Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Freitag, 10.02.2012
Hormon "Achillesferse" von Parasiten
Neue Erkenntnisse könnten zur Parasitenbekämpfung genutzt werden
Ob eine Fadenwurmlarve zu einem Parasiten in Tieren wird oder sich freilebend im Boden weiterentwickelt, steuert ein einziges Hormon. Dies haben jetzt Tübinger Wissenschaftler herausgefunden. Da es sich bei dem Hormon um ein kleines, chemisch leicht herstellbares Molekül handelt, könnte es zur Parasitenbekämpfung genutzt werden, schreiben die Forscher in der Fachzeitschrift „Current Biology“.

Parasiten
Parasiten
© Jürgen Berger / MPI für Entwicklungsbiologie Parasiten
Parasiten lassen sich - im Gegensatz zu freilebenden Organismen - von einem Wirt versorgen und produzieren auch ihre Nachkommen in diesem Wirt. Eine sehr erfolgreiche Lebensform: Mehr als die Hälfte aller Tierarten sind vermutlich Parasiten. Einige Tiergruppen haben den Übergang von der freilebenden zur parasitischen Lebensweise mehrfach vollzogen. So ist bei den Fadenwürmern der Tierparasitismus mindestens viermal, der Pflanzenparasitismus mindestens dreimal unabhängig voneinander entstanden.

Ausgewachsene Fadenwurmparasiten produzieren meist eine hohe Zahl von Nachkommen. Diese werden vom Wirt, der je nach Art des Parasiten ein Säugetier oder auch ein Fisch, Käfer oder eine Pflanze sein kann, an die Umwelt freigegeben. Dort entwickeln sie sich freilebend im Boden oder Wasser bis zu einem Stadium, das in der Lage ist, einen neuen Wirt zu finden und zu infizieren. Dieses spezialisierte Stadium ist die „infektiöse Larve“, die sich, einmal in den Wirt eingedrungen, zum erwachsenen Tier weiterentwickelt.

Infektiöses Larvenstadium
„Die Existenz dieses infektiösen Larvenstadiums bietet einen einzigartigen Ansatzpunkt, um die Parasiten gezielt zu bekämpfen", sagt Akira Ogawa vom Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen und Erstautor der Studie.

Über die Entstehung des Parasitismus war bisher nur sehr wenig bekannt, da die Unterschiede zwischen freilebenden und parasitischen Formen zu groß waren, als dass sie Rückschlüsse auf Zwischenformen zuließen.

Jetzt haben die Wissenschaftler erstmals molekulare und pharmakologische Ähnlichkeiten zwischen den Larven der freilebenden Fadenwurmarten Caenorhabditis elegans und Pristionchus pacificus sowie dem in Schafen, Hasen und anderen Säugetieren parasitierenden Fadenwurm Strongyloides papillosus entdeckt. „Diese Gemeinsamkeiten geben uns Aufschluss darüber, wie der Parasitismus im Laufe der Evolution entstanden ist“, sagt Max-Planck-Forscher Ralf Sommer.

Neuer Ansatz zur Parasitenbekämpfung
Wissenschaftler wussten schon lange, dass die infektiösen Larvenstadien der Fadenwurmparasiten einem spezialisierten Larvenstadium der freilebenden Arten, der Dauerlarve, äußerlich recht ähnlich sehen. Dennoch hatte man bisher keine molekularen Gemeinsamkeiten finden können. Ogawa konnte nun erstmals nachweisen, dass die Entwicklung der spezialisierten Larvenstadien in den freilebenden Arten C. elegans und P. pacificus und dem Säugetierparasiten S. papillosus von demselben Hormon gesteuert wird.

Dieses unterbindet bei C. elegans und P. pacificus die Ausbildung einer Dauerlarve und bei S. papillosus die Weiterentwicklung zur infektiösen Larve. Die Larven entwickeln sich stattdessen direkt zum freilebenden ausgewachsenen Tier.

„Da es sich bei dem Hormon um ein kleines, chemisch leicht herstellbares Molekül handelt, könnte diese Beobachtung pharmakologisch zur Parasitenbekämpfung genutzt werden“, sagt Ogawa. „Wir werden testen, ob auch andere parasitische Fadenwürmer auf dieses Hormon reagieren“.

Die meist nur wenige Millimeter großen Fadenwürmer (Nematoden) sind mit über einer Million Arten die größte Gruppe des Tierreichs. Sie kommen auf allen Kontinenten und in fast allen Ökosystemen der Erde vor. Zwar sind die meisten Arten völlig harmlos und leben beispielsweise im Erd- oder Meeresboden, einige Arten sind jedoch gefürchtete Krankheitserreger, die Menschen sowie Tiere und Pflanzen befallen.

