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Corona: 87.000 Publikationen in zehn Monaten

Pandemie brachte beispiellose Schwemme wissenschaftlicher Veröffentlichungen

Corona
Mit den Infektionszahlen sind auch die Fachpublikationen zu Sars-CoV-2 und Covid-19 auf Rekordwerte gestiegen. © ismagilov/ iStock

Allein in den ersten zehn Monaten der Corona-Pandemie sind gut 87.000 Fachartikel zu Covid-19 und Sars-CoV-2 erschienen – das ist mehr als zu jedem anderen Thema in so kurzer Zeit. Die hohe Publikationszahl spiegelt die enorme Zahl an Forschungsteams wider, die sich zurzeit diesem Thema widmen. Am stärksten involviert sind dabei Wissenschaftler aus China, den USA und Großbritannien, gleichzeitig geht der Trend zu kleineren, weniger internationalen Teams.

Die Corona-Pandemie hat auch die medizinischen Forschung kalt erwischt: Weil Sars-CoV-2 neu aus dem Tierreich auf den Menschen übergesprungen ist, war über dieses Coronavirus und seine Auswirkungen kaum etwas bekannt. Entsprechend hoch war und ist der Forschungsbedarf. Forschungsteams weltweit suchten und suchen nach Therapien gegen Covid-19 und Impfstoffen, aber erforschen auch das Verhalten des Virus, seine Mutationen und die Folgen und Spätfolgen von Covid-19.

Insofern ist es kaum verwunderlich, dass die intensive Forschungstätigkeit auch eine wahre Schwemme von Fachartikeln zum Thema hervorgebracht hat – sowohl in begutachteten Fachjournalen als auch auf Preprint-Plattformen. Wie viele Publikationen es bislang waren und von wem sie stammen, haben Xiaojing Cai von der Zhejiang Universität und zwei US-Kolleginnen näher untersucht.

Beispiellose Zahl von Veröffentlichungen

Das Ergebnis: Allein von Januar bis Oktober 2020 wurden weltweit mehr als 87.000 Fachartikel zu Sars-CoV-2 und Covid-19 veröffentlicht. Die Publikationen rund um das Coronavirus begannen mit 4.875 Artikeln bis April 2020, dann stieg ihre Zahl bis Juli 2020 auf 44.013 und erreichte Anfang Oktober dann 87.515. Zum Vergleich: Das Trendthema Nanotechnologie brauchte 19 Jahre, um es von 4.000 auf rund 90.000 Veröffentlichungen zu bringen.

„Das ist eine erstaunliche Zahl von Publikationen – sie könnte in der Geschichte der Wissenschaft beispiellos sein“, sagt Koautorin Caroline Wagner von der Ohio State University. „Nahezu die gesamte Wissenschaftsgemeinde weltweit hat ihre Aufmerksamkeit auf dieses eine Thema gerichtet.“ Verstärkend kam hinzu, dass vermehrt Gelder für die Corona-Forschung flossen und dass Fachjournale die eingereichten Manuskripte beschleunigt bearbeiteten.

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Publikationen entwickeln sich parallel zu den Infektionszahlen

Interessant auch: Die Forscherinnen fanden einen klaren Zusammenhang zwischen den Infektionszahlen in den Ländern und deren wissenschaftlichem Output. So stammten zu Beginn der Pandemie noch 47 Prozent aller Publikationen aus China. Ab April 2020 nahmen jedoch Veröffentlichungen aus den USA und Europa stetig zu. Nachdem dann die Infektionszahlen in China drastisch gefallen waren, machten Publikationen aus diesem Land von Juli bis Oktober 2020 nur noch rund 16 Prozent aus.

Ähnliche Trends stellte das Team auch in anderen Ländern fest. „Wir führen dies auf zwei mögliche Gründe zurück: Der eine ist die verstärkte Notwendigkeit für Informationen und Daten während eines akuten Ausbruchs, der zweite Grund könnte die vermehrte Finanzierung von Forschung durch die Regierungen in diesen Zeiten sein“, schreiben Cai und ihre Kolleginnen. Als die Bedrohung in den Ländern sank, nahm auch die Förderung wieder ab.

Forschungsteams werden kleiner

Überraschend war allerdings ein weiterer Trend in der Corona-Forschung: Im Verlauf der Pandemie wurden die Forschungsteams kleiner und die Autorenlisten auf den Fachartikeln immer kürzer. „Das war unerwartet“, so die Forscherinnen. Denn sie hätten angesichts der komplexer werdenden Fragestellungen und der umfangreicheren Datenmengen erwartet, dass die Teams sich eher erweitern würden.

„Wir führen dies auf die Notwendigkeit schneller Resultate zurück“, sagt Wagner. In kleineren Teams ist die Organisation einfacher und es wird weniger Zeit für Koordination und Kommunikation benötigt.

Weniger internationale Kooperation

Ebenfalls interessant: Auch die internationale Vernetzung der Forschungsgruppen veränderte sich sowohl gegenüber der Prä-Covid-Ära als auch während der Pandemie. In den ersten Monaten dominierten Kooperationen zwischen chinesischen und US-amerikanischen Teams die publizierte Forschung. Dann kamen länderübergreifende Projekte mit weiteren Nationen wie Italien, Frankreich und Indien hinzu. Insgesamt jedoch gab es einen Trend zu weniger internationalen Teams.

Mögliche Gründe hierfür sind nach Angaben der Forscherinnen die Reisebeschränkungen während der Corona-Pandemie, aber auch politische Einflüsse. So führte China ab April eine Regelung ein, nach der alle Fachartikel vor einer Publikation von der Regierung geprüft werden müssen – ein Prozedere, das sich wenige ausländische Wissenschaftler gefallen lassen dürften. Umgekehrt herrschte in den USA wegen der allgemein frostigen politischen Beziehungen ein erhöhtes Misstrauen gegenüber chinesischer Forschung. (Scientometrics, 2021; doi: 10.1007/s11192-021-03873-7)

Quelle: Ohio State University

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