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Verblüffend komplexe Bestattungstechniken bei einfachen Fischern

Die Chinchorro-Mumien

Von den alten Ägyptern sind Mumien schon lange bekannt: Hochrangige Tote wurden einbalsamiert und mit Binden umwickelt, um die Leichen an der Verwesung zu hindern. Denn der Körper sollte möglichst unversehrt ins Jenseits übergehen und dort den Göttern begegnen. Vorbehalten war diese Form der Bestattung allerdings nur den Pharaonen und anderen hochrangigen Ägyptern. Wer arm war, konnte sich weder Sarkophag noch Einbalsamierung leisten.

Die Chinchorro lebten im Küstengebiet von Peru und Nordchile © NASA

Jäger und Sammler am Rande der Wüste

Aber obwohl die ägyptischen Mumien die bekanntesten sind: Erfunden hat diese Form der Totenkonservierung eine andere Kultur, noch dazu eine am anderen Ende der Welt. Denn in Südamerika begannen Menschen schon vor rund 7.000 Jahren, ihre Toten zu mumifizieren. Davon zeugen Mumien des Volks der Chinchorro, das damals im trockenen Küstengebiet des heutigen Nordchile und Peru lebte.

Über diese einfachen Jäger und Sammler ist bisher nur wenig bekannt. Aus archäologischen Funden weiß man aber, dass sie hauptsächlich vom Fischfang und von Meeresfrüchten lebten. Entlang der Pazifikküste zeugen ganze Wälle aus aufgetürmten Muschelschalen davon. Es gibt aber auch einige Siedlungsreste weiter im Inland, an Flüssen und Wasserlöchern der Atacamawüste. Typischerweise lebten die Chinchorro in kleinen Gruppen von 30 bis 50 Personen zusammen in einer Art Dorf. Jede Familie bewohnte dabei eine einfache Hütte und besaß eigene Fischereiutensilien.

Mumie der Chinchorro-Kultur aus Nordchile. © Pablo Trincado / CC-by-sa 2.0

Mit Feuer, Asche und Lehm

Ausgerechnet dieses eher einfache Indiovolk begann vor rund 7.000 Jahren, etwa 2.00 Jahre nach ihrem ersten Auftauchen, ihre Toten in zunehmend komplexer Weise zu mumifizieren: Bauch- und Brusthöhlen der Leichen wurden nach deren Tod geöffnet und von Eingeweiden befreit. Mit Feuer und heißer Asche wurde das Körperinnere dann getrocknet und gereinigt. Dann füllten die Chinchorro die Körper der Toten mit einer Mischung aus Lehm, Wolle, Stroh und Asche. Um die Körper zu stabilisieren, schoben sie oft zusätzlich Holzstäbe zwischen Haut und Knochen.

Im nächsten Schritt begann die äußere Vorbereitung der Toten: Die Körperoberfläche wurde mit Lehm bestrichen, für das Gesicht mischten die Chinchorro weiße oder schwarze Pigmente darunter und hoben es so hervor. Den Schädel bedeckten sie mit einer Perücke, Augen, Nase und Mund markierten sie mit kleinen Einschnitten oder Dellen in der Lehmmaske. Die Genitalien wurden ebenfalls besonders herausmodelliert.

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Die auf diese Weise präparierten Toten umwickelten die Chinchorro manchmal mit Bandagen aus Alpaka- oder Lamafell, manchmal bemalten sie die Körper mit roter und schwarzer Farbe oder schmückten sie mit Graskordeln. Die fertigen Mumien wurden dann auf Matten aus gewebten Pflanzenfasern gelegt. Warum diese Indios so viele unterschiedliche Techniken nutzten, ist bisher unbekannt – die Ägypter hatten dagegen vergleichsweise einheitliche Einbalsamierungstechniken.

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Nadja Podbregar
Stand: 13.06.2014

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Das Rätsel der Andenmumien
Toten- und Opferrituale am Rande der Atacama

Die Chinchorro-Mumien
Verblüffend komplexe Bestattungstechniken bei einfachen Fischern

Abgeschaut vom Wüstenwind
Wie kamen die Chinchorro auf die Idee der Mumien?

Opfertod für Gott und Volk
Die Capacocha-Zeremonie der Inka

Die Mumie vom Feuerberg
Die Entdeckung der Inka-Mumie "Juanita"

Tod im Rausch
Das Rätsel der drei Kinder vom Llullaillaco

Erst verwöhnt, dann geopfert
Die letzten Monate vor dem Capacocha-Ritual

Make-Up für die Toten
Der Totenkult von Teotihuacan

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Mumien geben Geheimnisse preis
Magnetresonanztechnik bringt Durchbruch in der Mumienforschung

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