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Geschmackstest für ungeborene Babys

Ultraschallbilder enthüllen erstmals Reaktion des Fötus auf Aromen aus der mütterlichen Nahrung

Fötus
Dieses ungeborene Kind zeigt nach dem Schlucken von Fruchtwasser ein Lächeln – es reagiert damit positiv auf das süße Karottenpulver, das die Mutter zuvor geschluckt hatte. © Fetal Taste Preferences Study (FETAP)/ Durham University

Freudiges Lächeln oder abwehrend verzogener Mund: Schon im Mutterleib reagieren ungeborene Kinder auf Geschmacksreize – über das Fruchtwasser bekommen sie mit, was ihre Mutter isst. Wie diese Reaktion ausfällt, haben Forschende jetzt erstmals mittels Ultraschall direkt beobachtet. Deutlich war zu erkennen, wie die Babys bei süßem Karottengeschmack eine Art Lächeln zeigten, beim herb-bitteren Aroma des Grünkohls hingegen das Gesicht verzogen.

Noch bevor ein ungeborenes Kind hören oder sehen kann, entwickelt sich sein Geschmackssinn. Die ersten Geschmacksrezeptoren entstehen in der achten Schwangerschaftswoche, ab etwa der 15. Woche kann der Fötus das von ihm geschluckte Fruchtwasser schmecken. Dadurch bekommt das Kind bereits ab diesem Stadium mit, was die Mutter isst. Zahlreiche Studien mit Neugeborenen legen nahe, dass diese frühen Geschmackserfahrungen entscheidend zu den späteren Essensvorlieben der Kinder beitragen.

Karotte versus Grünkohl

Wie ein Kind im Mutterleib auf die Aromen des Fruchtwassers reagiert, enthüllen nun Beyza Ustun von der Durham University und ihre Kollegen mithilfe hochauflösender 4D-Ultraschallaufnahmen. Erstmals ist in den Aufnahmen klar zu erkennen, wie das ungeborene Kind seinen Gesichtsausdruck verändert, wenn es verschiedenen Geschmacksreizen ausgesetzt wird. „Unsere Studie ist die erste, die diese vorgeburtlichen Reaktionen sichtbar macht“, sagt Ustun.

Für ihr Experiment nahmen 100 werdende Mütter in der 32. und 36. Schwangerschaftswoche auf nüchternen Magen eine Kapsel eines Testaromas ein. Die Kapsel enthielt 400 Milligramm süßlich schmeckendes Karottenpulver oder die gleiche Menge herb-bitteres Grünkohlpulver oder aber eine neutral schmeckende Kontrollsubstanz. Die Mutter konnte beim Schlucken nicht schmecken, welches Aroma sie bekam, damit ihre Reaktion nicht die des Kindes beeinflusste. Nachdem die Kapsel den Magen passiert hatte, begannen die Forschenden, die Reaktionen des Babys mittels Ultraschall aufzuzeichnen.

Deutliche Mimik

Und tatsächlich: „Schon 30 Minuten nach Schlucken der Aromakapseln durch die Mütter konnten wir mimische Reaktionen bei den Föten feststellen“, berichten Ustun und ihre Kollegen. In dieser kurzen Zeit waren die Aromastoffe demnach vom Dünndarm aus ins Blut und vor dort über die Plazenta ins Fruchtwasser gelangt. Der zuvor meist neutrale Gesichtsausdruck der ungeborenen Kinder veränderte sich dabei je nach Aroma auf charakteristische Weise.

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Wenig erfreut zeigt sich dagegen dieser Fötus: Er reagiert auf Grünkohlaroma mit einem abwehrenden Gesichtsausdruck. © Fetal Taste Preferences Study (FETAP)/ Durham University

Hatte die Mutter das süßliche Karottenpulver geschluckt, zogen die Kinder ihre Mund in die Breite und zeigten einen dem Lächeln ähnlichen Gesichtsausdruck oder sie spitzten die Lippen ähnlich wie beim Saugen. Anders bei dem bitteren Aroma des Grünkohls: Auf dieses reagierten die ungeborenen Kinder eher durch Zusammenpressen der Lippen oder eine hochgezogene Oberlippe. Ihr Gesichtsausdruck ähnelte dabei der Abwehrmimik eines neugeborenen Säuglings, wie das Team erklärt.

„Es war wirklich unglaublich, diese Reaktionen der Kinder auf das Karotten- oder Grünkohlaroma zu sehen und diesen Moment mit ihren Müttern zu teilen“, sagt Ustun.

Wahrnehmung im Mutterleib prägt anhaltend

Diese Aufnahmen belegen damit, dass ungeborenen Kinder im Mutterleib Aromen aus der Nahrung ihrer Mutter wahrnehmen können und unwillkürlich darauf reagieren. „Diese Erkenntnis hat große Bedeutung für unser Wissen über die Wahrnehmung des Fötus und seiner Fähigkeit, zwischen verschiedenen Geschmacksreizen aus der Nahrung der Mutter zu unterscheiden“, erklärt Ustuns Kollegin Nadja Reissland.

Interessant ist dies vor allem im Hinblick auf den anhaltenden Einfluss solcher vorgeburtlichen Sinneserfahrungen. Denn die Ernährung der Mutter kann über solche Geschmacksreize schon früh prägen, ob ein Kind später gesunde oder eher ungesunde Kost bevorzugt. „Die wiederholte Erfahrung bestimmter Geschmacksrichtungen vor der Geburt kann dazu beitragen, die Nahrungspräferenzen des Kindes zu etablieren“, sagt Reissland. „Der nächste Forschungsschritt wäre nun, zu testen, ob sich anfänglich negative Reaktionen durch den Gewöhnungseffekt abschwächen.“ (Psychological Science, 2022; doi: 10.1177/09567976221105460)

Quelle: Durham University

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