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Freitag, 19.10.2018
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Antarktis: Eisverlust verdreifacht

Bestandsaufnahme findet alarmierende Zunahme der Eisschmelze seit 2012

Drastische Beschleunigung: Der jährliche Eisverlust in der Antarktis hat sich seit 2012 verdreifacht, wie eine aktuelle Bestandsaufnahme enthüllt. Demnach verliert der Südkontinent heute 219 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr – das ist mehr als jemals zuvor im Holozän. Allein durch das Schmelzwasser dieser Eismassen steigt der Meeresspiegel um 0,6 Millimeter jährlich, wie die Forscher im Fachmagazin "Nature" berichten. Das sei definitiv ein Grund zur Besorgnis – und zum schnellen Handeln.
Das Eis der Antarktis schmilzt seit 2012 fast dreimal so schnell wie zuvor.

Das Eis der Antarktis schmilzt seit 2012 fast dreimal so schnell wie zuvor.

Die Antarktis ist eines der größten Eisreservoire der Erde. Doch an dem gewaltigen Eisschild und seinen umgebenden Schelfeisen nagt der Klimawandel. Erst im letzten Jahr brach der größte jemals beobachtete Eisberg vom Larssen-Schelfeis ab. Längst sind zudem viele Gletscherzungen unterhöhlt und ausgedünnt. In Teilen des westantarktischen Eisschilds gilt die Schmelze sogar bereits als unumkehrbar. Und selbst die bisher relativ stabile Ostantarktis könnte gefährdet sein.

Drastische Verluste seit 2012


Neue, besorgniserregende Nachrichten liefert nun die bisher umfangreichste Bestandsaufnahme der antarktischen Eisentwicklung. Für sie werten mehrere Forscherteams Daten von 24 Satellitenmessreihen sowie aus Eisbohrkernen aus und ermittelten die aktuellen Eisverluste, aber auch die vergangenen Veränderungen der antarktischen Eisschilde.

Das Ergebnis: Selbst in dem kurzen Zeitraum von 1992 bis 2017 hat sich die Eisschmelze drastisch verstärkt. Seit 2012 haben sich die antarktischen Eisverluste von zuvor jährlich 79 Milliarden Tonnen auf 219 Milliarden Tonnen pro Jahr erhöht – das entspricht fast einer Verdreifachung, wie Andrew Shepherd von der University of Leeds und seine Kollegen berichten. Insgesamt hat die Antarktis seit 1992 rund 2.720 Milliarden Tonnen Eis verloren.


"Wir haben damit nun ein eindeutiges Bild dessen, was in der Antarktis geschieht – und diese Ergebnisse sind ein weiterer schrillender Alarm", sagt Koautor Eric Rignot von der University of California in Irvine. "Diese Daten zeigen uns, dass es nicht nur ein Problem gibt, sondern dass dieses Problem mit jedem verstreichenden Jahr schlimmer wird", ergänzt seine Kollegin Isabella Velicogna.

Der Thwaites-Gletscher in der Westantarktis ist besonders stark geschrumpft.

Der Thwaites-Gletscher in der Westantarktis ist besonders stark geschrumpft.

Westantarktis am stärksten betroffen


Wie die Forscher feststellten, sind es vor allem die Eismassen der Westantarktis, die immer schneller abtauen. Dort hat sich der Eisverlust von "nur 59 Milliarden Tonnen in den 1990er Jahren auf inzwischen 159 Milliarden Tonnen jährlich erhöht. Den größten Anteil daran haben die Gletscher am Amundsen-Schelfeis, darunter vor allem der Pines-Island- und der Thwaites-Gletscher, wie Shepherd und seine Kollegen berichten.

Ebenfalls drastische Verluste hat das Eis der Antarktischen Halbinsel erlitten Hier ist die jährliche Schmelzrate auf 25 Milliarden Tonnen gestiegen – unter anderem durch den Kollaps großer Schelfeisgebiete. Selbst in der relativ stabilen Ostantarktis gibt es Veränderungen: Dort hat sich der jährliche Eiszuwachs inzwischen verringert.


Meeresspiegel steigt immer schneller


Das Problem daran: Jede Tonne Gletschereis, die in der Antarktis schmilzt, fließt in den Ozean und beeinflusst den Meeresspiegel. Auch die jetzt ermittelten Eisverluste haben ihre Spuren hinterlassen: Bis 2012 trug die antarktische Eisschmelze jährlich rund 0,2 Millimeter zum Meeresspiegelanstieg bei. Seither jedoch ist dieser Beitrag auf 0,6 Millimeter pro Jahr angestiegen, wie Shepherd und seine Kollegen berichten. Insgesamt hat das in der Antarktis seit 1992 freigesetzte Schmelzwasser den Meeresspiegel um 7,6 Millimeter erhöht.

Der Eisverlust in der Antarktis und die Folgen


"Das sollte für die Regierungen, denen wir den Schutz unserer Küstenstädte und -kommunen anvertraut haben, Grund zur Sorge sein", sagt Shepherd. Denn die neuen Daten bestätigen, dass die weltweiten Pegel immer schneller ansteigen - und schon jetzt sind viele Inseln und Küstengebiete von vermehrten Überschwemmungen, Sturmfluten und sogar dem Untergang bedroht.

Eisverhalten ist "unberechenbar"


Ein weiterer Grund zur Sorge: Das aktuelle Verhalten des Antarktis-Eises ist unberechenbar – weil es in der Vergangenheit keine Entsprechung gibt. Das hat ein Forscherteam festgestellt, das die Eisentwicklung der letzten 20.000 Jahre untersucht hat. "Nach der letzten Eiszeit schrumpften die Eismassen der Westantarktis sehr schnell: Die Grundlinie zog sich innerhalb von rund 1000 Jahren um rund 1000 Kilometer landeinwärts zurück", berichtet Erstautor Torsten Albrecht vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung.

Damals jedoch erholten sich die Schelfeise davon, ohne zu kollabieren. "Dafür brauchten sie allerdings bis heute – gewaltige 10.000 Jahre", so der Forscher. "Angesichts des Tempos der aktuellen Klimaveränderungen ist dieser Mechanismus aber nicht schnell genug, um die heutigen Eisschilde vor dem Schmelzen zu bewahren." (Nature, 2018; doi: 10.1038/s41586-018-0179-y, doi: 10.1038/s41586-018-0171-6, doi: 10.1038/s41586-018-0172-5, doi: 10.1038/s41586-018-0173-4)
(University of California Irvine, University of Leeds, Columbia University, 14.06.2018 - NPO)
 
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