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Umweltprobleme im Nationalpark

Vom tropischen Paradies zum Krisengebiet

Kibo, Shira und Mawensi. © NASA/JPL/NIMA

Andreas Hemp kennt den Kilimandscharo wie seine Westentasche. In Old Moshi, einem Ort am Fuß des Gebirgs-Massivs, indem Ende des 19 Jahrhunderts auch schon die deutsche Ostafrika-Gesellschaft residierte, hatte er sein Domizil aufgeschlagen.

Von hier aus startete der Biologe der Universität Bayreuth seine Forschungsexpeditionen auf den Vulkanberg, hier erfolgte aber auch die Auswertung der Daten aus GPS-Messungen oder von den über 30 automatisch arbeitenden Wetterstationen. Diese stehen in verschiedenen Höhenstufen des Vulkankegels und sammeln seit einigen Jahren nahezu flächendeckend Informationen über Temperatur, Regenmenge oder Luftfeuchtigkeit.

Exotische Pflanzen © Gustav Grabler

Hemp führte am Kilimandscharo eine Inventur in der Natur durch, eine Bestandsaufnahme der am Kilimandscharo lebenden Tiere und Pflanzen. Dabei hat er viele bisher unbekannte Arten entdeckt. Ihn interessierte aber auch, wie sich die Fauna und Flora in den letzten Jahrzehnten unter dem menschlichen Einfluss und speziell dem Klimawandel verändert hat.

Sorgenkind Dschungel

Zu seinen Sorgenkindern gehört der tropische Bergregenwald, der sich an den Hängen des Massivs teilweise bis in 3.000 Meter Höhe ausdehnt. Denn der Dschungel mit seinen Baumriesen, Lianen, Farnen, Elefanten oder unzähligen Moosen und Flechten ist längst nicht mehr so unberührt wie noch zu Zeiten der ersten Europäer, die um 1850 hierher kamen.

Zwei Hauptprobleme für den Regenwald, der fast immer von einem dichten Nebelschleier verhüllt wird, hat Hemp im Rahmen seiner Forschungsarbeit vor Ort ausgemacht: den illegalen Raubbau am Wald und die häufig wütenden Waldbrände. Sie haben dazu geführt, dass naturbelassene Gebiete seltener werden und der Wald insgesamt erheblich schrumpft.

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Bei Auswertungen von alten Satellitenbildern und eigenen Kartierungen stellte der Biologe beispielsweise fest, dass sich die Waldgrenze – vor allem aufgrund von Feuersbrüsten – in den letzten drei Jahrzehnten gleich um mehrere hundert Meter nach unten verschoben hat. Die Folgen für den Wasserhaushalt in der Region sind fatal. Denn in den betroffenen Gebieten in mehr als 2.000 Metern Höhe fallen in den Regenzeiten von März bis Mai und von Oktober bis Dezember besonders ergiebige Niederschläge.

Regenwald © Eckart Winkler

Früher haben die Wälder inklusive der Moose und Flechten die Wassermassen wie ein Schwamm aufgesaugt und nur langsam wieder abgegeben. Fehlen nun die Bäume, rauscht das Regenwasser in Sturzbächen zu Tal und reißt dabei Löcher in das fragile System Boden.

Doch nicht nur die Erosion macht den Wissenschaftlern Sorgen. In den bewohnten und bewirtschafteten Regionen weiter unten am Berg drohen auch immer häufiger Hochwasser und Überschwemmungen, die Äcker, Weiden und Häuser vernichten und manchmal auch Menschleben fordern.

Illegaler Holzeinschlag

Einen erheblichen Tribut vom Wald fordert zudem die ständig wachsende Bevölkerung im Gebiet rund um den Kilimandscharo. Ihre Zahl ist von ehemals knapp 100.000 auf mittlerweile rund eine Million gestiegen. Alle diese Menschen benötigen große Mengen an Holz für den Hausbau, das Kochen oder für neue Äcker, um ihren Lebensunterhalt zu sichern.

Immer wieder stoßen die vor Ort tätigen Wissenschaftler deshalb bei Sichtungsflügen oder auf Expeditionen im Nationalpark auf illegal abgeholzte Waldgebiete. Von privater Seite, von Umweltorganisationen oder öffentlichen Stellen initiierte und finanzierte Aufforstungsprogramme können dieses Raubbau nicht annähernd ausgleichen.

Ökosystem in Gefahr?

Die wenig nachhaltige Waldnutzung am Kilimandscharo ist aber nur eines von vielen Problemen in der Region. So werden beispielsweise in der Landwirtschaft große Mengen an Pestiziden eingesetzt, die nicht nur zur Vergiftung der Böden und des Grundwassers führen, sondern auch die Gesundheit der Menschen gefährden. So fehlen in den Blumenplantagen, die sich seit den 1990er Jahren am Kilimandscharo rasant ausbreiten, häufig selbst einfachste Schutzmöglichkeiten vor den giftigen Spritzmitteln. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation FIAN ist es deshalb sogar zu Missbildungen von Babys bei dort arbeitenden Frauen gekommen.

Auch Wasserverschwendung, Bodendegradierung durch Überweidung oder die Zerschneidung von Lebensräumen bedrohen seit einiger Zeit das einzigartige Ökosystem am Kilimandscharo. Forscher und Umweltorganisationen fürchten deshalb, dass in Zukunft viele der seltenen Tier- und Pflanzenarten aus dem ehemaligen Paradies verschwinden könnten…

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Stand: 13.04.2006

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Kilimandscharo
Weißer Riese in Gefahr

Überblick
Das Wichtigste in Kürze

Kind des Feuers
Wie der Kilimandscharo entstand

Schnee auf dem Kilimandscharo
Ein Mythos wird geboren

Überleben in Extremen
Auf dem Weg zum Uhuru-Peak

Vom tropischen Paradies zum Krisengebiet
Umweltprobleme im Nationalpark

(Kein) Schnee am Kilimandscharo
Die Gletscher schrumpfen

Gletscher schmelzen schneller
Droht ein Wassermangel in der Kilimandscharo-Region?

Tauwetter am Gipfel
Sind fehlende Bäume „schuld“ am Abschmelzen der Gletscher?

Plastikfolien als Wärmeschutz?
Wie kann man die Gletscher noch retten?

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