Anzeige

Corona: Reichen die Impfstoffe?

Ein Fünftel der Weltbevölkerung wird bis 2022 warten müssen - mindestens

Corona-Impfstoff
Schon jetzt haben sich einige wenige reiche Länder den Löwenanteil der weltweit vefügbaren Impfdosen gesichert. © kovop58/ iStock

Globaler Verteilungskampf: Selbst wenn alle jetzt getesteten Impfstoff-Kandidaten zugelassen werden, wird es bis Ende 2021 nicht genug für alle geben, wie eine Studie enthüllt. Zudem haben sich wenige Industriestaaten schon jetzt gut die Hälfte aller Dosen gesichert – meist mehr als sie verimpfen können. Ausgerechnet die Regionen, in denen besonders viele Menschen einen Impfschutz nötig hätten, gehen deshalb womöglich leer aus.

Noch ist die Corona-Pandemie in vollem Gange, aber ihr Ende ist abzusehen. Denn gleich mehrere Impfstoffe gegen Covid-19 werden in Kürze zugelassen oder haben schon eine Notfallzulassung, darunter die mRNA-Vakzinen von BioNTech/Pfizer und Moderna, aber auch auf mehrere „klassische“, auf Trägerviren basierende Impfstoffe aus Großbritannien, China und Russland. Weitere rund 40 Kandidaten werden zurzeit in klinischen Studien getestet.

Ein neues Kapitel der Pandemie

Damit bahnt sich jetzt eine neue Phase der Pandemie an – eine, in der nach und nach immer mehr Menschen gegen das Coronavirus und Covid-19 geimpft werden können. „Gleichzeitig werden die Probleme der Verteilung, der Zulieferung und des Zugangs bestimmen, wie effektiv diese Impfungen den Verlauf der Corona-Pandemie beeinflussen können“, kommentiert Jason Schwartz von der Yale University in einem Editorial der Fachzeitschrift JAMA.

Seiner Ansicht nach werden die operativen Hausforderungen der globalen Covid-19-Impfung mindestens so groß sein wie es die wissenschaftlichen Herausforderungen bei der schnellen Entwicklung von sicheren und wirksamen Vakzinen waren. Die potenziellen Probleme reichen von den hohen Anforderungen an die Kühlung mancher Vakzine über die Logistik der Transportketten und Impfzentren bis zur Frage der generellen Verfügbarkeit.

Ein Fünftel muss warten – mindestens

Konkret gefragt: Wie viel Impfstoff können die Hersteller produzieren? Und wer wird ihn bekommen? Das haben Anthony So und Joshua Wo von der Johns Hopkins University in Baltimore nun näher untersucht. Dafür ermittelten sie die voraussichtlichen Produktionskapazitäten der 13 Hersteller mit den fortgeschrittensten Vakzinen und welche Abnahmeverträge sie bereits mit verschiedenen Ländern abgeschlossen haben.

Anzeige

Das Ergebnis: Wenn alle Impfstoff-Kandidaten dieser 13 Hersteller zugelassen werden, könnten bis Ende 2021 optimistisch geschätzt 5,96 Milliarden Einheiten bestehend aus jeweils zwei Dosen produziert werden. „Ein Fünftel der Weltbevölkerung wird demnach bis 2022 noch keinen Zugang zu einer Impfung gegen das Coronavirus haben“, berichten So und Woo. In dieser Kalkulation seien Fehlschläge von Impfstoff-Kandidaten, Finanzierungsprobleme oder logistische Ausfälle noch nicht einmal berücksichtigt.

Eine Handvoll Länder hat 51 Prozent der globalen Vorräte reserviert

Wer bei den Corona-Impfungen zunächst leer ausgehen wird, scheint ausgemacht: Schon jetzt haben sich einige wenige reiche Länder wie Kanada, die USA, Japan, Großbritannien oder die EU den Löwenanteil der Produktion gesichert. „Die einkommensstarken Staaten haben bereits 51 Prozent der Impfstoff-Dosen für sich reserviert“, berichten die Forscher. „Obwohl sie nur 13 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, haben sie 3,85 Milliarden Dosen vorbestellt.“

Die meisten dieser Länder haben dabei weit mehr Impfstoff bestellt, als sie in verimpfen können. Spitzenreiter ist Kanada mit 4,5 Impfeinheiten pro Kopf der Bevölkerung, gefolgt von Australien und Großbritannien mit jeweils mehr als 2,5-mal so viel Impfungen wie Einwohnern. Die EU hat sich etwa 1,8 Impfeinheiten pro Kopf gesichert, die USA liegt bei knapp über einer Impfung pro Kopf.

