Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Lippenherpes durch verseuchte Textilien?
Studie enthüllt möglichen neuen Infektionsweg
Lippenherpes ist allseits unbeliebt, aber weit verbreitet: Er zählt in Deutschland zu den häufigsten Erkrankungen der Haut. Neben den bekannten Übertragungswegen der Viren durch den Speichel sowie der Verbreitung über Schmierinfektionen mit den Händen nach Aufkratzen der Lippenbläschen, gibt es offenbar noch einen weiteren möglichen Infektionsweg: Herpes-kontaminierte Textilien. Dies zeigen neue Untersuchungen an den Hohenstein Instituten.

Herpes-Virus
Herpes-Virus
© CDC
Mit Hilfe molekularbiologischer Analytik ist es den Wissenschaftlern dort gelungen, die starke Haftung von Herpes-simplex-Viren (HSV 1) an Textilien nachzuweisen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass eine Ansteckung beispielsweise also auch über Handtücher, Servietten sowie Geschirr- und Reinigungstücher erfolgen könnte, mit denen sich zuvor ein Herpes-Infizierter abgetrocknet hat.

Wäsche vertreibt Viren nicht
Im Rahmen des Haftungsversuchs am Institut für
Hygiene und Biotechnologie (IHB) kontaminierten die Wissenschaftler kleine Textillappen direkt mit Viruspartikeln aus einer HSV 1-Suspension. Wie sich herausstellte, waren die Herpesviren auch noch nach 48 Stunden bei Raumtemperatur auf dem Textil vorhanden. Aufgrund von Untersuchungen, die von einer Dauerhaftigkeit von Herpes-simplex-Viren über acht Wochen auf harten Oberflächen berichten, kann man daraus schließen, dass sich vermutlich auch auf dem Textil infektiöse Partikel befanden.

Selbst nach einer 40°C-Wäsche mit einer haushaltsüblichen Maschine unter Verwendung von Haushaltswaschmittel lies sich die Virus-DNA auf den Läppchen nachweisen. Dies unterstreicht die hohe Anhaftung der Herpesviren am Textil, unabhängig davon, ob es sich dabei um infektiöse Partikel handelt oder nicht.

Allerdings ist eine Ansteckung mit Herpes durch Textilien nach dem Waschgang aufgrund der empfindlichen Hüllmembran des Virus eher unwahrscheinlich, da diese im Hinblick auf die Infektiosität der Erreger eine wichtige Rolle spielt. Dennoch kann eine Infektionsgefahr anhand dieser ersten Ergebnisse nicht restlos ausgeschlossen werden, so die Wissenschaftler.

Virus-DNA-Abschnitt nachweisbar
Virus-DNA-Abschnitt nachweisbar
© Hohenstein Institute Virus-DNA-Abschnitt nachweisbar
Erreger-Nachweis anhand von Nukleinsäure
Bei den an den Hohenstein Instituten nun etablierten molekularbiologischen Techniken des IHB erfolgt der Nachweis des Herpes-Erregers anhand seiner Nukleinsäure (DNA) durch eine spezifische Enzymreaktion. Dazu sind zwei Schritte notwendig: Zunächst wird die DNA aus den temperaturanfälligen HSV-Partikeln durch einen einfachen Hitzeschritt gewonnen, welcher die Virushülle aufbricht und die Nukleinsäure zugänglich macht.

Anschließend wird bei der so genannten Polymerase-Kettenreaktion (PCR) dann ein definierter DNA- Abschnitt selektiv vermehrt. Dieser spezifische Virus-DNA-Abschnitt ist danach anhand seiner bestimmten Länge nachweisbar.

Bald keine Haftung mehr für Viren?
Ziel der Wissenschaftler ist es, die erarbeiteten molekularbiologischen Techniken künftig neben der Forschung an Viren auch für verbraucherorientierte Dienstleistungen einzusetzen. Die erforderliche Genehmigung für gentechnische Arbeiten der Sicherheitsstufe 1 wurde dem IHB durch das Regierungspräsidium Tübingen erteilt.

Die neue Forschungsdisziplin an den Hohenstein Instituten ermöglicht beispielsweise ein umfassendes Screening zur Haftung von unterschiedlichen Viren auf Textilien, um das Übertragungspotenzial durch Bekleidung und Textilprodukte genauer zu untersuchen. Die Erkenntnisse aus der Molekularbiologie könnten in Zukunft dann in die Entwicklung neuer Materialien einfließen, die die Haftung und Verschleppung human- und tierpathogener Viren verhindern.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Herpes, Viren, Infektionen, Erreger, Textilien, Speichel, Gesundheit, Krankheit, Medizin
Weitere News zum Thema
Körpereigene Fresszellen als Komplizen von Viren (25.07.2011)
Transportmechanismus erklärt Eindringen von Krankheitserregern in Schleimhäute
Forscher klonen menschliches Virus (15.09.2010)
Klonen ermöglicht erstmals Impfstoffforschung am Wildtyp des Cytomegalie-Virus
„Erwachende“ Viren schuld an Arzneimittel-Allergien (13.09.2010)
Immunsystem reagiert auf nicht auf Wirkstoff, sondern auf aktivierte Epstein-Barr oder Herpes-Viren
Rätsel der „schlafenden“ Viren geknackt (09.06.2010)
Mehrschichtiger Kontrollmechanismus steuert Latenz von Herpes und Co.
Epstein-Barr-Viren: „Pause“ täuscht Immunsystem (12.01.2010)
Schlüsselmechanismus zur Vermehrung der krebsauslösenden Viren identifziert
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Viren
Kluge Klamotten
DNS-Scanner
Aids
Genetik
Bakterien
Dossiers zum Thema
Rückkehr der Seuchen
Der Krieg gegen die Mikroben geht weiter
AIDS
Auf der Suche nach der Wunderwaffe
Unter die Haut
Barriere im Belagerungszustand
Mit Gentechnik gegen die Infektion
Die Suche nach neuen Impfstoffen
Vogelgrippe
Vom Tiervirus zur tödlichen Gefahr für den Menschen
Arzneimittelforschung
Mit Hightech auf der Suche nach Naturwirkstoffen
Intelligente Kleidung
Hightech-Textilien auf dem Vormarsch
Neuland in drei Dimensionen
Ein Blick ins Innere der Zelle
DNA
Von Genen, Mördern und Nobelpreisträgern
News des Tages
Fitte Vögel fliegen länger
Lippenherpes durch verseuchte Textilien?
Atitlán-See ist "Bedrohter See des Jahres 2009"
Wie "tickt" der Panda?
Alarm für Gendoper
Bald Datenspeicher im Nanoformat?
Genvarianten für plötzlichen Herztod identifiziert
Bücher zum Thema
Viren
Grundlagen, Krankheiten, Therapien von Susanne Modrow
Viren. Die heimlichen Herrscher
Wie Grippe, Aids und Hepatitis unsere Welt bedrohen von Ernst-Ludwig Winnacker
Was hab ich bloß?
Die besten Krankheiten der Welt von Werner Bartens
Mensch, Körper, Krankheit
von Renate Huch und Christian Bauer
Was treibt das Leben an?
Eine Reise in den Mikrokosmus der Zelle von Stephan Berry
Die Macht der Gene
Schön wie Monroe, schlau wie Einstein von Markus Hengstschläger
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes