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Klimaschutz: Es reicht nicht

UNEP: Mit den bisher umgesetzten und geplanten Maßnahmen sind die Klimaschutzziele nicht erreichbar

Emissionen
Die bisher umgesetzten und eingereichten Klimaschutz-Maßnahmen reichen nicht für das Zwei-Grad-Ziel. © Danicek/ iStock

Zu wenig, zu langsam: Im Vorfeld des nächsten Weltklimagipfels stellt ein Report des UN-Umweltprogramms UNEP den Klimaschutz-Bemühungen der Länder ein schlechtes Zeugnis aus. Die bisher eingereichten nationalen Selbstverpflichtungen werden die globalen Emissionen bis 2030 nur um fünf bis zehn Prozent senken – sofern sie überhaupt umgesetzt werden. Um das Klimaziel des Pariser Abkommens zu erreichen, wäre aber eine Reduktion um 30 bis 45 Prozent nötig.

Die Vorgabe ist klar: Nach dem 2015 beschlossenen Pariser Klimaabkommen soll die globale Erwärmung auf 1,5 Grad maximal zwei Grad gegenüber präindustriellen Werten begrenzt werden.
Denn nur dann lassen sich die negativen Folgen des Klimawandels, darunter vor allem die zunehmenden Wetterextreme, in einem noch tragbaren Maß halten. Um das zu erreichen, bleibt der  Menschheit nur noch ein begrenztes Budget an CO2-Emissionen. Die Länder haben entsprechende Pläne zur Verringerung ihrer CO2-Emissionen beim UN-Klimasekretariat (UNFCC) eingereicht.

Doch bereits vor dem letzten Weltklimagipfel in Glasgow im Jahr 2021 zeichnete sich ab, dass viele Länder nur unzureichende Nationale Selbstverpflichtungen (NDCs) eingereicht haben – von einer Umsetzung ganz zu schweigen.

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Größte Emittenten nach Pro-Kopf-Emissionen .© UNEP Emissions Gap Report 2022

Treibhausgas-Emissionen steigen weiter

Jetzt hat das UN-Umweltprogramm UNEPO erneut die eingereichten Selbstverpflichtungen und den Stand der weltweiten Klimaschutzbemühungen ausgewertet – mit kaum besserem Ergebnis. Denn entgegen den Klimaschutzvorgaben sind die globalen Treibhausgas-Emissionen weiter angestiegen statt zu sinken. „Die Corona-Delle währte nur kurz, die vorläufigen Daten für 2021 zeigen einen neuen Rekordstand“, berichtet William Lamb vom Berliner Klimaforschungsinstitut MCC, einer der Leitautoren des UN-Reports.

Den Daten zufolge lag der Ausstoß von Kohlendioxid, Methan und anderen Treibhausgasen im Jahr 2021 um 5,28 Gigatonnen höher als 2019, dem Jahr vor der Corona-Pandemie. Der vorübergehende Rückgang durch die Lockdowns und wirtschaftliche Einbußen des Jahres 2020 sind damit wieder komplett aufgeholt. „Dieser Rebound-Effekt zeigt sich quer durch fast alle Sektoren, mit der großen Ausnahme des Flugverkehrs“, sagt Lamb. „Allerdings lässt die Passagierstatistik darauf schließen, dass der Ausstoß bald auch in diesem Sektor neue Höhen erreicht.“

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Besonders deutlich ist die Emissions-Zunahme bei China, Indien, Russland, Brasilien und Indonesien. In den USA und der Europäische Union gab es dagegen einen leichten Rückgang der CO2-Emssionen verglichen mit 2019. „Der Report sagt uns damit in kalten, wissenschaftlichen Daten, was uns die Natur in diesem Jahr schon deutlich gezeigt hat – durch tödliche Stürme und wütende Brände“, sagt UNEP-Exekutivdirektor Inger Andersen.

Kurs auf 2,8 Grad Erwärmung – mindestens

Auch bei den umgesetzten oder noch geplanten Klimaschutz-Bemühungen sieht es bisher mau aus: Alle bisher in Kraft getretenen Maßnahmen reichen gerade aus, um die Erwärmung auf 2,8 Grad zu begrenzen – der Klimaziel von Paris ist damit nicht zu halten. Soll die Erwärmung auf zwei Grad oder 1,5 Grad begrenzt werden, müssten die Emissionen bis 2030 um weitere 30 beziehungsweise 45 Prozent reduziert werden.

Doch unter den bisherigen Maßgaben ist eine so drastische und schnelle Reduktion fast unmöglich, wie die UNEP darlegt. „Wir hatten unsere Chance für allmähliche Veränderungen, aber diese Zeit ist um“, sagt Andersen. „Jetzt kann uns nur noch eine bis an die Wurzeln reichende Transformation unserer Wirtschaften und Gesellschaften vor dem sich beschleunigenden Klima-Desaster retten.“

Lücke
Diskrepanz zwischen Klimaschutz-Maßnahmen und nötigen Emissionsminderungen. © UNEP Emissions Gap Report 2022

Lücke bei den Selbstverpflichtungen

Um wenigstens noch in die Nähe des 1,5-Grad-Ziels zu kommen, müssten zunächst alle bisher eingereichten Selbstverpflichtungen vollständig und schnell umgesetzt werden. Würden die bedingungslosen, nicht von äußeren Hilfen abhängigen Selbstverpflichtungen umgesetzt, würden sie den CO2-Ausstoß im Jahr 2030 auf 55 Gigatonnen begrenzen. Das wäre 17 Gigatonen zu viel für das Zwei-Grad-Ziel und 23 zu viel für das 1,5-Grad-Ziel. Dieser Klimaschutzfahrplan würde die globale Erwärmung wahrscheinlich auf rund 2,6 Grad begrenzen.

Wenn die Länder zusätzlich auch die bedingten Selbstverpflichtungen umsetzen – die Maßnahmen, die sie nur mit finanzieller oder technischer Hilfe von außen bewerkstelligen können oder wollen, dann betrüge die Klimaschutzlücke zum Zwei-Grad Ziel im Jahr 2030 noch immer zwölf Gigatonnen, so der Bericht. Damit ließe sich die globale Erwärmung auf 2,4 Grad drücken. Allerdings: Bisher haben nur wenige Länder genug getan, um ihre eigenen Selbstverpflichtungen zu erfüllen – dazu gehören auch die großen Emittenten der G20-Staaten: „Die G20-Mitglieder sind kollektiv nicht auf Kurs um ihre neuen oder upgedateten NDCs zu erreichen“, so der UNEP-Bericht.

Null-Emissions-Ziele müssen erweitert werden

„Aber in den meisten Szenarien führen weder die aktuellen Maßnahmen noch die NDCs zu einem plausiblen Erreichen der Null-Emission-Ziele nach 2030“, konstatiert der UNEP-Bericht. Zurzeit haben 88 Staaten das Erreichen einer solchen Klimaneutralität in ihren Klimaschutz-Plänen verankert, darunter 19 G20-Mitglieder. Allerdings variieren diese Pläne darin, wann dies erreicht werden soll und durch welche Maßnahmen. In den meisten Fällen wird eine Netto-Null-Emission bis zum Jahr 2050 angestrebt.

Doch um das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen, müssen nicht nur diese Pläne erfüllt werden, es sind auch weiter Länder nötig, die sich einer Klimaneutralität verpflichten, so die UNEP. Wäre das der Fall, dann bestünde noch eine Chance, die globale Erwärmung auf 1,8 Grad zu begrenzen. „Es ist eine große – einige würden sagen unmögliche – Herausforderung, die globale Ökonomie zu reformieren und die Treibhausgas-Emissionen bis 2030 fast zu halbieren“, sagt Andersen. „Aber wir müssen es versuchen. Jeder Bruchteil eines Grads zählt – für die gefährdeten Kommunen, für Arten und Ökosysteme und für jeden von uns.“ (UNEP Emissions Gap Report 2022)

Quelle: UN Environment Programme (UNEP)

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