Lähmende Beute und tödliches Gift - scinexx | Das Wissensmagazin
Anzeige
Anzeige

Lähmende Beute und tödliches Gift

Von Schlangen und Molchen

{1l}

Sie ist rund einen Meter lang, besitzt helle Rücken- und Seitenstreifen und frisst unter anderem Amphibien, Fische, Schnecken, Regenwürmer und Egel: Die in Nordamerika lebende Rotgefleckte Strumpfbandnatter könnte aufgrund ihrer gut gefüllten Speisekarte und weniger echter Feinde eigentlich ein sorgenfreies Dasein fristen.

Doch die in den USA Red Spotted Garters genannten Tiere haben im Laufe der Evolution eine ebenso ungewöhnliche wie gefährliche Vorliebe für eine bestimmte Amphibienart entwickelt und machen sich damit selbst das Leben schwer. Denn der in Teichen, Tümpeln, Seen und Bächen beheimatete Rauhäutige Gelbbauchmolch hat es im wahrsten Sinne des Wortes in sich. In besonderen Hautdrüsen produziert das Tier ein hoch wirksames Nervengift, das Tetrodotoxin, das schwere Lähmungen bis hin zum Tod auslösen kann. Jeder einzelne Frosch ist in der Lage mit seinem Gift zehntausende Mäuse oder mehrere hundert Menschen zu töten. Für mögliche Feinde ist der Molch mit der auffälligen leuchtend orangenen Warnfarbe auf der Bauchseite damit praktisch ungenießbar.

Resistenz mit Folgen

Taricha-Wassermolch © USGS/PWRC

Nur die Strumpfbandnatter ist resistent gegen das Tetrodotoxin und macht immer wieder Jagd auf die bis zu 20 Zentimeter großen Tiere mit der warzigen Haut. Allerdings nicht ohne Folgen: Hat sie einen Taricha-Molch erbeutet und verspeist, ist die Schlange nahezu gelähmt und muss erst einmal alle Energie darauf verwenden das Gift zu neutralisieren. Die stundenlang bewegungslos verharrende Schlange wird dann zu einem leichten Opfer von Vögeln.

Den Artbestand der Schlange hat die Begeisterung für die ungewöhnlichen und extrem wehrhaften Taricha-Molche allerdings bisher nicht gefährdet. Sie gehört in ihrem Lebensraum von Washington bis Oregon zu den häufigsten Schlangenarten überhaupt. Ein Grund für diesen Erfolg beim „struggle for life“ liegt dabei gerade in der ungewöhnlichen Molchnahrung: Denn die Schlange begeht „Giftdiebstahl“ und lagert das Tetrodotoxin in ihrem Körper zwischen. Nach der Verdauung der Taricha-Mahlzeit befindet sich so viel Gift in den Geweben der Natter, dass sie selbst zur tödlichen Gefahr für ihre Fressfeinde wird.

Anzeige

Rüstungswettlauf zwischen Schlange und Molch

Thamnophis sirtalis © Gary M. Stolz /FWS

Wissenschaftler konnten mittlerweile zeigen, dass sich dort, wo Molch und Schlange zusammen vorkommen, im Laufe der Evolution eine Art Rüstungswettlauf abgespielt hat. Mal besaß dabei der Molch einen Vorteil, dann wieder die Schlange. Die immer größeren Mengen an Gift, die der Frosch mit der Zeit produzierte, konterte Thamnophis sirtalis concinnus jeweils mit weiter verbesserter Immunität.

Die Kosten für diesen paradoxen Überlebenskampf tragen beide Tiere, denn sie müssen immer mehr Energie und Stoffwechselprodukte für ihre Verteidigungsstrategien einsetzen. Die verwendeten Grundbausteine wie Aminosäuren oder Kohlenhydrate fehlen dann bei anderen Lebensvorgängen.

  1. zurück
  2. |
  3. 1
  4. |
  5. 2
  6. |
  7. 3
  8. |
  9. 4
  10. |
  11. 5
  12. |
  13. 6
  14. |
  15. 7
  16. |
  17. weiter


Stand: 18.01.2008

Anzeige

In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Unfälle der Evolution
...oder doch geniale Anpassungsstrategien?

Walrosse auf Abwegen
Massenselbstmorde oder Pech?

Von Albatrossen und Geparden
Unvollkommene Geschöpfe der Natur

Lähmende Beute und tödliches Gift
Von Schlangen und Molchen

Schlechte Sicht, manipulierbares Gedächtnis
Nur Note ausreichend für den Homo sapiens?

Eiserne Reserve im Wurmfortsatz
Neue Erkenntnisse über ein anscheinend nutzloses Relikt aus der Urzeit

Mysteriöses Hummelsterben
Nahrungsmangel als Ursache

Diaschauen zum Thema

News zum Thema

keine News verknüpft

Dossiers zum Thema

Neandertaler - Neue Erkenntnisse über unsere Steinzeit-Cousins

Mammuts - Eiszeitgiganten zwischen Mythos und Wiedergeburt

Ameisen - Eine für alle, alle für eine

Anzeige
Anzeige