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War der Allosaurus ein Kannibale?

Biss-Spuren deuten erstmals bei diesem Raubdinosaurier auf das Fressen von Artgenossen hin

Raubdinosaurier
Die großen Raubdinosaurier des Jura, darunter der Allosaurus, waren möglicherweise Kannibalen. © Brian Engh

Artgenossen auf dem Speiseplan: Wenn Beute knapp wurde, schreckten die großen Raubsaurier auch vor Kannibalismus nicht zurück, wie eine Fossilfundstätte in Utah verrät. Dort haben Forscher ungewöhnlich viele Dinosaurierknochen mit Biss-Spuren gefunden – und einige davon zeugen von Bissen unter Artgenossen. Das deutet daraufhin, dass Allosaurus und andere große Raubsaurier des Jura auch ihresgleichen verspeisten – als Beute wie als Aas.

Was fraßen die großen Raubdinosaurier des Jura und der Kreidezeit? Oft können Paläontologen die Antwort darauf nur vermuten, denn auf frischer Tat ertappen lassen sich die ausgestorbenen Riesen nicht mehr. Manchmal aber haben sie verräterische Indizien hinterlassen – Biss-Spuren in den Knochen ihrer Opfer. Für Forscher sind diese seltenen Relikte echte Glücksfälle, denn sie zeugen beispielsweise vom Kampf zweier Top-Prädatoren oder belegen, dass die Tyrannosaurier auch ihre eigenen Artgenossen fraßen.

Doch ob auch andere Raubdinosaurier kannibalistische Tendenzen hatten, blieb bislang unbekannt – aus Mangel an fossilen Belegen.

Allosaurus
Schädel eines Allosaurus © gemeinfrei

Biss-Spuren auf 29 Prozent der Knochen

Das könnte sich nun geändert haben. Denn eine für ihren Dinosaurierreichtum bekannte Fossilfundstätte an der Grenze der US-Bundesstaaten Utah und Colorado hat sich als wahre Schatztruhe für Dino-Bissspuren erwiesen. Entdeckt haben dies Stephanie Drumheller von der University of Tennessee und ihre Kollegen, als sie erstmals systematisch mehr als 2.300 Knochen aus dieser 150 Millionen Jahre alten Formation analysierten.

Das überraschende Ergebnis: Bei fast 29 Prozent der Knochen fanden die Paläontologen mindestens eine Biss-Spur eines Raubdinosauriers – eines Theropoden. „Damit liegt diese Formation weit über der typischen Häufigkeit solcher Spuren in anderen Dinosaurier-Fundstellen“, erklären die Forscher. Denn bisher wurden in solchen Dino-„Gräbern“ maximal bei vier Prozent der Knochen Zahnabdrücke, Bisskerben und andere Indizien für bis auf die Knochen reichende Bisse gefunden.

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Räuber beißt Räuber

Ungewöhnlich auch: Unter den angebissenen Knochen waren überraschend viele Gebeine von Raubdinosauriern. Zwar stammten die verletzten Knochen zu rund 70 Prozent von pflanzenfressenden Sauropoden, aber immerhin gut 17 Prozent der Bissspuren befanden sich auf Theropoden-Knochen, wie Drumheller und ihr Team berichten. Offenbar hatten damals die Räuber andere Räuber angegriffen oder aber sich an deren Kadavern bedient.

Aus der Größe und Form der Bissspuren schließen die Paläontologen, dass viele dieser Bisse von den großen Raubdinosaurier Allosaurus und Ceratosaurus stammen müssen. Diese beiden Theropodenarten waren damals in diesem einem Feuchtgebiet ähnlichen Lebensraum besonders häufig. Bei einigen in diesem Gebiet gefundenen Allosaurus-Knochen könnte es sogar sein, dass die Bissspuren darauf von einem anderen Allosaurus stammen.

Artgenossen als Nahrung

„Das Fressen von Aas – auch von Artgenossen – ist bei den großen Raubtieren der heutigen Zeit relativ häufig“, erklärt Drumheller. „Denn Raubtiere nutzen vor allem die Nahrungsressourcen, die wenig Aufwand erfordern – und das ist bei herumliegenden Kadavern der Fall.“ Bei den großen Räubern der Urzeit jedoch sind fossile Belege für ein solches Verhalten extrem selten. Es gibt sie fast nur von Tyrannosauriern, für Allosaurus und Ceratosaurus waren sie dagegen nicht bekannt.

Das hat sich nun geändert: Angesichts der Tatsache, dass diese beiden Theropoden in dieser Formation die mit Abstand häufigsten Raubdinosaurier waren, liegt nach Ansicht der Forscher nahe, dass die meisten Bissspuren von ihnen stamme – und das schließt die Kerben an Allosaurierknochen mit ein. „Die hier gefundenen Bissspuren könnten damit das erste bekannte Beispiel für Kannibalismus beim Allosaurus sein“, konstatieren Drumheller und ihre Kollegen.

Ob der Allosaurus allerdings seine Artgenossen aktiv jagte und verspeiste oder ob er nur deren Kadaver fraß, ist noch unklar. Weil tote Tiere in dem urzeitlichen Feuchtgebiet wahrscheinlich nur sehr langsam versanken, könnte letzteres wahrscheinlich sein. „Allosaurus und andere große Theropoden waren keine wählerischen Esser, vor allem, wenn in ihrem Lebensraum die Beute knapp wurde“, sagt Drumheller. „Aasfressen und auch Kannibalismus standen für sie sicherlich mit auf dem Speiseplan.“ (PLoS ONE, 2020; doi: 10.1371/journal.pone.0233115)

Quelle: PLOS

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