Forscher rekonstruieren Fertigungstechnik eines 11.000 Jahre alten Kopfschmucks Wie Steinzeit-Schamanen ihren Ritualschmuck herstellten - scinexx | Das Wissensmagazin
Anzeige
Anzeige

Wie Steinzeit-Schamanen ihren Ritualschmuck herstellten

Forscher rekonstruieren Fertigungstechnik eines 11.000 Jahre alten Kopfschmucks

Der obere Teil eines Hirschschädels diente dem Steinzeit-Schamanen als Kopfschmuck © Little et al./ PLoS ONE, doi:10.1371/journal.pone.0152136.g002

Ausgefeiltes Handwerk: Archäologen haben erstmals rekonstruiert, wie unsere Vorfahren rituellen Kopfschmuck aus Hirschgeweihen hergestellt haben könnten. Die Analyse eines 11.000 Jahre alten Schamanenkostüms offenbart: Schon die Jäger-und-Sammler in der Mittelsteinzeit hatten dafür eine äußerst zweckmäßige Technik entwickelt. Sie setzten unter anderem Feuer und Steinwerkzeuge für die Bearbeitung ein.

Schon unter unseren Jäger-und-Sammler Vorfahren aus der Mittelsteinzeit gab es ambitionierte Künstler. In Europa ritzten Menschen vor rund 11.000 Jahren bereits Tierfiguren in Schiefertafeln und produzierten kunstvolle Schmuckstücke, wie Funde belegen. Diese dienten nicht nur als Kommunikationsmedium, sondern besaßen oftmals auch eine rituelle Funktion.

Wissenschaftler vermuten, dass spezielle Amulette und Kopfschmuck damals wahrscheinlich von Schamanen getragen wurden. Wie viel Zeit, Sorgfalt und Expertise die Macher solcher religiösen Accessoires in ihr Werk investierten, hat nun erstmals ein Archäologenteam um Aimée Little von der University of York versucht nachzuvollziehen.

Ritzspuren und Löcher

Little und ihre Kollegen rekonstruierten dafür den Entstehungsprozess eines Kopfschmucks aus dem Geweih von Rothirschen. Das Artefakt stammt aus der Ausgrabungsstätte Star Carr im Norden Englands, wo Forscher seit den 1940er Jahren insgesamt 24 solcher Schmuckstücke gefunden haben. Die 11.000 Jahre alten Kunstwerke sind damit die ältesten bekannten Schamanenkostüme aus Europa.

Geformt ist der Schmuck aus dem oberen Teil des Hirschschädels mitsamt dem Geweih – die unteren Kiefer- und Schädelknochen sind entfernt, das Stirnbein mit Löchern versehen worden. Wie es den Menschen damals gelang, die tierischen Überreste auf diese Weise zu bearbeiten, untersuchten die Wissenschaftler mithilfe unterschiedlicher Techniken wie 3D-Laserscans. Dabei analysierten sie unter anderem Schnitt- und Ritzspuren, um der Fertigungstechnik auf die Schliche zu kommen. Sie versuchten sich aber auch ganz praktisch an einer Nachbildung.

Anzeige

Der mit Lehm beschmierte Schädel wird heißer Glut ausgesetzt, um Fell und Haut zu lösen. © Little et al./ PLoS ONE, doi:10.1371/journal.pone.0152136.g004

Feuer als Säuberungswerkzeug

Der Rekonstruktion des Teams zufolge säuberten unsere Vorfahren den Schädel wahrscheinlich zunächst, bevor sie ihn bearbeiteten. Dazu könnten sie die Knochen mit feuchtem Lehm bedeckt und über mehrere Stunden in eine heiße Glut gelegt haben, um Fell und Haut des Tieres besser abziehen zu können.

Ein erster Schritt auf dem Weg zum Kopfschmuck war dann vermutlich, einen Großteil des Geweihs zu entfernen. „Dadurch wurde das Gewicht reduziert, was nicht nur für den späteren Träger hilfreich war, sondern auch die Bearbeitung erleichterte“, mutmaßen Little und ihre Kollegen. Die abgeschnittenen Reste könnten die Jäger und Sammler für die Herstellung von Jagdspitzen genutzt haben.

Es könnte aber auch ganz anders gewesen sein: Vielleicht, so eine weitere Hypothese, wurden Teile des Geweihs erst entfernt, als der Kopfschmuck ausgedient hatte – sei es zum Zweck der offiziellen Entweihung des Ritualschmucks oder schlicht zur Wiederverwertung des Materials.

Ausgefeilte Technik

Auch wenn die Wissenschaftler nicht mit hundertprozentiger Sicherheit wissen, wie unsere Vorfahren im Detail vorgingen – eins ist jedoch klar: Sie verwendeten bereits ebenso zweckmäßige wie ausgefeilte Techniken und Werkzeuge, wie die Forscher berichten. So nutzten sie nicht nur geschickt die Möglichkeiten von Feuer aus, sondern verwendeten unter anderem Klingen aus Feuerstein, um den knöchernen Kopfschmuck zu kreieren.

„Schmuckstücke wie diese sind extrem seltene Funde. Bislang wurden sie nur hier in Star Carr und einige wenige Exemplare auch in Deutschland entdeckt. Zu wissen, wie die Artefakte entstanden sein könnten, gibt uns einen wichtigen Einblick in das Leben unserer Vorfahren vor 11.000 Jahren“, schließen die Forscher. (Plos One, 2016; doi: 10.1371/journal.pone.0152136)

(University of York, 15.04.2016 – DAL)

Anzeige

In den Schlagzeilen

Diaschauen zum Thema

Dossiers zum Thema

News des Tages

Asteroidenkollision

Weltraum-Staub als Eiszeit-Auslöser?

Mikrobe als Schadstoff-Fresser

Erster Flug mit Lilienthals Doppeldecker

Bücher zum Thema

Karies, Pest und Knochenbrüche - Was Skelette über Leben und Sterben in alter Zeit verraten Von Joachim Wahl und Albert Zink

Tod im Neandertal. Akte Ötzi. Tatort Troja - Die ungelösten Fälle der Archäologie von Dirk Husemann

Ötzi 2.0 - Eine Mumie zwischen Wissenschaft, Kult und Mythos von Angelika Fleckinger

Archäologie erleben - 50 Ausflüge in die Vergangenheit von André Wais, Karoline Müller und Tina Steinhilber

Top-Clicks der Woche

Anzeige
Anzeige