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Die Überraschung

Erwähnung von Geo-Engineering im Bericht sorgt für Irritationen

Ganz am Ende verbirgt sich ein absolutes Novum für einen Klimabericht – und echter Sprengstoff: Zum ersten Mal wird das Thema „Geo-Engineering“ in einer Zusammenfassung für politische Entscheider explizit angesprochen. Und das obendrein im letzten Absatz – der in vielen Berichten das Fazit enthält, in wissenschaftlichen Veröffentlichungen auch oft einen Ausblick. Dass ausgerechnet dort das Geo-Engineering auftaucht, hat viele überrascht. Zumal dies erstaunlicherweise nicht etwa im Teil 3 des Klimaberichts passiert, in dem es um die möglichen Maßnahmen gegen den Klimawandel geht, sondern im Teil 1, der eigentlich nur die physikalische Basis liefern soll.

Mögliche Methoden des Geo-Engineering © Earth Institute Kiel

„Das ist ein Absatz, der niemals hätte sein dürfen“, empört sich Neth Dano von der ETC Group, einer Geo-Engineering-kritischen internationalen Umwelt- und Menschenrechts-Organisation. „Der Bericht diskutiert weder Solarenergie noch Elektroautos, er diskutiert auch nicht irgendwelche anderen Maßnahmen gegen die Klimakrise, warum also haben die Autoren sich dazu entschlossen, den Schlussabsatz diesem spekulativen und gefährlichen Techno-Fix zu widmen?“

Eisendüngung und Schwefel-Aerosole

Geo-Engineering geistert seit Jahren in der Diskussion herum und sorgt für heftige Kontroversen. Denn im Kern geht es dabei um Methoden, mit denen wir die steigenden CO2-Emissionen ausgleichen und so ein weiteres Ansteigen der Temperaturen verhindern könnten – und das ohne unbequeme Senkungen des CO2-Ausstoßes. Statt Klimaschutz-Maßnahmen sollen technische Methoden entweder dafür sorgen, dass weniger wärmende Sonnenstrahlung auf die Erdoberfläche trifft – beispielsweise durch Einspeisen von reflektierenden Schwefelaerosolen in die obere Atmosphäre. Oder aber sie sollen helfen, das überschüssige CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen, dass durch menschliche Emissionen dorthin gelangt ist – hier wird beispielsweise die Eisendüngung des Ozeans diskutiert, die CO2-verarbeitenden Algenblüten fördern sollen.

Algenblüte im Ozean: Eine gezielte Düngung solcher Algen mit Eisen ist eine der Maßnahmen des Carbon Dioxide Removal (CDR) © NASA/GSFC

Das Problem dabei: Diese Methoden greifen tief in das Klimasystem der Erde ein. Welche Folgen diese Form der Manipulation auf Atmosphäre, Vegetation, Ozeane und die Ökosysteme des Planeten hat, ist alles andere als klar. (Siehe dazu auch unser Dossier „Klimamanipulation im Großlabor Erde“)

Und noch ein Problem gibt es: Geo-Engineering wird vor allem von den Staaten und Organisationen vorangetrieben, die wenig Enthusiasmus für den Klimaschutz zeigen. Kein Zufall. Denn viele Klimaforscher befürchten, dass diese Methoden schnell als Alibi dienen könnten. Nach dem Motto: „Wir brauchen unsere Emissionen nicht zu reduzieren, denn das Geoengineeering sorgt ja dafür, dass dies keine Folgen hat“. Während der IPCC-Verhandlungen zum Bericht sollen vor allem die Vetreter Russlands auf eine Aufnahme der Thematik in den Bericht gedrängt haben, wie die britische Zeitung The Guardian berichtet.

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Potenzial zur Klimabremse?

Was aber steht nun in dem umstrittenen Absatz der Berichts-Zusammenfassung? In ihm konstatieren die IPCC-Autoren zunächst, dass es Methoden gibt, die das Klimasystem absichtlich verändern sollen, um den Klimawandel zu bekämpfen. Sie betonen dann, dass es bisher nur sehr begrenzte Belege für Methoden wie das Solar Radiation Management (SRM) und das Carbon Dioxide Removal (CDR) gibt, so dass eine quantitative Bewertung ihres Einflusses auf das Klimasystem nicht möglich ist. So wisse man bei den CDR-Verfahren nicht, wie stark sie langfristig die CO2-Emissionen ausgleichen könnten. So weit, so angemessen kritisch.

Dann allerdings wird es verdächtig positiv: Zur Senkung der Sonneneinstrahlung mittels SRM heißt es: „Modelle deuten darauf hin, dass SRM-Methoden – wenn realisierbar – das Potenzial besitzen, einen globalen Temperaturanstieg substanziell zu bremsen.“ Das sei eine Simplifizierung, die die Komplexität und die spekulative Natur dieser Ansätze außer Acht lasse, kritisieren Vertreter der ETC Group, aber auch anderer Organisationen.

Geo-Engineering als Alibi für weiter ungebremste Emissionen? © SXC

Fataler Bumerang-Effekt

Allerdings: Auch das IPCC schiebt eine Warnung gleich hinterher: Solche Verfahren würden den globalen Wasserkreislauf verändern und die Versauerung der Ozeane nicht verhindern, warnen die Forscher. Und dann folgt noch eine Warnung: „Wenn die Maßnahmen aus irgendeinem Grund gestoppt werden, dann würden die globalen Temperaturen sehr schnell wieder auf den Wert steigen, der dem Treibhauseffekt entspricht.“

Entsprechend sehen auch die Wissenschaftler des Forschungsinstituts IASS Potsdam in diesem Absatz keinen Hinweis darauf, dass das IPCC Geo-Engineering befürwortet. „Das sollte nicht als Indiz dafür verstanden werden, dass sie diese Verfahren als Ersatz oder Ergänzung zum Klimaschutz sehen“, schreibt das Institut in einer Presseerklärung. Dass das Thema behandelt werde, sei der Tatsache geschuldet, dass in den letzten Jahren zu diesem Thema zahlreiche Studien erschienen sind, die das IPCC nicht außen vor lassen wollte.

Andere aber sehen dies deutlich kritischer. „Wenn ich einer der Entscheider wäre, an die sich diese Zusammenfassung richtet, und ich in einem Land leben würde, dessen Politiker sich gegen eine Reduktion der Treibhausgas-Emission sperren, dann könnte dies dazu beitragen, dass ich all die düsteren Daten vergesse und darin einen Hoffnungsschimmer sehe“, konstatiert Jack Stilgoe von University College London im „Guardian“. „Und genau das macht mir Angst.“ Denn was hindere Klimaschutz-Verweigerer daran, sich künftig auf das IPCC zu berufen, nach dem Motto: Ist alles halb so schlimm, wir können ja Geo-Engineering machen.

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Nadja Podbregar
Stand: 02.10.2013

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Inhalt des Dossiers

Weltklimabericht 2013
Neues und nicht ganz so Neues zum Status unseres Planeten

Die Fakten
Was ist neu im neuen Klimabericht?

Das Rätsel
Woher kommt die Delle in der Klimakurve?

Der Zeitfaktor
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