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Donnerstag, 21.09.2017
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Bildung stärkt Skepsis

Polarisierung von Kreationisten und Klimaskeptikern nimmt mit dem Bildungsstand zu

Wer den Klimawandel oder Evolution leugnet, ist keineswegs immer ungebildet – im Gegenteil. Ein höherer Bildungsstand scheint wissenschaftsskeptische Haltungen bei bestimmten politischen und religiösen Gruppierungen sogar zu verfestigen und zu stärken, wie eine US-Studie belegt. Die Polarisierung nimmt demnach mit dem Wissen und der Bildung der Menschen sogar zu. Warum das so ist, bleibt bisher jedoch Spekulation, wie die Forscher berichten.
Gegner von Evolutionstheorie oder Klimawandel finden sich vor allem bei bestimmten religiösen oder politischen  Gruppen. Hilft hier Aufklärung und Bildung?

Gegner von Evolutionstheorie oder Klimawandel finden sich vor allem bei bestimmten religiösen oder politischen Gruppen. Hilft hier Aufklärung und Bildung?

Vor allem in den USA, aber auch bei uns gibt es Bevölkerungsgruppen, die etablierten wissenschaftlichen Theorien und Erkenntnissen skeptisch gegenüberstehen oder sie sogar ganz ablehnen. Ein Beispiel dafür sind Klimaskeptiker, die den Klimawandel für erfunden oder zumindest nicht menschengemacht halten – und die an eine Vertuschung entsprechender Daten glauben. Ein weiteres Beispiel sind Menschen, die aus religiösen Gründen die Evolutionstheorie ablehnen.

Mit Fakten gegen Skeptiker?


Doch warum ist das so – und wie lässt sich dies ändern? Fehlt es den Skeptikern vielleicht nur an Wissen oder Bildung? Einer Hypothese nach schon: "Wenn Menschen Wissenschaft nicht akzeptieren, dann liege dies einfach daran, dass sie sie nicht verstehen", beschreibt Caitlin Drummond von der Carnegie Mellon University diese weit verbreitete Ansicht. "Alle was diese Menschen daher benötigen, seien mehr Fakten – so glaubt man."

Aber stimmt dieses gängige Bild vom ungebildeten und daher für Fake News und Verschwörungstheorien anfälligen Skeptiker wirklich? Um das zu überprüfen, haben Drummond und ihr Kollege Baruch Fischhoff die Daten von 2.500 Teilnehmern des US General Social Survey (GSS) ausgewertet. Diese landesweite Befragung erfasst den Ausbildungsstand und die Haltung der Bevölkerung zu Dutzenden politischen, religiösen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Themen. Teil des Survey ist zudem ein Test der wissenschaftlichen Bildung.


Bildung stärkt die Skepsis sogar


Im Rahmen ihrer Studie haben die Forscher gezielt untersucht, wie sich Bildung und Wissen, aber auch politische und religiöse Einstellung auf die Meinung zu sechs kontroversen Themen auswirken: dem Klimawandel, der Evolutionstheorie, dem Urknall, der Stammzellforschung, der Nanotechnologie und gentechnisch veränderte Nahrungsmittel.

Ausschnitt aus den Daten: Haltung gegenüber Klimawandel, Evolution und Urknall in Abhängigkeit von Bildungsgrad und politischer Meinung.

Ausschnitt aus den Daten: Haltung gegenüber Klimawandel, Evolution und Urknall in Abhängigkeit von Bildungsgrad und politischer Meinung.

Das überraschende Ergebnis: Mit zunehmender Bildung nahm die Skepsis in bestimmten politischen und religiösen Lagern nicht ab, sondern bei einigen Themen sogar eher noch zu. "Es gab eine signifikant stärkere Polarisation bei Teilnehmern mit höherer wissenschaftlicher Bildung bei vier Themen: dem Klimawandel, der Evolution, der Stammzellforschung und dem Urknall", berichten Drummond und Fischhoff.

Polarisierung nimmt mit Bildungsstand zu


Die Meinungskurven bei diesen Themen liefen umso stärker auseinander, je höher der Bildungsstand und das wissenschaftliche Allgemeinwissen der Befragten war. Während viele Gebildete umso entschiedener die gängigen Lehrmeinungen vertraten, lehnten andere diese umso vehementer ab. Wie erwartet gehörten dabei politisch Konservative eher zu den Klimawandel-Skeptikern und stark religiöse Menschen eher zu denjenigen, die die Evolutionstheorie ablehnen, so die Forscher.

"Demnach sind eine bessere Bildung und ein höherer Wissensstand sogar mit einer stärkeren politischen und religiösen Polarisierung verbunden", konstatieren Drummond und Fischhoff. Nach Ansicht der Forscher spricht dies klar gegen die Hypothese, dass den Skeptikern einfach nur das Wissen und der Einblick in die Fakten fehlt. "Das Defizitmodell erzählt eindeutig nicht die ganze Geschichte", so Drummond.

Ursachen bisher unklar


Aber was ist der Grund für diese Meinungsschere in der Bevölkerung? "Über die Ursachen können wir bisher nur spekulieren", sagt Fischhoff. "Eine Möglichkeit wäre, dass Menschen mit mehr Bildung eher wissen, welche Ansicht sie als Mitglied einer bestimmten politischen oder religiösen Gruppe zu vertreten haben – und wo sie die entsprechenden Argumente finden." Die Meinung zu einem kontroversen Thema würde demnach auch der Identifizierung mit der politischen oder religiösen Gruppe dienen.

Ein Indiz dafür könnte das Ergebnis zu den Themen Nanotechnologie und Gentechnik liefern: Diese Themen sind bisher noch nicht eindeutig von bestimmten politischen oder religiösen Richtungen besetzt. Interessanterweise wuchs hier die Kluft zwischen Gegnern und Befürwortern nicht mit dem Bildungsstand, wie die Umfragen ergaben.

"Eine weitere Möglichkeit wäre aber auch, dass das Zutrauen zum eigenen Wissen einfach schneller wächst als der tatsächliche Wissensstand", erklären die Forscher. Dies könnte dazu führen, dass diese Skeptiker erst recht das Gefühl haben, Verschwörungen oder Vertuschungen durch das wissenschaftliche "Establishment" zu durchschauen.

Welche Erklärung zutrifft – und bei wem, ist bisher reine Spekulation. Aufschluss müssen hier erst weitere Studien liefern. Klar scheint aber, dass die einfache Strategie: "Mehr Aufklärung hilft gegen Skeptiker" wohl nicht aufgeht. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2017; doi: 10.1073/pnas.1704882114)
(Carnegie Mellon University, 22.08.2017 - NPO)
 
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