• Schalter wissen.de
  • Schalter wissenschaft
  • Schalter scinexx
  • Schalter scienceblogs
  • Schalter damals
  • Schalter natur
Scinexx-Logo
Logo Fachmedien und Mittelstand
Scinexx-Claim
Facebook-Claim
Google+ Logo
Twitter-Logo
YouTube-Logo
Feedburner Logo
Donnerstag, 23.02.2017
Hintergrund Farbverlauf Facebook-Leiste Facebook-Leiste Facebook-Leiste
Scinexx-Logo Facebook-Leiste

Woran starben die Männer der Franklin-Expedition?

Neue Analysen widerlegen Theorie einer chronischen Bleivergiftung der Besatzung

Rätsel nach 170 Jahren gelöst? Entgegen bisherigen Annahmen litten die Mitglieder der tragischen Franklin-Expedition nicht an einer Bleivergiftung. Das Schwermetall war weder an ihrem Tod noch an der mutmaßlichen geistigen Verwirrung der Seemänner schuld. Das belegen Analysen der Fingernägel von John Hartnell, einem der wenigen Expeditionsmitglieder, deren Leiche gefunden wurde. Stattdessen könnte ein starker Zinkmangel das Ende der Männer beschleunigt haben.
Die Franklin-Expedition von 1845 nahm ein tragisches Ende – warum, ist seit 170 Jahren ungeklärt. Hier eines der Schiffe, die HMS Terror, einschlossen im arktischen Eis.

Die Franklin-Expedition von 1845 nahm ein tragisches Ende – warum, ist seit 170 Jahren ungeklärt. Hier eines der Schiffe, die HMS Terror, einschlossen im arktischen Eis.

Um kaum eine Expedition ranken sich so viele Rätsel und Legenden wie um die versuchte Durchquerung der Nordwestpassage durch John Franklin und seine Mannschaft. Klar ist nur, dass es tragisch endete: Alle Expeditionsmitglieder fanden den Tod. Was aber in den letzten Wochen und Monaten auf den beiden Schiffen HMS Erebus und HMS Terror geschah, ist auch nach fast 170 Jahren noch ungeklärt.

Verrücktes Verhalten und Kannibalismus


"Das Schicksal der Männer und vor allem ihr Tod sind bis heute von Rätseln umgeben", sagt Studienleiterin Jennie Christensen von TrichAnalytics. Überlieferungen der Inuit, die damals einige Expeditionsmitglieder über das Eis ziehen sahen, schildern deren seltsames, fast verrücktes Verhalten. Analysen von Knochen, die wahrscheinlich von Männern der Franklin-Expedition, zeigen Spuren von Kannibalismus.

Unter anderem deshalb wird schon seit langem vermutet, dass Franklin und seine Männer an einer Bleivergiftung litten – möglicherweise zugezogen durch ihre Konservennahrung. Die durch das Schwermetall verursachte geistige Verwirrung, so die Annahme, könnte zum Scheitern der Expedition beigetragen haben und das seltsame Verhalten der Männer erklären.


Seemanns-Fingernagel als Zeitmaschine


Aber stimmt das auch? Eine Chance, dies zu überprüfen, bieten die Überreste von John Hartnell, einem Crewmitglied der HMS Terror. Sein Grab wurde 1984 auf Beechey Island in der kanadischen Arktis gefunden und Forscher entnahmen damals Proben von Knochen, Haaren und Fingernägeln, um mehr Aufschluss über den Tod von Hartnell und der anderen Expeditionsmitglieder zu erhalten. Erste Analysen von Haarproben schienen die Blei-Hypothese zu bestätigen: Die Schwermetallwerte waren zum Zeitpunkt von Hartnells Tod auffällig hoch.

Gräber von John Hartnell und einiger anderer Teilnehmer der Franklin-Expedition auf Beechey Island.

Gräber von John Hartnell und einiger anderer Teilnehmer der Franklin-Expedition auf Beechey Island.

Aber litt der Seemann auch in den Wochen und Monaten vorher unter einer Bleivergiftung? Um das herauszufinden, haben Christensen und ihre Kollegen die Finger- und Fußnägel des Toten mit modernsten Methoden erneut analysiert. "Unsere einzigartige Studie macht die Nägel von John Hartnell zu einer Zeitmaschine, die uns helfen aufzuklären, was mit den Männern von Franklins Expedition geschah", sagt Christensen.

Freispruch fürs Blei


Das überraschende Ergebnis: Hartnell litt keineswegs unter einer chronischen Bleivergiftung. Seine Bleiwerte waren die meiste Zeit völlig normal, nur ganz kurz vor seinem Tod stiegen sie stark an. "Das erklärt, warum frühere Haarproben hohe Bleikonzentrationen nachgewiesen haben", erklärt Christensen. Der Grund dafür könne aber nicht eine schleichende Vergiftung durch Nahrung oder Umwelt gewesen sein.

Stattdessen führen die Wissenschaftler diesen späten, kurzfristigen Bleianstieg auf einen anderen Grund zurück: Hartnell starb an Hunger und Tuberkulose und diese Auszehrung brachte den Körper dazu, seine letzten Reserven zu mobilisieren – und leider auch gespeicherte Schwermetalle. "Dieser Prozess resultierte in der exponentiellen Freisetzung von Blei aus den Knochen ins Blut", erklärt Christensen.

Passt zum Wrackfund


Am Tod und dem seltsamen Verhalten der Expeditionsmitglieder war demnach keine Bleivergiftung schuld. Die hohen Bleiwerte zum Todeszeitpunkt des Seemanns erklären sich dadurch, dass das gesamte im Laufe seines Lebens aufgenommene Schwermetall durch Hunger und Auszehrung auf einmal freiwurde. Verwirrt war Hartnell daher maximal in den Tagen und wenigen Wochen direkt vor seinem Ende – nicht aber davor.

Einige der 1854 gefundenen Relikte der Franklin-Expedition

Einige der 1854 gefundenen Relikte der Franklin-Expedition

Dieses Ergebnis passt auch zu den ersten Beobachtungen am erst kürzlich entdeckten Wrack der HMS Terror: Das Schiff war von Franklin und seiner Mannschaft aufgeräumt und mit sorgsam geschlossenen Luken hinterlassen worden. Zu einer geistigen Verwirrung durch eine Bleivergiftung passt dies eher nicht.

War Zinkmangel schuld?


Aber was hat die Männer der Franklin-Expedition dann so geschwächt? Einen Hinweis dazu lieferte ein weiteres Analyseergebnis: Hartnell litt an chronischem Zinkmangel, wie seine Nägel verrieten. Das jedoch kann zu einer ausgeprägten Immunschwäche führen. In Kombination mit Unterernährung kann der Mangel zudem ähnlich Symptome verursachen wie eine Bleivergiftung, erklären die Forscher.

Der starke und anhaltende Zinkmangel könnte demnach durchaus ausgereicht haben, um Hartnell und den Rest der Mannschaft entscheidend zu schwächen, meinen die Forscher. Wahrscheinlich litt die Mannschaft wegen ihres kaum noch funktionierenden Immunsystems an hartnäckigen Infektionen und war zudem extrem schwach. "Die Anwendung modernster Wissenschaft könnte damit ein 170 Jahre altes Rätsel gelöst haben", kommentiert Chris O'Hunt, einer der Herausgeber des Fachmagazins. (Journal of Archaeological Science: Reports, 2016; doi: 10.1016/j.jasrep.2016.11.042
(TrichAnalytics, 12.12.2016 - NPO)
 
Printer IconShare Icon