Rätsel um "kopierte" Steinzeit-Projektile gelöst - Warum sind sich tausende Jahre alte Steinspitzen aus Arabien und Nordamerika so ähnlich? - scinexx.de
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Rätsel um „kopierte“ Steinzeit-Projektile gelöst

Warum sind sich tausende Jahre alte Steinspitzen aus Arabien und Nordamerika so ähnlich?

FLuting-Steinspitzen
Diese Feuersteinspitzen sind mit der Fluting-Technik hergestellt – eine Methode, die man bisher nur aus dem steinzeitlichen Nordamerika kannte. © Rémy Crassard/ CNRS

Verblüffende Übereinstimmung: In Südarabien haben Archäologen 8.000 Jahre alte Steinspitzen entdeckt, die Steinzeit-Projektilen aus Nordamerika überraschend ähneln – beide wurden mit der gleichen Technik hergestellt. Gab es damals womöglich eine Verbindung zwischen diesen Kulturen? Nähere Analysen sprechen nun dagegen. Demnach gibt es subtile Unterschiede, die auf eine unabhängige Parallelentwicklung dieser „Fluting“-Technik hindeuten.

Ob Faustkeil, hölzerner Schaber oder steinerne Klinge: Die Methoden, mit denen unsere Vorfahren ihre Werkzeuge herstellten, sind oft kulturspezifisch. Je nach Region und Entwicklungsstand entwickelten sie ihre jeweils eigenen Techniken. Oft ermöglichen es erst die Funde solcher Steinwerkzeuge, die Fossilien oder Fundstätten einer Kultur zuzuordnen.

Steinspitzen aus dem Jemen
Beispiele für steinzeitliche Fluting-Steinspitzen aus dem Jemen. © Rémy Crassard/ CNRS

Tausende Kilometer entfernt und doch fast gleich

Umso verblüffender sind die Steinwerkzeuge, die Archäologen im Jemen und Oman gefunden haben. Es handelt sich dabei um 8.000 Jahre alte Steinspitzen, die mithilfe einer fortgeschrittenen Technik gefertigt waren. Dabei werden seitlich so lange kleine Abschläge vom Feuerstein abgeschlagen, bis eine längliche Spitze mit einer in der Mitte verlaufenden Furche entsteht. Dieses Abschlagen einer Längsfurche wird in der Archäologie als „Fluting“ bezeichnet.

Das Überraschende jedoch: Bisher kannte man diese Technik nur aus dem steinzeitlichen Nordamerika. „Bis Anfang der 2000er Jahre war diese Form von Steinspitzen nirgendwo sonst auf dem Planeten bekannt“, sagt Erstautor Rémy Crassard von der französischen Forschungsorganisation CNRS. Die Ureinwohner Amerikas stellten ihre Pfeil- und Speerspitzen schon vor 10.000 bis 13.000 Jahren auf diese Weise her. Die besonders am unteren Ende der Spitzen ausgeprägte Furche erleichterte es ihnen, diese Projektile an hölzernen Schäften zu befestigen.

Technik ist gleich…

Wie aber kam diese Fluting-Technik nach Südarabien? Bei näher beieinander liegenden Kulturen würde man angesichts der Ähnlichkeit der Steinspitzen darauf schließen, dass es einen direkten Austausch von Werkzeugen und Wissen zwischen den Populationen gab. Angesichts von tausenden Kilometern und einem ganzen Ozean Abstand und einem zeitlichen Versatz von rund 2.000 Jahren erscheint dies hier aber kaum denkbar.

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Auf der Suche nach einer Erklärung haben Crassard und seine Kollegen die Fluting-Technik von Steinspitzen aus beiden Fundregionen genauer verglichen. Zusätzlich stellten sie selbst Projektile nach dem Vorbild beider Kulturen her. Dabei zeigte sich, dass es in der Ausführungstechnik große Ähnlichkeiten gab – und dass sie ein hohes Maß an Übung und Kunstfertigkeit verlangt. „Ein Feuersteinknapper benötigt hunderte Versuche und zerbricht viele Spitzen, bis er diese Technik gemeistert hat“, sagt Koautorin Joy McCorriston von der Ohio State University.

…aber der Zweck ist unterschiedlich

Doch beim genaueren Hinsehen zeigen sich entscheidende Unterschiede: Die Projektile aus Nordamerika sind nur am unteren Ende gefurcht, dort, wo die Spitze am Schaft befestigt wurde. Das aufwändige Fluting hatte demnach bei den Indianervorfahren eine klare Funktion – und die Furche wurde nur dort angebracht, wo sie gebraucht wurde. Anders dagegen bei den Steinspitzen aus Südarabien. Bei ihnen findet sich die Furche auch nahe der Spitze, wie die Archäologen feststellten. Sie sitzt damit auch an Stellen, wo sie keine funktionellen Vorteile bringt.

Doch welchen Sinn hatte das aufwändige Furchen dann? Die Forscher vermuten, dass die arabischen Werkzeugmacher damit ihre Kunstfertigkeit unter Beweis stellen wollten. „Das ist mit den Federn eines Pfaus vergleichbar – es geht nur um den guten Eindruck , sagt McCorriston. „Es war vermutlich eine gute Möglichkeit für die Werkzeugmacher, den anderen zu zeigen, dass sie ein guter Jäger, schnelle Lerner oder besonders geschickt waren.“

Beleg für kulturelle Konvergenz

Das aber bedeutet: Das Konzept des Furchens und die Methode waren zwar in Amerika und Arabien dieselben, der Zweck des Furchens war jedoch unterschiedlich. Während die amerikanischen Ureinwohner die Fluting-Technik aus funktionellen Gründen entwickelten, scheint sie in Südarabien eher der Zurschaustellung der eigenen Fähigkeiten gedient zu haben.

Nach Ansicht der Archäologen spricht auch dies dafür, dass unsere Vorfahren die Fluting-Technik zweimal unabhängig voneinander entwickelt haben – einmal in Nordamerika und dann 2.000 Jahre später noch einmal in Südarabien. „Damit ist dies ein eindeutiges und exzellentes Beispiel für kulturelle Konvergenz – für die unabhängige Erfindung von Kulturtechniken in der Geschichte der Menschheit“, sagt Koautor Michael Petraglia vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte. (PLOS ONE, 2020)

Quelle: Ohio State University, Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte

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