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Eisschwund selbst auf dem Mount Everest

Klimawandel ist auch auf dem höchsten Berg der Erde messbar

Mount Everest
Selbst der Gipfel des Mount Everest verliert inzwischen sein Eis. © JohanSjolander/ Getty images

Tauwetter auf dem Dach der Welt: Der Klimawandel ist selbst auf dem höchsten Berg der Erde angekommen. Messungen auf dem Mount Everest belegen, dass sein Gipfelgletscher in den letzten 25 Jahren mehr als 55 Meter Eis verloren hat. Jedes Jahr dünnt die Eisschicht zudem um weitere zwei Meter aus – und verliert damit jährlich mehr Eis als sie in Jahrzehnten akkumulieren kann. Geht der Trend so weiter, könnten Bergsteiger bald mehr kahle Felsen als Eis und Schnee vorfinden.

Ob Alpen, Anden oder Himalaya – überall auf der Welt schwinden die Gebirgsgletscher. Die globale Erwärmung, abnehmende Schneefälle und lokale Effekte wie dunkle Rußablagerungen auf der hellen Eisoberfläche lassen die Gletscher teils rasant schrumpfen. Als Folge verlieren einige Gebirgshänge ihre Stabilität und Felsstürze und Erdrutsche mehren sich. Langfristig gefährdet der Gletscherverlust zudem die Wasserversorgung ganzer Regionen.

Eisbohrung
Gewinnung des Eisbohrkerns aus dem Gipfelgletscher des Mount Everest in 8.020 Meter Höhe. © Dirk Collins/ National Geographic

Expedition zum Gipfel des Mount Everest

Doch wie stark die höchsten Berggipfel des Planeten vom Eisschwund betroffen sind, hat ein Forschungsteam um Mariusz Potocki von der University of Maine untersucht. Dafür unternahmen die Forscher im Frühsommer 2019 eine Expedition zum Gipfel Mount Everest und entnahmen von seinem Gipfelgletscher, dem South Col Glacier, in 8.020 Meter Höhe einen Eisbohrkern. Dieser ist damit der in der größten Höhe erbohrte Eiskern und brachte das Team sogar ins Guinness Buch der Rekord.

Zusätzlich installierten die Forschenden an der südlichen Aufstiegsroute und am sogenannte „Balkon“ jeweils eine automatische Wetterstation – auch sie sind die höchsten der Welt. Um das Gelände genau zu kartieren, führten sie zudem die erste helikoptergestützte LIDAR-Vermessung des Mount-Everest-Gipfels durch. Aus der Analyse des Eisbohrkerns und der weiteren Daten rekonstruierten Potocki und sein Team dann, ob und wie viel Eis und Schnee der höchste Gipfel der Welt verloren hat.

Eisverlust auch auf gut 8.000 Meter Höhe

Das Ergebnis: Selbst in den höchsten Lagen verliert der Mount Everest mehr Schnee und Eis als er neu dazu bekommt. „Die aktuellen Verlustraten liegen bei rund zwei Metern Wasseräquivalent und sprechen dafür, dass dort in einem Jahr so viel Eis verschwindet, wie zuvor über mehrere Jahrzehnte akkumuliert worden ist“, berichten die Forschenden. Parallel dazu habe auch der Schneefall um rund 50 Prozent abgenommen.

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Einem ergänzenden Modell zufolge könnte der Gipfel in den letzten 25 Jahren rund 55 Meter an Eis verloren haben. Dies entspricht der Eismenge, die am Mount Everest typischerweise im Verlauf von 8.000 Jahren abgelagert wird. Der Schwund des Gipfelgletschers könnte schon in den 1950er Jahren begonnen haben. Ab etwa dem Jahr 2000 hat sich dieser Eisverlust jedoch noch einmal beschleunigt, wie das Team berichtet.

„Diese Daten beantworten eine der große Fragen unserer Mount-Everest-Expedition: Ob die höchsten Gletscher des Planeten vom anthropogenen Klimawandel betroffen sind“, sagt Potockis Kollege Paul Mayewski. „Die Antwort ist ein lautes Ja!“

Erst Schnee-Abtragung, dann Sublimation

Anders als in tieferen Lagen geht der Eisverlust am Gipfel aber nur zum geringen Teil auf ein Schmelzen des Eises zurück. Stattdessen identifizierten die Wissenschaftler zwei andere Faktoren als Haupttreiber des Gletscherschwunds: Die Abtragung der Schneedecke durch den Wind legt zunächst die Eisoberfläche frei und nimmt ihr damit die Isolierung. Dann setzt eine Sublimation ein – das Eis wird in der dünnen Höhenluft direkt gasförmig, ohne zuerst zu schmelzen.

„Dieser Mechanismus ist bedeutsam, denn unsere Resultate legen nahe, dass die wärmere Luft vor allem die Sublimation verstärkt hat. Aber die verringerte Luftfeuchtigkeit und die stärker werdenden Winde in diesen Höhen spielen auch eine wichtige Rolle“, erklären Potocki und seine Kollegen. Ihrer Ansicht nach könnten diese Prozesse auch anderswo zum Eisverlust in den höchsten Lagen der Hochgebirge beitragen.

Veränderungen schon spürbar

„Der höchste Gletscher des Mount Everest demonstriert, dass selbst das Dach der Welt inzwischen vom menschengemachten Klimawandel betroffen ist“, konstatieren die Forschenden. Für die Gipfel des Himalaya und auch für die Bergsteiger, die sie erklimmen wollen, hat dies zunehmend spürbare Folgen. Mit der Erwärmung steigt unter anderem die Gefahr von Felsstürzen und Lawinen, wie bereits 2014 ein tödlicher Lawinenabgang am Mount Everest demonstrierte.

„Die Erwärmung wird auch die Erfahrungen beim Aufstieg auf den Mount Everest verändern, wenn die schwindende Eis- und Schneedecke immer mehr Fels freigelegt“, sagen Potocki und sein Team. Einige Routen könnte dann deutlich schwieriger zu erklimmen sein, andere, wie der Khumbu-Eisfall, werden gefährlicher. (NPJ Climate and Atmospheric Science, 2022; doi: 10.1038/s41612-022-00230-0)

Quelle: University of Maine

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