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Sonntag, 18.11.2018
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Wurden US-Diplomaten "verstrahlt"?

Mikrowellenpulse könnten Erkrankung von Botschaftsangehörigen in Kuba und China erklären

Mysteriöse Symptome: 2016 mussten zwei Dutzend US-Diplomaten wegen rätselhafter Krankheitssymptome aus Kuba ausgeflogen werden, 2018 wiederholte sich dies in China. Was aber ist die Ursache? Eine US-Medizinerin könnte jetzt das Rätsel gelöst haben. Demnach entsprechen die Symptome der Diplomaten denen, die durch starke Radio- und Mikrowellenpulse hervorgerufen werden. Woher diese Strahlung allerdings gekommen sein soll, bleibt offen.
US-Botschaft in Havanna: Schonn 25 Diplomaten mussten wegen einer rätselhaften Krankheit ausgeflogen werden.

US-Botschaft in Havanna: Schonn 25 Diplomaten mussten wegen einer rätselhaften Krankheit ausgeflogen werden.

Über diese Fälle tappen selbst FBI, CIA und andere US-Geheimdienst bis heute im Dunkeln: Im Jahr 2016 berichteten mehr als zwei Dutzend Angestellte der US-Botschaft in Havanna auf Kuba plötzlich über merkwürdige Symptome: Sie hörten klingelnde, summende oder schabende Geräusche, litten an Kopfschmerzen, Schwindel, Sprachstörungen und sogar Hirnschwellungen und Nasenbluten. Die Situation eskalierte so weit, dass die US-Regierung die Erkrankten ausfliegen und medizinisch ausführlich untersuchen ließ.

Ursachen rätselhaft


Die brisante Frage ist: Gab es eine natürliche Ursache oder waren die Diplomaten womöglich Opfer eines raffinierten Angriffs durch kubanische Agenten geworden? Trotz aller Tests konnten die Ärzte keine eindeutige Ursache für diese seltsamen Symptome finden. Der anfängliche Verdacht auf Viren oder eine Bestrahlung durch Ultraschallwellen ließ sich nicht bestätigen. Bei einer Anhörung erklärten Behördenvertreter: "Die US-Regierung kennt keine Waffe, sei es Ultraschall oder anderes, die die Effekte hervorrufen können, wie sie bei den Patienten aus Kuba beobachtet wurden."

Doch in diesem Jahr ist es zu neuen Krankheitsfällen gekommen: Im Mai 2018 bekamen Mitarbeiter des US-Konsulats im chinesischen Guangzhou die gleichen Symptome und mussten ausgeflogen werden. Vor wenige Wochen ist wieder ein US-Diplomat in Kuba erkrankt. US-Mediziner und Geheimdienste stehen vor einem Rätsel. US-Außenminister Mike Pompeo hat inzwischen eine Task-Force zur Klärung der Vorfälle eingerichtet.


Sind Radiowellen schuld?


Jetzt könnte die Medizinerin Beatrice Golomb von der University of California in San Diego eine Erklärung für die mysteriöse "Diplomaten-Krankheit" gefunden haben. Für ihre Studie war sie einem ganz bestimmten Verdacht nachgegangen: "Ich habe mir angeschaut, was bisher über die Effekte gepulster Radio- und Mikrowellen bekannt ist und ob dies zu den Symptomen der Diplomaten passt", so die Forscherin.

Vor allem ein Symptom passte dazu: "Gepulste Strahlung im Bereich von 2,4 bis 10.000 Megahertz kann Geräusche im Ohr erzeugen, die einem Klicken, Summen, Klopfen oder Zirpen ähneln – ähnlich wie es die Diplomaten berichtet haben", erklärt Golomb. Diese Phantomgeräusche entstehen, weil die Strahlungspulse den Gehörraum aufheizen und dadurch schallähnliche Reize auslösen.

Der Frey-Effekt wurde in den 1960ern unter anderem bei militärischen Radaranlagen dokumentiert.

Der Frey-Effekt wurde in den 1960ern unter anderem bei militärischen Radaranlagen dokumentiert.

Auffällige Übereinstimmungen


Dieser sogenannte Frey-Effekt ist schon länger dafür bekannt, dass er beispielsweise in der Nähe starker Radaranlagen oder Hochfrequenzsender auftreten kann. "Wir haben solche Symptome aber auch schon in den Tagen des Kalten Krieges gesehen, als die Sowjets die US-Botschaft in Moskau mit solchen Strahlen traktierten", kommentiert der nicht an der Studie beteiligte Umweltmediziner David Carpenter von der University of Albany.


Über die Phantomgeräusche hinaus sieht Golomb aber noch andere Übereinstimmungen mit dokumentierten Folgen von gepulster Strahlung: "Auch die Schlafstörungen, Kopfschmerzen und kognitiven Ausfälle passen ins Bild", sagt sie. Nach Ansicht der Medizinerin könnten von der Strahlung erzeugte aggressive Sauerstoffverbindungen und die von ihnen verursachten Zell- und Gewebeschäden im Gehirn solche Symptome erklären.

"Selbst die in Hirnscans nachgewiesenen Veränderungen stimmen mit dem überein, was für mit Radio- oder Mikrowellen bestrahlte Personen berichtet wird", sagt Golomb. Aufnahmen des Schädels hatten bei einigen Diplomaten eine Schwellung des Gehirns, Veränderungen der weißen Hirnmaterie und weitere Hirnschäden gezeigt. Ganz ähnliche Effekte habe eine japanische Studie in Jahr 2012 beschrieben, so die Forscherin.

Studienlage widersprüchlich


Nach Ansicht von Golomb erscheint es angesichts dieser Übereinstimmungen naheliegend, dass die rätselhafte Diplomaten-Krankheit auf eine Strahleneinwirkung zurückgeht. "Die berichteten Fakten sind konsistent mit gepulsten Radio- oder Mikrowellen als der Ursache der Symptome", so die Forscherin. Ob die US-Diplomaten versehentlich oder absichtlich der Strahlung ausgesetzt waren, weiß aber auch sie nicht.

Allerdings ist die Frage, ob Radio- und Mikrowellen tatsächlich krankmachen können, stark umstritten. Vor allem die möglichen Auswirkungen der Mobilfunk-Strahlung werden sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Wissenschaft kontrovers diskutiert und mit sich widersprechenden Studien unterfüttert. Während einige kaum biologische Wirkungen feststellen, sehen andere Studien durchaus nachweisbare Effekte – unter anderem durch oxidativen Stress und seine Folgeerscheinungen. (Neural Computation, in press)
(University of California - San Diego, 03.09.2018 - NPO)
 
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