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Älteste Radspuren der Welt entdeckt

Spuren eines Rinderkarrens in Norddeutschland stammen aus der Zeit vor gut 5.400 Jahren

Wagenspuren
Die beiden dunklen Streifen im Vordergrund sind wahrscheinlich 5.400 Jahre alte Spuren eines jungsteinzeitlichen Rinderkarrens. © Dieter Stoltenberg

Spannender Fund: In der Nähe von Kiel haben Archäologen die bisher ältesten Radspuren der Welt entdeckt. Die dunklen Fahrspuren entstanden schon rund 3400 Jahre vor Christus und stammen wahrscheinlich von jungsteinzeitlichen Rinderkarren. Ähnliche Spuren aus anderen Regionen Europas sind einige hundert Jahre jünger. Das könnte darauf hindeuten, dass die Menschen in Mitteleuropa diese innovative Form des Transports ähnlich früh nutzten wie der Nahe Osten.

Die Jungsteinzeit war eine Zeit der Umbrüche: Die Menschen begannen nicht nur sesshaft zu werden und Landwirtschaft zu betreiben, auch ihre Kultur, Sozialstruktur und Technologie änderte sich tiefgreifend. Sie züchteten neuen Nutzpflanzen, domestizierten Tiere und entwickelten auch neue Methoden des Bauens, der Landbewirtschaftung und des Transports. Unter letzten waren auch die ersten, noch von Rindern gezogenen Wagen.

Ein Megalith-Friedhof aus der Jungsteinzeit

Bisher gingen Archäologen davon aus, dass die ersten von Tieren gezogenen Karren im Nahen Osten entstanden sind. Denn dort begann Genstudien zufolge vor rund 10.000 Jahren auch die Domestikation der Rindern. Später könnten Menschen in Europa einige Nachfahren dieser Rinder mit wilden Auerochsen gekreuzt haben, um besonders robuste, starke Arbeitstiere zu erhalten. Diese wurden dann unter anderem für das Pflügen und das Ziehen von Rinderkarren eingesetzt.

Doch Funde in Flintbek bei Kiel werfen nun ein neues Licht auf die Entwicklung der Rinderkarren. Ein Archäologenteam unter Leitung von Doris Mischka von der Universität Kiel führt dort schon seit längerem Ausgrabungen in einem der größten Megalith-Friedhöfe Europas durch. Bisher wurden in dieser sogenannten „Flintbeker Sichel“ neben zahlreichen Ganggräbern aus der frühen Bronzezeit auch sieben Großgräber und 14 Dolmen-Grabhügel aus der Jungsteinzeit entdeckt, die sich sichelförmig aneinanderreihen.

Dunkle Streifen im Untergrund

Unweit dieser Gräber stieß das Forschungsteam bei den Ausgrabungen auf zwei zunächst unscheinbare, braune Linien im Boden. Erste Untersuchungen ergaben, dass die Breite dieser Streifen genau mit der Breite von jungsteinzeitlichen Holzrädern übereinstimmt, in man unter anderem in einigen Mooren Norddeutschlands gefunden hat. Nach Angaben der Archäologen entsprechen die Abstände der beiden Rillen zueinander zudem der Achslänge der typischen jungsteinzeitlichen Rinderkarren.

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Steinzeit-Szene
Der von Rindern gezogene Wagen könnte beim Bau der Megalithgräber geholfen haben, wie hier auf dem Titelbild der Publikation dargestellt. © Susanne Beyer

Datierungen zufolge stammen die Wagenspuren aus Flintbek aus der Zeit um 3400 vor Christus. Sie sind damit einige hundert Jahre älter als die bisher aus anderen Regionen Europas und Südwestasiens bekannten Spuren dieses prähistorischen Vehikels, wie Mischka berichtet. Die unscheinbaren dunklen Streifen im steinzeitlichen Untergrund von Flintbek könnten demnach sogar die ältesten Wagenspuren der Welt sein.

Steinzeit-Hightech in Mitteleuropa

Die Entdeckung der Wagenspuren belegt zum einen, dass die Menschen in der Flintbecker Sichel bereits dieses damals neue Transportmittel für den Bau ihrer Gräber einsetzten. Gleichzeitig aber könnte dies aus belegen, dass die Rinderkarren nicht nur im Nahen Osten erfunden wurden, wie bisher angenommen. Stattdessen könnten auch Menschen in Mitteuropa diese Technik parallel entwickelt haben.

„Es ist eindeutig, dass die Menschen in Mitteleuropa ebenso früh wie jene des Nahen Osten hochtechnologisiert waren“, kommentiert der Kieler Archäologe Johannes Müller die Ergebnisse. „Das Ergebnis rückt Flintbek in das Zentrum einer der entscheidenden Innovationen der Menschheit.“ (Das Neolithikum in Flintbek, Doris MIschka, 2022)

Quelle: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

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