Im Gegensatz dazu hat bis auf Brasilien und Indonesien bisher kein Land mit mittleren und geringem Einkommen Vorbestellungen getätigt. Doch diese Staaten repräsentieren 85 Prozent der Weltbevölkerung, wie die Wissenschaftler betonen.

Wer hat Priorität?

Aber wie viele Menschen müssen überhaupt geimpft werden? Das hat ein zweites Forscherteam um Wei Wang von der Fudan Universität in China untersucht. Dabei gingen sie von drei Gruppen aus, die besonders nötig geimpft werden müssen: Essenzielle Berufe, Risikogruppen wie Alte und Vorerkrankte sowie die Menschen, die besonders leicht zu Multiplikatoren der Infektion werden können, weil sie beispielsweise Lehrer sind.

Ausgehend von diesen Einschränkungen kommen die Wissenschaftler auf eine Zielgruppe von 5,2 Milliarden Menschen. Rechnet man diejenigen ab, die bereits eine Corona-Infektion hinter sich haben, bleiben noch 4,78 Milliarden Personen übrig. Diese sind aber global nicht gleich verteilt: Der größte Teil lebt in Asien mit rund 2,8 Milliarden vordringlich zu Impfenden. Europa und Amerika folgen mit je 700 Millionen, in Afrika gehören 500 Millionen zur priorisierten Zielgruppe.

COVAX-Plattform soll Abhilfe schaffen

Vielen ärmeren Ländern fehlen jedoch die Mittel, um genügend Impfstoffe für ihre Bevölkerung zu kaufen. Denn vor allem die neuartigen mRNA-Vakzinen sind mit 37 bis 79 US-Dollar pro doppelter Dosis sehr teuer. Klassische Impfstoffe mit Trägerviren werden dagegen zwischen sechs und 20 US-Dollar veranschlagt.

Deshalb gibt es bereits Initiativen, die eine gerechte Verteilung der Impfstoffe trotz dieser finanziellen Hürden ermöglichen sollen. Dazu gehört unter anderem die Impfstoffplattform COVAX der Weltgesundheitsorganisation WHO. Nach dem Prinzip der Umverteilung geben hierbei reiche Mitgliedsländer Geld und Ressourcen, damit die Plattform Impfdosen für die 92 ärmsten Länder bestellen und bereitstellen kann.

Gute Absichten, aber zu wenig Fortschritte

„Die Bemühungen, den globalen Zugang über die COVAX-Facility zu koordinieren, hinken hinter den Bestellungen und Abnahmeverträge der reichen Länder hinterher“, erklären So und Woo. „Zudem ist die volle Finanzierung noch nicht gesichert und die USA und Russland sind dieser Initiative bisher nicht beigetreten. Ausgerechnet diese beiden Länder aber beherbergen die Herstellerfirmen, die für einen großen Anteil der weltweiten Produktionskapazität für Covid-19-Impfstoffe verfügen.“

Anders ist dies jedoch mit einigen klassischen Vakzinen wie dem Impfstoff von der Oxford University und AstraZeneca oder den chinesischen Vakzinen. Sie können auch in Produktionsanlagen in Asien hergestellt werden. Unter anderem deshalb gibt es bereits Kooperationsverträge, nach denen das indische Serum Institut eine Milliarde Impfdosen der AstraZeneca-Vakzine herstellen wird. Diese sollen dann vorwiegend in Indien und anderen ärmeren Ländern eingesetzt werden.

Nach Ansicht der Wissenschaftler unterstreichen all diese Daten, dass es bei der globalen Impfstrategie gegen die Corona-Pandemie erhebliche Diskrepanzen zwischen Angebot und Nachfrage einerseits und dem medizinisch-ökonomisch Notwendigen andererseits geben könnte. (BMJ, 2020; doi: 10.1136/bmj.m4750; doi: 10.1136/bmj.m4704)

Quelle: BMJ

Anzeige

In den Schlagzeilen

Diaschauen zum Thema

Dossiers zum Thema

Das Supervirus - Influenza, Artschranken und die Angst vor einer Biowaffe aus dem Forschungslabor

News des Tages

Sitting Bull und Ernie Lapointe

Urenkel von Sitting Bull identifiziert

Corona: Was die Deltavariante so ansteckend macht

Meta-Linse aus Nanolöchern

Bücher zum Thema

Virus - Die Wiederkehr der Seuchen von Nathan Wolfe

Top-Clicks der Woche