Schon die ersten sesshaften Jäger und Sammler förderten den Erfolg der Hausmäuse Hausmaus: Heimlicher Nutznießer seit 15.000 Jahren - scinexx | Das Wissensmagazin
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Schon die ersten sesshaften Jäger und Sammler förderten den Erfolg der Hausmäuse

Hausmaus: Heimlicher Nutznießer seit 15.000 Jahren

Die Hausmaus ist schon seit rund 15.000 Jahren ein Mitbewohner des Menschen. Sie profitierte vom Wechsel unserer Vorfahren zur sesshaften Lebensweise. © George Shuklin/ CC-by-sa 1.0

Heimlicher Mitbewohner: Der Siegeszug der Hausmaus begann schon vor rund 15.000 Jahren in der Levante. Denn als dort die ersten Jäger und Sammler sesshaft wurden, profitierten die Hausmäuse davon: Im Umfeld des Menschen verdrängten sie alle anderen Wildmausarten und wurden erstmals zu unseren Mitbewohnern, wie Fossilfunde belegen. Ihre Erfolgsgeschichte begann damit schon Jahrtausende bevor der Mensch die Landwirtschaft erfand.

Ob Rinder, Schafe oder das Getreide: Als unserer Vorfahren von Jägern und Sammlern zu sesshaften Bauern wurden, begann auch die Ära der Domestikation: Immer mehr nützliche Tier- und Pflanzenarten wurden durch gezielte Zucht an die Bedürfnisse der frühen Landwirte angepasst. Doch neben den Haus- und Nutztieren etablierten sich mit der Sesshaftigkeit auch unfreiwillige und meist eher unauffällige Begleiter des Menschen: Vorratsschädlinge und Parasiten wurden zu Mitbewohnern.

Einer dieser Nutznießer des Menschen ist die Hausmaus (Mus musculus domesticus). Im Laufe der letzten Jahrtausende hat sie sich erfolgreich als unser Mitbewohner etabliert und in unserem unmittelbaren Umfeld nahezu alle andern Mäusearten verdrängt. Doch seit wann die Hausmäuse uns schon begleiten, blieb bisher unklar.

Mäusezähnchen aus dem Natufien

Um das zu klären, haben sich Lior Weissbrod von der Universität Haifa und seine Kollegen bei einer der ältesten sesshaften Kulturen überhaupt auf Spurensuche begeben – den vor rund 15.000 Jahren im Nahen Osten lebenden Natufien. Diese Jäger und Sammler begannen bereits, Wildgetreide auszusähen. Sie lebten über längere Zeit sesshaft in Dörfern und besaßen sogar schon Friedhöfe.

Karte der Natufien-Ausgrabungsstätten in der Levante, aus der die Mäusefossilien stammen. © Lior Weissbrod

Für ihre Studie sammelten die Forscher Knochen und Zähne von 372 Mäusefossilien, die sie in sieben verschiedenen Ausgrabungsstellen in Israel aus der Zeit von vor 20.000 bis vor 12.000 Jahren fanden. Die Proben verrieten, ob damals bereits Hausmäuse im Umfeld der Menschen lebten oder ob noch die in dieser sonst heimische Mäuseart Mus musculus macedonicus dominierte.

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Dominant schon vor 15.000 Jahren

Das Ergebnis: Solange die Menschen im Nahen Osten noch als nichtsesshafte Nomaden lebten, gab es in ihrem Umfeld nahezu ausschließlich die Macedonicus-Mäuseart. Doch vor rund 15.000 Jahren gab es einen plötzlichen Wandel: Abrupt wurde diese Wildmaus von der Hausmaus abgelöst. Sie machte zu dieser Zeit 100 Prozent der Mäusefossilien aus, wie die Forscher berichten.

„Unsere Ergebnisse deute darauf hin, dass die Jäger und Sammler der Natufien-Kultur, und nicht erst die neolithischen Bauern, die ersten waren, die sesshaft wurden und damit unfreiwillig eine neue Art der ökologischen Interaktion schufen – die enge Koexistenz mit kommensalen Tierarten wie der Hausmaus“, sagt Weissbrod. „Die Wurzeln der Domestikation von Tieren reichen damit tausende Jahre weiter zurück als der Beginn der Landwirtschaft.“

Wechsel mit der Lebensweise des Menschen

Wie eng die sesshafte Lebensweise unserer Vorfahren mit der Verbreitung und dem Erfolg der Hausmäuse verknüpft war, zeigte ein weiterer abrupter Wechsel bei den Mäusefossilien: In der Siedlung Ain Mallaha aus dem späten Natufien vor rund 12.000 Jahren fanden die Forscher plötzlich wieder ausschließlich Fossilien der Mäuseart macedonicus. Von den früher dort so häufigen Hausmäusen keine Spur mehr.

Der Grund dafür: In dieser Phase zwang ein Wandel des Klimas die Natufien dazu, ihre sesshafte Lebensweise vorübergehend wieder aufzugeben. Sie zogen wieder vermehrt umher, um genügend Nahrung trotz verstärkter Trockenheit zu finden, wie die Forscher erklären. Weil sie dadurch nicht mehr so lange an einem Ort blieben, gerieten die an den Menschen angepassten Hausmäuse ins Hintertreffen und wurden von ihren Verwandten verdrängt.

„Damit liefern unsere Ergebnisse klare Belege dafür, dass die Art, wie wir Menschen unsere natürliche Umwelt geprägt haben, eng mit dem sich verändernden Ausmaß unserer Mobilität verknüpft ist“, sagt Koautorin Fiona Marshall von der Washington University. Umgekehrt spiegelt die Konkurrenz zwischen den Hausmäusen und anderen Wildmäusen deutlich wieder, wie sesshaft die Natufien in der jeweiligen Zeitphase waren. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2017; doi: 10.1073/pnas.1619137114)

(Washington University in St. Louis / PNAS, 28.03.2017 – NPO)

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