50.000 Jahre alter Fund widerlegt bisherige Annahmen Neandertaler schufen älteste Spezialwerkzeuge aus Knochen - scinexx | Das Wissensmagazin
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50.000 Jahre alter Fund widerlegt bisherige Annahmen

Neandertaler schufen älteste Spezialwerkzeuge aus Knochen

Vier Ansichten des am vollständigsten erhaltenen Lissoirs, der bei Ausgrabungsarbeiten in der Neandertalerfundstätte Abri Peyroni entdeckt wurde. © Abri Peyrony & Pech-de-l’Azé I Projects

Archäologen haben die ältesten spezialisierten Knochenwerkzeuge Europas entdeckt. Das Überraschende daran: Die rund 50.000 Jahre alten Werkzeuge zur Lederbearbeitung stammen nicht vom modernen Menschen, sondern vom Neandertaler – dem man diese Technologie bisher nicht zugetraut hatte. Das aber könnte bedeuten, dass unsere Vorfahren sich diese Werkzeuge sogar von ihrem vermeintlich dümmeren Vetter abschauten, wie die Forscher im Fachmagazin “ Proceedings of the National Academy of Sciences“ berichten.

Welche Fähigkeiten die Neandertaler einst besaßen, ist noch immer umstritten: Einige Forscher sind der Meinung, dass sie bereits ähnlich kulturell fortgeschritten waren wie die anatomisch modernen Menschen ihrer Zeit. Andere gehen dagegen davon aus, dass diese Ähnlichkeiten erst auftraten, nachdem sich beide Menschenarten begegnet waren und sich die Neandertaler einiges von unseren Vorfahren abgeguckt hatten. Dafür spricht, dass beispielsweise feine Steinklingen, Schmuck und Knochenwerkzeuge erst aus der Endzeit der Neandertalerkultur bekannt sind – kurz bevor die Eiszeitmenschen endgültig vom modernen Menschen verdrängt wurden. Das war vor rund 40.000 Jahren der Fall.

Weicheres Leder dank Knochenschaber

Als eine der Techniken, die sich erst nach Ankunft des Homo sapiens in Europa ausbreitete, galt bisher die Herstellung und Nutzung spezialisierter Knochenwerkzeuge. „Zwar stellten auch die Neandertaler manchmal Schaber und sogar Faustkeile aus Knochen her“, erklärt Shannon McPherron vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, einer der beiden Leiter der Ausgrabungen. Die bisherigen Funde ähnelten aber noch stark den Steinwerkzeugen und wurden auch mit ähnlichen Techniken hergestellt.

Rekonstruktion, wie die aus den Rippen von Rotwild hergestellten Lissoirs verwendet wurden, um Tierhäute geschmeidiger, glänzender und wasserbeständiger zu machen. Die natürliche Flexibilität der Rippen sorgt dabei für einen ständigen Druck auf die Tierhaut, ohne sie jedoch zu zerreißen. Im unteren Teil der Abbildung sieht man, wie der Abwärtsdruck schließlich zum Bruch führt, bei dem kleine Fragmente – ähnlich den drei gefundenen – entstehen. © Abri Peyrony & Pech-de-l’Azé I Projects

Anders dagegen die von den modernen Steinzeitmenschen hergestellten Knochenwerkzeuge: Sie hatten neue Formen und nutzten gezielt die Vorteile des leichteren und weicheren Knochenmaterials. So schliffen unsere Vorfahren die Enden von Knochen zu runden Schabern ab, sogenannten Lissoirs. Mit diesen handlichen, gut greifbaren Werkzeugen rieben sie so lange über Tierhäute, bis das Leder weich, glatt und wasserbeständiger wurde.

Fund an Neandertaler-Lagerplatz

Ein internationales Forscherteam um Shannon McPherron und Marie Soressi von der Universität Leiden hat nun die bisher ältesten Beispiele für solche Knochenschaber in Frankreich entdeckt. Gefunden wurden die insgesamt vier Fragmente bei Ausgrabungen in Abri Peyrony und Pech-de-l’Azé I, zwei Neandertaler-Lagerplätzen nahe der Dordogne im Südwesten Frankreichs. Beide Fundstätten enthalten nur Hinterlassenschaften der Neandertaler, Hinweise auf eine spätere Nutzung durch moderne Menschen gibt es nicht.

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Alle vier Lissoirs waren aus Rippenknochen von Hirschen oder Rentieren hergestellt und an der Spitze zu einem Schaber geschliffen. Mikroskopische Untersuchungen enthüllten typische Gebrauchsspuren an den Werkzeugen, die darauf hindeuten, dass die Neandertaler diese Knochenschaber bereits genauso nutzten, wie später der modernen Mensch: zum Glätten und Weichmachen von Leder. „Hier haben wir ein Beispiel dafür, dass Neandertaler sich die Biegsamkeit und Flexibilität von Knochen zunutze machten und damit Arbeiten verrichteten, die sie mit Steinen nicht hätten ausführen können”, sagt McPherron.

Der Eingang zur Höhle von Pech-de-l’Azé I, hier suchten Neandertaler vor rund 50.000 Jahren Schutz. © Pech-de-l’Azé I Project

Neandertaler als Erfinder der Werkzeuge?

Datierungen ergaben, dass das Knochenwerkzeug aus Pech-de-l’Azé I etwa 50.000 Jahre alt ist. Es ist somit älter als die frühesten Belege zu modernen Menschen in Westeuropa und viel älter als andere spezialisierte Technologien zur Herstellung von Werkzeugen aus Knochen, wie die Forscher berichten. Ihrer Ansicht nach könnte das bedeuten, dass nicht der moderne Mensch, sondern vielmehr der Neandertaler diesen Knochenwerkzeugtyp erfand.

„Dies ist der erste Hinweis darauf, dass es möglicherweise zu einem ‚kulturellen‘ Transfer zwischen Neandertalern und unseren direkten Vorfahren gekommen ist“, sagt Soressi. Unsere Vorfahren könnte sich dann diese Technik abgeguckt haben, als sie nach Europa einwanderten. „Dann könnte es sich dabei um das einzige Erbe aus der Zeit der Neandertaler handeln, das unsere Gesellschaft heute noch nutzt“, ergänzt McPherron.

Ursprung der Technologie noch unklar

Wie die Forscher betonen, können sie jedoch nicht völlig ausschließen, dass der moderne Mensch doch früher in Europa eingetroffen sein könnte als bisher bekannt. Dann könnte er theoretisch doch die Technik der Lissoir-Herstellung an die Neandertaler weitergegeben haben. Allerdings: Als unsere Vorfahren Europa besiedelten, brachten sie zunächst nur spitze Knochenwerkzeuge mit, wie die Wissenschaftler berichten. Erst wenig später dann stellten sie auch Lissoirs her.

Um zu klären, wer damals bei wem „Industriespionage“ betrieb, müssen nun weitere Fundstätten in Zentraleuropa erschlossen werden, die besser konservierte Knochen enthalten. Das könnte darüber Auskunft geben, wie verbreitet die Herstellung solcher Knochenwerkzeuge bei den Neandertalern wirklich war – und ob sie diese Technik selbst erfanden. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2013; doi: 10.1073/pnas.1302730110)

(PNAS, 13.08.2013 – NPO)

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