Scinexx-Logo
Logo Themnetzwerk fachmedien und mittelstand digital
> Dossier
Sonntag, 20.04.2014

Ur-Eva im äthiopischen Paradies

Ardipithecus ramidus – der bisher älteste Vorfahre des Menschen

Schädel von Australopithecus afarensis

Schädel von Australopithecus afarensis

Bis Anfang Oktober 2009 war in der Welt der Anthropologen und Evolutionsforscher noch alles beim Alten. Australopithecus afarensis mit Funden wie „Lucy“ oder den Fußspuren in Laetoli galt als ältester bekannter Urahn des modernen Menschen, als Ur-Eva und Ur-Adam.

Vormensch oder Affe?


Zwar wusste man längst, dass wahrscheinlich schon vor den „Südaffen“ - Australopithecus geht auf das lateinische Wort „australis“ für „Süden“ und das altgriechische Wort „pithekos“ gleich „Affe“ zurück - weitere Vorfahren des Menschen auf der Erde gelebt haben. Doch bei Kandidaten wie Sahelanthropus tchadensis, der vor sechs bis sieben Millionen Jahren in der Region des Tschad sein Dasein fristete, war die genaue Einordnung - Vormensch oder doch eher Affe – schwierig und heftig umstritten.

Es gab zu wenig gut erhaltene Fossilien, um eine sichere Entscheidung zu treffen. Doch dann kam „Ardi“ und brachte den Stammbaum des Menschen und die Theorien zur Entwicklung des aufrechten Gangs gehörig durcheinander.

17 Jahre harte Arbeit


Bereits 1992 hatten Wissenschaftler in Aramis in Äthiopien einen Zahn gefunden, der sie auf die Spur des Vormenschen brachte. Bei weiteren Grabungen im Afar-Dreieck stießen Forscher dann ein paar Jahre später unweit von Lucys Fundstelle auf Skelettteile von insgesamt 36 „Affenmenschen“, die schließlich einer eigenen Art zugerechnet wurden: Ardipithecus ramidus.

Dass die Weltöffentlichkeit dann noch sage und schreibe 17 Jahre warten musste, bis sie von dem neuen Puzzlestein der menschlichen Evolution erfuhr, hatte einen einleuchtenden Grund: Denn so lange benötigten die Wissenschaftler aus 40 Ländern, um den uralten Fossilien ihre Geheimnisse zu entlocken. Die Funde waren fast ausnahmslos so morsch und teilweise auch beschädigt, dass die Fortscher bei der Bergung und Analyse der fossilen Knochen extrem vorsichtig und materialschonend vorgehen mussten.

Ardipithecus ramidus

Ardipithecus ramidus

Ein Mosaikwesen der besonderen Art


Doch was schließlich an Ergebnissen zu Tage gefördert wurde, war dem Wissenschaftsmagazin „Science“ sogar eine der seltenen Sonderausgaben wert. „Mit Ardipithecus haben wir eine unspezialisierte Form entdeckt, die sich noch nicht sehr weit in Richtung des Australopithecus entwickelt hatte”, brachte der Leiter des internationalen Forscherteams, Professor Tim White von der Universität von Kalifornien in Berkeley das Besondere an Ardipithecus auf den Punkt. „Wenn man sie von Kopf bis Fuß durchgeht, sieht man ein Mosaikwesen, das weder Schimpanse noch menschlich ist. Es ist Ardipithecus.“

Ein Mosaikwesen der besonderen Art


Unumstrittenes Highlight unter den Funden, waren die Knochen eines Weibchens, das von den Wissenschaftlern kurz und prägnant „Ardi“ getauft wurde. Schädel, Zähne, Beine, Arme, Hüfte: Von ihr waren fast alle Skelettteile erhalten. Mithilfe von digitalen Rekonstruktionen, Computertomographie oder Elektronenmikroskopie konnten die Forscher aus diesen Knochen eine Fülle an Erkenntnissen über Ardi und damit auch die Evolution des Menschen in Erfahrung bringen.

Danach wog Ardi höchstwahrscheinlich etwas mehr als 50 Kilogramm, war vermutlich zwischen 1,17 und 1,24 Meter groß und hatte ein Hirnvolumen von 280 bis 350 Kubikzentimetern (cm3). Sie zeigte sich ihren Zeitgenossen – darunter Urpferden, Papageien, Giraffen oder Hyänen - stark behaart, hatte längere Arme als Beine und besaß an den Füßen einen opponierbaren großen Zeh, der offenbar als wichtige Kletterhilfe diente. Ardi & Co schwangen sich dabei aber nicht wie die heutigen Schimpansen an langen Armen von Ast zu Ast, sondern bevorzugten ein völlig andere Art der Fortbewegung: Sie krabbelten auf allen Vieren durch die Bäume.

Leben im Wald


„Wir konnten damit zeigen, dass das Habitat von Ardipithecus überwiegend mit Wald bedeckt gewesen sein muss“, sagt der Paläontologe Ioannis Giaourtsakis von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), der von deutscher Seite an der Untersuchung der Fossilien beteiligt war. „Das benachbarte offene Grasland gehörte wohl nicht zum Habitat des Hominiden.“