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Venedig: Versunkene Römerstraße entdeckt

1,4 Kilometer lange Reihe von Steinplatten liefert Beweis für römische Besiedlung der Lagune

Steinblöcke
Diese beiden Steinblöcke liegen heute am Grund eines Kanals in der Lagune von Venedig, vor rund 2.000 Jahren gehörten sie zu einer befestigten Römerstraße, wie Archäologen entdeckt haben. © Madricardo et al./ Scientific Reports, CC-by-sa 4.0

Unter Wasser verborgen: In der Lagune von Venedig haben Archäologen eine versunkene Römerstraße und Reste antiker Hafendocks entdeckt. Die mit Steinen gepflasterte und von einer Mauer begrenzte Straße ist rund 1,5 Kilometer lang und bis zu zehn Meter breit. Sie war wahrscheinlich Teil eines ganzen Systems von Wasser- und Landstraßen, die damals die Lagune durchzogen. Die Funde widerlegen die Annahme, dass es vor der Gründung Venedigs dort keine römische Besiedlung gab.

Die Stadt Venedig liegt nur knapp über dem Meeresspiegel, verteilt auf mehr als hundert Inseln. Eine langgestreckte Barriere-Insel schirmt die Lagune und ihre Inseln von Sturm und Wellen ab – noch. Archäologische Funde und Aufzeichnungen deuten darauf hin, dass sich schon vor Jahrtausenden erste Menschen auf den durch Sedimentablagerungen aufgeschwemmten Inseln niederließen. Die Stadt Venedig wurde erst vor rund 1.500 Jahren gegründet.

Lagune
Der Nordteil der Lagune von Venedig mit dem Treporti-Kanal. © NASA/GSFC, MITI/ERSDAC/JAROS, ASTER Science Team

Gab es römische Siedlungen in der Lagune?

Ob es aber zur Zeit der Römer schon feste Siedlungen in der Lagune von Venedig gab, ist umstritten. Eindeutig dokumentiert sind nur das südlich davon liegende Clodia, heute Chioggia, sowie direkt nördlich der Lagune die Römerstadt Altinum. Zwar gibt es einige verstreute Funde aus römischer Zeit, darunter Amphoren und Mauerreste. Dass diese aber von Siedlungen und Bauwerken vor Ort stammen, wird von vielen Historikern und Archäologen bezweifelt.

„Man ging davon aus, dass Venedig in einer Art ‚Wüste‘ ohne vorherige Spuren menschlicher Präsenz gebaut wurde“, erklären Fantina Madricardo vom ISMAR Meeresforschungsinstitut in Venedig und ihre Kollegen. „Die römischen Funde im und auf dem Meeresgrund der Lagune sollten daher von Gebäuden stammen, die einst auf dem die Lagune umgebenden Festland standen.“ Allerdings ist auch bekannt, dass der Meeresspiegel in der Lagune zur Zeit der Römer deutlich niedriger war als heute.

1,4 Kilometer lange Reihe aus Steinplatten

Um herauszufinden, ob es damals nicht doch römische Bauten im Lagunengebiet gab, haben Madricardo und ihr Team den nördlichen Teil der flachen Meeresbucht mit einem hochauflösenden Multibeam-Sonar abgetastet. Zusätzlich führten sie im Treporti-Kanal im Nordteil der Lagune systematische Tauchgänge durch, bei denen sie nach archäologischen Funden suchten. Über Sedimentbohrkerne analysierte das Team zudem die Beschaffenheit des antiken Grunds.

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Die Sonardaten ergaben, dass der Treporti-Kanal zu römischer Zeit nur teilweise überflutet war. Die alte Küstenlinie lag damals fast mittig zwischen den heutigen Ufern des Kanals. Auf der Erhebung dieses Paläo-Strands stießen die Archäologen auf einige auffallende Sonar-Echos. Sie stammen von zwölf großen, meist rechteckigen Steinflächen, die in nordöstlicher Richtung aneinander gereiht sind. Insgesamt bilden diese Blöcke eine 1.140 Meter lange Reihe. Jeder einzelne Block ist zwischen zwei und zehn Meter breit und bis zu 30 Meter lang.

Römerstraße
Bauweise der alten Römerstraße in der Lagune von Venedig. © Madricardo et al./ Scientific Reports, CC-by-sa 4.0

Rest einer befestigten Römerstraße

„Angesichts der regelmäßigen Form dieser Blöcke interpretieren wir sie als anthropogene Strukturen“, konstatieren Madricardo und ihr Team. Die archäologischen Tauchgänge enthüllten, dass die aus mehrere Schichten bestehende Struktur von Steinblöcken bedeckt war, deren Oberfläche begradigt und geglättet war, während die Unterseite ausgebeult blieb. „Diese Form ähnelt der der römischen Basoli, der Steine, die normalerweise die oberste Schicht einer antiken Straße bildeten“, erklären die Archäologen. Auch die Größe stimme gut mit den Basoli überein.

Nach Ansicht der Forschenden spricht dies dafür, dass es sich hier um die Überreste einer befestigten römischen Straße handelt. Diese führte wahrscheinlich an der damaligen Küste entlang und könnte am Südende mit römischen Hafenanlagen verbunden gewesen sein. Dafür sprechen die Überreste von vier weiteren Bauwerken, von denen das größte bis zu vier Meter hoch und mehr als 130 Meter lang war.

„Basierend auf der Größe und der Ähnlichkeit dieser antiken Strukturen mit in anderen Regionen entdeckten Relikten, interpretieren wir dies als mögliche Hafenanlage – beispielsweise ein Dock“, schreiben Madricardo und ihre Kollegen.

Teil eines ausgedehnten Verkehrsnetzes

Nach Ansicht des Forschungsteams sprechen ihre Funde dafür, dass es sehr wohl römische Siedlungen und Anlagen in der Lagune von Venedig gab – Jahrhunderte bevor Venedig gegründet wurde. Die jetzt entdeckte Straße und das Dock, aber auch die Ruinen von Befestigungstürmen und anderen Gebäuden seien ein deutliches Indiz dauerhafter Siedlungsstrukturen im Lagunengebiet. Sie waren damit Teil des römischen Netzes von Städten und Straßen rund um die nördliche Adria.

Die Römerstraße im Treporti-Kanal war wahrscheinlich Teil eines ausgedehnten Wegenetzes, der die Lagunenregion mit den Römerstädten im Norden und Süden verband. „Dieses Routennetz war gegen Küstenstürme und Piraten befestigt und bot sowohl Landwege wie die Treporti-Kanalstraße, als auch Wasserwege, über die Boote von einem Ende der nördliche Adria zum anderen fahren konnten“, beschreiben Madricardo und ihr Team das antike Verkehrsnetz. (Scientific Reports, 2021; doi: 10.1038/s41598-021-92939-w)

Quelle: Scientific Reports

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