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Vögel: Auf dem Weg zum „stummen Frühling“

Vogelgesänge sind in den letzten 25 Jahren leiser und eintöniger geworden

Rotkehglchen
Die typische Geräuschkulisse singender Vögel, hier ein Rotkehlchen, ist in den letzten 25 Jahren leiser und eintöniger geworden.© Ornitolog82/ Getty images

Hörbarer Artenschwund: In den letzten 25 Jahren sind die Vogelstimmen in unserer Umgebung messbar weniger und eintöniger geworden, wie eine Studie enthüllt. Sowohl in Europa wie in Nordamerika macht sich demnach der Rückgang der Vogelzahl und -vielfalt inzwischen auch akustisch bemerkbar, so die Forscher im Fachmagazin „Nature Communications“. Der „Silent Spring“, vor dem Umweltschützer schon vor fast 60 Jahren warnten, rückt damit näher.

Das sechste Massenaussterben ist in vollem Gange – und betroffen sind nicht nur exotische, kaum bekannte Tier- und Pflanzenarten, sondern zunehmend auch die Bewohner der heimischen Natur. Vor allem bei Insekten und Vögeln haben Wissenschaftler in den letzten Jahren teils drastische Rückgänge der Bestände festgestellt. So ist in Europa rund die Hälfte aller Feldvögel verschwunden, in Nordamerika ist der gesamte Vogelbestand in den letzten 50 Jahren um rund ein Drittel geschrumpft.

Geräuschkulisse unserer gefiederten „Mitbewohner“

Ob und wie sich der Vogelschwund auf die Geräuschkulisse der heimischen Natur auswirkt, haben nun Catriona Morrison von der University of East Anglia in Norwich und ihre Kollegen näher untersucht. Weil aus der Zeit vor 25 Jahren nur wenige akustische Messungen des Vogelgesangs existieren, wählte das Team einen anderen Weg: Aus den Daten von Vogelzählungen für rund 200.000 Orte in Europa und Nordamerika ermittelten sie zunächst, wie viele Exemplare welcher Arten dort heute und vor 25 Jahren vorhanden waren.

Mithilfe einer Datenbank, die die typischen Gesänge von rund tausend Vogelarten enthält, rekonstruierten die Forscher dann, wie die typische Geräuschkulisse des Vogelgesangs an den gleichmäßig auf Stadt und Land verteilten Standorten vor 25 Jahren aussah und wie es dort heute klingt. Die quantitativen Veränderungen des Vogelgesangs bewerteten die Forschenden anschließend anhand der Intensität, Heterogenität, der akustischen Vielfalt und Dichte.

Leiser und eintöniger

Das Ergebnis: „Wir stellen eine weitverbreiteten Rückgang der akustischen Diversität und Intensität der natürlichen Klanglandschaft fest, berichtet Seniorautor Simon Butler von der University of East Anglia. Vor allem im Frühling ist die für uns Menschen hörbare Geräuschkulisse des Vogelgesangs demnach in den letzten 25 Jahren messbar leiser und eintöniger geworden. Dieser Trend war sowohl in Europa wie in Nordamerika deutlich erkennbar, wie das Team erklärt.

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Wie die Vergleiche ergaben, ist der Rückgang in der Vielfalt in den Vogelgesänge im Osten und Westen Europas und Nordamerikas am stärksten ausgeprägt. In Nordamerika macht sich das Leiserwerden der Vogelgesänge vor allem im Nordosten des Landes bemerkbar, in Europa haben Lautstärke und Dichte der Vogelgeräusche relativ gleichmäßig abgenommen. „Die akustische Vielfalt und Intensität der natürlichen Klanglandschaften scheint in ganz Europa abzunehmen“, berichtet Koautor Johannes Kamp von der Universität Göttingen.

Auch Deutschland ist betroffen: „In Deutschland haben wir zum Beispiel große Populationen von Arten mit charakteristischen Stimmen verloren, zum Beispiel Feldlerche und Kiebitz“, so Kamp. „Das sind Klänge, die das Erleben des Frühlings in der Landschaft ausmachen. Vor allem die Agrarlandschaften sind viel ruhiger geworden.“

„Silent Spring“ rückt näher

Mit anderen Worten: Der teils drastische Rückgang der Vögel ist vielerorts inzwischen auch hörbar. Die Vogelrufe sind insgesamt spärlicher und eintöniger geworden. Im Prinzip bestätigt dieser Trend damit genau das, was die US-Biologin Rachel Carson schon 1962 in ihrem Buch „Silent Spring“ vorhergesagt hat: Wenn durch den Einsatz der Pestizide und anderer Landwirtschaftspraktiken die Insekten sterben oder vergiftet werden, trifft dies auch die Vögel – und lässt ihre Gesänge verstummen.

Die aktuelle Studie demonstriert, dass dieses menschengemachten Artensterben tatsächlich inzwischen hörbar ist. „Weil die meisten Menschen die Vögel in ihrer Umgebung eher hören als sehen, macht dies die anhaltenden Populations-Rückgänge am ehesten spürbar“, sagt Butler. Andere Tiergeräusche seien vermutlich in ähnlich starkem Maße betroffen, aber weniger prominent in unserer Wahrnehmung.

Negative Rückkopplung

Das Schwinden der Vogelgesänge ist aber nicht nur ein Symptom des Vogelschwunds, es könnte auch dazu führen, dass sich heutige Generationen noch weiter von der Natur entfremden: „Wenn wir die natürliche Umgebung immer weniger wahrnehmen, macht uns dies auch gleichgültiger gegenüber ihrer Zerstörung“, so Butler. „Studien wie die unsrige wollen deshalb das Bewusstsein für diese Verluste auf greifbare und alltagsbezogene Weise schärfen.“ (Nature Communications, 2021; doi: 10.1038/s41467-021-26488-1)

Quelle: University of East Anglia, Georg-August-Universität Göttingen

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