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Sonntag, 25.09.2016
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Urpferde: Flexibler Speiseplan als Erfolgsgeheimnis

Forscher klären die Ursache für den Siegeszug des Urpferds Hippotherium in Eurasien

Das Urpferd Hippotherium eroberte in kürzester Zeit Eurasien und verdrängte seine einheimischen Konkurrenten. Sein Erfolgsgeheimnis hat jetzt ein internationales Forscherteam aufgedeckt: Es war sein flexibler Speiseplan. Denn wie Analysen fossiler Zähne verraten, frass das hundegroße Pferd nicht nur Gras, wie man bisher annahm, sondern auch Laub und Früchte. Diese Vielseitigkeit könnte ihm gegenüber anderen Urpferden einen entscheidenden Vorteil verschafft haben, berichten die Forscher im Fachmagazin "PloS ONE".
Schädel des Urpferds Hippotherium

Schädel des Urpferds Hippotherium

Die Invasoren kamen aus dem Osten; ihr Sieg war vollständig und endgültig: Vor elf Millionen Jahren wanderten Urpferde der Gattung Hippotherium von Nordamerika über die damals trocken gefallene Beringstraße nach Asien ein. Von dort breiteten sie sich rasch über ganz Europa aus. Dabei verdrängten sie ihre ursprünglich dort heimischen Verwandten der Gattung Anchitherium. Diese starben binnen kurzer Zeit aus. Bis heute rätseln Wissenschaftler, welches Merkmal Hippotherium so fit für den Daseinskampf machte.

Doch kein reiner Grasfresser?


Forscher der Universitäten Bonn und Hamburg stellen nun zusammen mit französischen und Schweizer Kollegen eine mögliche Antwort vor: Der Speiseplan der Neuankömmlinge war vielseitiger als bisher gedacht. Diese Flexibilität verschaffte ihnen gegenüber dem reinen Laubfresser Anchitherium einen entscheidenden Vorteil. Bis vor kurzem hielten Paläontologen Hippotherium für einen reinen Grasfresser. Das liegt vor allem an einer Eigenart, die auch heutige Pferde auszeichnet: Ihre Backenzähne sind „hochkronig“ - sie sind besonders groß und brauchen entsprechend lange, um sich abzunutzen.

Wahrscheinlich ist das eine Anpassung an ihr Hauptnahrungsmittel. Denn Gras enthält Kieselsäure-Einlagerungen, so genannte Phytolite. Die harten Silikateinlagerungen raspeln den Zahnschmelz regelrecht ab. Wären heutige Pferde nicht hochkronig, müssten sie wohl bald auf dem Zahnfleisch kauen. Auch Hippotherium hatte ein hochkroniges Gebiss. In seiner ursprünglichen Heimat Nordamerika gab es damals weite grasbewachsene Flächen. Deshlab glaubte man bis jetzt, dass sich Hippotherium auf diese Nahrungsquelle spezialisiert hatte. Doch ganz so wählerisch scheint Hippotherium aber nicht gewesen zu sein - wie die neuen Untersuchungen jetzt zeigen.


Hippotherium-Skelett im Naturkunde-Museum Karlsruhe.

Hippotherium-Skelett im Naturkunde-Museum Karlsruhe.

Riefen und Kratzer verraten Speiseplan


Die Wissenschaftler analysierten dafür Hippotherium-Backenzähne von Fundorten in Deutschland, der Schweiz und Frankreich. Unter dem Mikroskop zeigen die rund zehn Millionen Jahre alten Stücke charakteristische Kratzer – typische Schleifspuren von Graskomponenten. Dazwischen finden sich aber auch Riefen, die auf Laub als Nahrungsquelle hindeuten. Auch das durch Nahrungsabrieb entstandene Relief der Kauflächen spricht für Mischkost und gegen eine reine Schmirgel-Diät. „Die Isotopen-Analysen deuten ebenfalls darauf hin, dass die Tiere fraßen, was sie gerade fanden“, ergänzt Thomas Tütken.

Demnach scheint Hippotherium eine eher abwechslungsreichere Kost gefressen zu haben, die neben Gras auch Laub und Früchte umfasste. Die Hochkronigkeit war also keine Spezialisierung, sondern das glatte Gegenteil: Sie erlaubte es den Urpferden, sich zusätzlich eine weitere Nahrungsquelle zu erschließen. Das dürfte ihnen ihren Siegeszug von Nordamerika über Russland und Asien bis nach Mittel- und Westeuropa erleichtert haben.

Denn auf dem Weg wurden sie mit unterschiedlichen Klima- und damit auch Vegetations-Verhältnissen konfrontiert. Nahrungs-Pingel hatten da keine Chance. Das ursprünglich in Europa heimische Urpferdchen Anchitherium hatte niederkronige Zähne, war also hinsichtlich seiner Ernährung weit weniger flexibel. „Das könnte dem Neuankömmling geholfen haben, Anchitherium zu verdrängen“, spekuliert Tütken. Und das mit großem Erfolg: Schon kurze Zeit nach der Ankunft von Hippotherium war Anchitherium ausgestorben. (PloS ONE, 2013; doi: 10.1371/journal.pone.0074463)
(Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, 12.09.2013 - NPO)
 
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