Nematoden für Flussblindheit verantwortlich
So gehören zum Beispiel der Madenwurm (Enterobius vermicularis) und der bekannte Spulwurm (Ascaris lumbricoides) zu den Nematoden. Während Spulwürmer für Menschen, Schweine, Hunde und Katzen meist harmlos sind, infizieren die Hakenwürmer Ancylostoma duodenale und Necator americanus weltweit eine Milliarde Menschen, von denen etwa 50.000 pro Jahr an den Folgen der Infektion sterben. Auch die vor allem in Afrika verbreitete Flussblindheit wird von einem Nematoden hervorrufen. Auf Plantagen können Fadenwürmer die Pflanzen so stark schädigen, dass es zu Ernteausfällen kommt.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Fadenwürmer, Hormone, Botenstoffe, Parasiten, Wirt, Infektion, Krankheit, Gesundheit, Medizin, Spulwurm, Nematoden, Flussblindheit
Weitere News zum Thema
Fleischfressende Pflanze mit einzigartiger Fangstrategie entdeckt (10.01.2012)
Unterirdische Blätter als tödliche Klebfallen für Fadenwürmer
Mäuse: Superkräfte durch Ausschalten eines Moleküls (14.11.2011)
Effekt könnte zur Behandlung von Muskelschwäche beim Menschen genutzt werden
Chromosomenkopien machen verletzte Pflanzen fitter (01.08.2011)
Vervielfältigung erklärt erstaunlichen Wachstumsschub nach Beweidung
Evolution konstruiert Signalwege nach dem Baukastenprinzip (27.07.2011)
Fadenwürmer entwickeln gleiche Organe nach verändertem Proteinbauplan
Lithium als Jungbrunnen (14.02.2011)
Spurenelement verlängert Leben – bei Fadenwürmern und Menschen
Suche
Erweiterte Suche
Special
Dossier: Mythos 2012 - Die Maya, der 21. Dezember und die Fakten
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Nobody is perfect
Dossiers zum Thema
Die Macht der Hormone
Alleskönner, Jungbrunnen und Liebestrank?
Rückkehr der Seuchen
Der Krieg gegen die Mikroben geht weiter
Molekulare Motoren
Protein-„Maschinen“ als Triebfeder des Lebens
Arzneimittelforschung
Mit Hightech auf der Suche nach Naturwirkstoffen
Mit Gentechnik gegen die Infektion
Die Suche nach neuen Impfstoffen
Böden
Die dünne Haut der Erde
Chemische Keule und betörender Duft
Verteidigungsstrategien von Pflanzen
Die Grammatik des Lebens
Wie fügt die Natur einzelne Teile zum Großen Ganzen?
Gott oder Darwin?
Der Kreationismus auf dem Vormarsch
Pflanzen unter Stress
Abwehrstrategien gegen Mensch, Mikrobe und Chemie
News des Tages
Moskitos summen im “Liebes-Duett”
Ein Meter Meeresspiegelanstieg in hundert Jahren
Elektronenwolken sorgen für Nachbarschaftsstreit unter Molekülen
Hormon "Achillesferse" von Parasiten
Handys machen keine Kopfschmerzen
Wie Bakterien die Umwelt wahrnehmen
Bücher zum Thema
Fantastisches Tierreich
Zwischen Legende und Wirklichkeit von John Downer
Wächst die Seuchengefahr?
von Stefan H. E. Kaufmann und Susan Schädlich
Tabletten, Tropfen und Tinkturen
Medizin im Alltag von Cornelia Bartels, Heike Göllner und Jan Koolman
Was hab ich bloß?
Die besten Krankheiten der Welt von Werner Bartens
Mensch, Körper, Krankheit
von Renate Huch und Christian Bauer
Menschen, Seuchen und Mikroben
Infektionen und ihre Erreger von Jörg Hacker
Die chemischen Elemente
Ein Streifzug durch das Periodensystem von Lucien F. Trueb
Abenteuer Evolution
Die Ursprünge des Lebens von Walter Kleesattel
Das ist Evolution
von Ernst Mayr
Gipfel des Unwahrscheinlichen
Wunder der Evolution von Richard Dawkins
Top-Clicks der Woche
1. Röntgenlicht macht Eisen durchsichtig
2. Supererde in bewohnbarer Zone entdeckt
3. Jeder Vierte stirbt an Krebs
4. Supervulkane werden schnell wieder aktiv
5. Männer erinnern sich besser an Unangenehmes