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Klare Zahlen

Die Klimasensitivität und unser CO2-Budget

In einem ganz entscheidenden Punkt ist der aktuelle Weltklimabericht weit konkreter als alle vorherigen: Die Wissenschaft weiß heute besser als früher, in welchem Maße und auf welche Weise die Treibhausgas-Werte das Klimasystem beeinflussen. Dadurch sind genauere Aussagen dazu möglich, was unsere CO2-Emissionen für Folgen haben – und wie stark wir reduzieren müssen.

Atmosphäre
Klimasensitivität: Wie stark reagiert das Erdklima auf den CO2-Gehalt der Atmosphäre?© studio023/ Getty images

1.000 Gigatonnen CO2 bedeuten 0,45 Grad mehr

„Die wohl fundamentalste Neuerung ist die deutliche Eingrenzung der wahrscheinlichen Klimasensitivität – wieviel Erwärmung mit einer Verdopplung der CO2-Konzentration einhergeht“, erklärt Helge Goessling vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI). Im Weltklimabericht von 2013 lag die Spanne für diesen Erwärmungseffekt noch bei 1,5 bis 4,5 Grad. Im aktuellen Bericht wurde die Klimasensitivität nun auf 2,5 bis vier Grad eingeengt. „Eine deutlich stärkere oder deutlich schwächere Klimasensitivität ist schlicht nicht mehr mit dem bis heute beobachteten Verlauf der Erwärmung vereinbar“, so Goessling.

Damit ist inzwischen klarer abschätzbar, welche konkreten Folgen eine Erhöhung der Treibhausgaswerte auf das Klimasystem hat: „Jede Erhöhung der kumulativen Emissionen um 1.000 Gigatonnen CO2 verursacht einen Anstieg der globalen Oberflächentemperaturen von im Mittel 0,45 Grad“, heißt es im Bericht. Dieser Zusammenhang verdeutlicht, dass jede emittierte oder eingesparte Tonne CO2 zählt und quantifizierbare Auswirkungen auf das Klima hat.

Welches CO2-Budget haben wir noch?

Der Bericht beziffert erstmals auch genauer das CO2-Budget, das der Menschheit noch bleibt, wenn die Klimaschutzziele eingehalten werden sollen. Demnach haben wir vom Beginn der Industrialisierung – ungefähr ab 1850 – bis heute insgesamt gut 2.390 Gigatonnen CO2 freigesetzt. Das klimatische Ergebnis sind rund 1,1 Grad Erwärmung. Soll die künftige Erwärmung auf 1,5 Grad begrenzt werden, darf die gesamte Menschheit nur noch maximal 300 Gigatonnen CO2 freisetzen. Für das Zwei-Grad-Ziel bleiben uns noch rund 900 Gigatonnen CO2.

CO2-Budget
CO2-Budget: Bisher freigesetztes CO2 sowie verbleibende Mengen für das Erreichen der Klimaschutzziele.© IPCC/ WBG I AR6

Was aber bedeutet dies konkret für den Klimaschutz? Um dieses Budget einhalten zu können, muss die Menschheit es schaffen, sich auf eine weitgehend CO2-neutrale Wirtschaft und Lebensweise umzustellen. „Um den vom Menschen verursachten Temperaturanstieg auf einem Niveau zu stabilisieren, müssen die anthropogenen CO2-Emissionen Netto-Null erreichen“, heißt es im Bericht. Netto-Null bedeutet, dass zwar noch Emissionen möglich sind, diese aber durch CO2-schluckende Maßnahmen ausgeglichen werden müssen. Möglich wäre dies durch eine aktive Aufforstung oder auch eine aktive Entfernung von CO2 aus der Luft beispielsweise durch Air-Capture-Technologien.

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Netto-Null bis Mitte des Jahrhunderts

Auf welchem Niveau der Klimawandel stoppt, hängt davon ab, wann der Menschheit die CO2-Neutralität gelingt: „Um die Begrenzung auf 1,5 Grad Erwärmung zu erreichen, müssen wir bis Mitte des Jahrhunderts die CO2-Emissionen auf Netto-Null reduziert haben“, sagt Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie. „Um eine Chance auf die Begrenzung auf zwei Grad Erwärmung zu haben, müsste der CO2-Ausstoß etwa bis 2070 auf Netto-Null sinken.“

Damit ist der Zeitplan für den Klimaschutz im Prinzip vorgegeben – und er wird immer enger. Damit sendet der Weltklimabericht auch deutliche Signale an die kommende Weltklimakonferenz in Glasgow: Für den internationalen Klimaschutz könnte dies die letzte Chance sein, die Phase der Stagnation zu beenden und die Maßnahmen und Ziele wieder auf Kurs zu bringen.

„Wir sind dem Klimawandel nicht passiv ausgeliefert, wir steuern ihn. Wir haben nach wie vor die Wahl, in welchem Szenario wir landen werden“, kommentiert Dirk Notz vom Max-Planck-Institut für Meteorologie.

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Klimawandel 2021: Wir sind mittendrin
Fakten, Hintergründe und Prognosen im sechsten Weltklimabericht

Keine Zweifel mehr
Was ist neu seit dem letzten Weltklimabericht?

Klare Zahlen
Die Klimasensitivität und unser CO2-Budget

Verzögerte Reaktion
Klimasystem ist wie ein Tanker mit langem Bremsweg

Wetterextreme überall
Die Ausschläge des Klimapendels werden stärker

Hinter den Kulissen
Wie entsteht ein Weltklimabericht?

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