und so den göttlichen Schöpfungsplan sichtbar zu machen. Ein bedeutender Vertreter dieser Denkungsweise ist bis heute in jedem lateinischen Artnamen verewigt - Carl von Linné.

"Deus creavit, Linnaeus disposuit" (Gott erschafft, Linné ordnet). Der Vater der modernen Systematik und Taxonomie, Erfinder der binären Nomenklatur, war zugleich ein Kind der Naturtheologie. Bei der bahnbrechenden Systematisierung des Pflanzen- und Tierreichs folgte er gedanklich ganz und gar der Schöpfungstheorie. Aber es geht auch anders. Darwin benutzte Jahre später eben diese systematische Gliederung, um seine Sichtweise über die Entstehung der Arten zu belegen.

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