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Steinzeit-Technologie

Werkzeuge aus Feuerstein

Vom Neandertaler herrschte lange das Bild des dummen Höhlenmenschen vor – kaum vernunftbegabt und in vieler Hinsicht mehr Tier als Mensch. Doch diese Vorstellung vom gegenüber dem Homo sapiens geistig und technologisch rückständigen Neandertaler ist grundlegend falsch. Das bezeugen schon die zahlreichen Werkzeuge, die die Frühmenschen verwendeten und mit großer Kunstfertigkeit herstellten.

Bahnbrechende Technologie vor dreihunderttausend Jahren

Wichtiges Material dafür war Flint oder Feuerstein – diese Werkzeuge gaben der Steinzeit ihren Namen. Einfache Faustkeile verwendeten Frühmenschen in Europa schon vor mindestens 600.000 Jahren. Für ein solches Werkzeug war jedoch ein Stein mit passender Form nötig, der lediglich etwas nachbearbeitet werden musste.

Steingeräte von Nor Geghi 1. A: Faustkeile; B: Levallois-Kerne © Dan Adler, University of Connecticut

Vor rund 300.000 Jahren tauchte dann jedoch eine geradezu bahnbrechende Neuerung auf: Die Steinbearbeitung nach der Levallois-Technik. Dabei wird ein nahezu beliebiger Stein zunächst in Form gebracht. Von diesem Kern lassen sich schließlich im Idealfall gleich mehrere Werkzeuge abschlagen: Klingen, Speerspitzen, Fellschaber und ähnliches. Bisher nahmen Wissenschaftler an, auch diese Technik hätte ihren Ursprung in Afrika gehabt und sich von dort mit wandernden Menschen und über soziale Kontakte weiter verbreitet.

Steinwerkzeuge aus der Fundstelle Nor Geghi 1 in Armenien zeigen jedoch: Die vor etwa 325.000 Jahren hier ansässigen Neandertaler beherrschten die Levallois-Technik bereits. Sie können diese Technik nicht von anderen Populationen von Frühmenschen erlernt haben, da sie über eine solche Entfernung keinerlei Kontakt hatten. Wissenschaftler gehen daher davon aus, dass die Neandertaler selbst erfinderisch genug waren.

Neandertaler-Faustkeil, gefunden auf der Iberischen Halbinsel © gemeinfrei

Nicht dumm oder weniger entwickelt

Das belegt ein direkter Vergleich zwischen den Steinklingen der Neandertaler und den schmaleren, als fortschrittlicher betrachteten Klingen, die die modernen Menschen verwedeten. Überraschenderweise zeigte sich nämlich, dass beide Werkzeugtypen gleichermaßen effizient waren. Tatsächlich waren in einigen Aspekten sogar die einfacheren Neandertalerklingen denen des Homo sapiens überlegen.

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Nach Ansicht der Wissenschaftler ist dies ein weiterer Hinweis darauf, dass die Neandertaler keinesfalls weniger intelligent waren als unsere Vorfahren. „Technisch gesprochen gibt es keine klaren Vorteile eines Werkzeugs gegenüber dem anderen“, erklärt Metin Eren „Wenn wir an Neandertaler denken, müssen wir aufhören, damit Begriffe wie ‚dumm‘ oder ‚weniger entwickelt‘ zu assoziieren, und stattdessen an ‚anders‘ denken.“

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Ansgar Kretschmer
Stand: 13.03.2015

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In den Schlagzeilen

Inhalt des Dossiers

Neandertaler
Neue Erkenntnisse über unsere Steinzeit-Cousins

Woher kamen die Neandertaler?
Der Weg der Frühmenschen nach Europa

Steinzeit-Technologie
Werkzeuge aus Feuerstein

Leichter Ersatz für scharfe Steine
Erfanden die Neandertaler Knochen als Werkzeug?

Speiseplan im Neandertal
Die Jäger und Sammler ernährten sich vielseitig

Mammutjäger auf Fischzug
Opportunistische Jagd je nach Angebot

"Steinzeitliche Zustände"
Wie lebten die Neandertaler?

Malereien, Schmuck und Schminke
Neandertaler beherrschten frühe Kulturtechniken

Du bist Neandertaler
Unser gemeinsames Erbe

Verdrängt und ausgestorben
Konkurrenzkampf mit dem modernen Menschen?

Das Ende
Fataler Klimawandel?

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Kein Kontakt zum Neandertaler
Die Adriaregion war offenbar doch keine Kontaktzone von Neandertaler und Homo sapiens

Besiedelung Zentraleuropas schon vor 43.500 Jahren
Steinwerkzeuge moderner Menschen zeigen deren Präsenz zur Zeit der Neandertaler

Auch die Neandertaler litten schon an Knochentumoren
120.00 Jahre alter Rippenknochen zeigt bisher älteste Spuren einer krankhaften Knochenwucherung

Erbgut des Denisova-Menschen entschlüsselt
Enger Verwandter des Neandertalers trennte sich vor 800.000 Jahren vom modernen Homo sapiens

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