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Mittwoch, 07.12.2016
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Kinderlähmung: Mutiertes Virus umgeht Impfschutz

Weiterhin konsequente Impfung könnte das Polio-Virus dennoch ausrotten

Die Kinderlähmung ist immer noch nicht besiegt: Bei Opfern einer Epidemie im Kongo aus dem Jahr 2010 fanden Wissenschaftler ein mutiertes Virus, das den sonst so zuverlässigen Impfschutz unterlaufen konnte. Auch in Deutschland hätte dieser Erreger vermutlich zahlreiche Menschen anstecken können, berichten die Forscher in den "Proceedings of the National Academy of Sciences". Weitere sorgfältige Impfprogramme sollen das verantwortliche Polio-Virus jedoch in Schach halten und sogar völlig ausrotten können.
Polio-Viren unter dem Elektronenmikroskop

Polio-Viren unter dem Elektronenmikroskop

Die Kinderlähmung gilt hierzulande als ausgerottet: Wirksame Impfungen gegen das verantwortliche Polio-Virus haben die Krankheit weltweit zurückgedrängt, so dass jedes Jahr nur noch wenige hundert Menschen daran erkranken. In Europa, Amerika und großen Teilen Asiens ist die Kinderlähmung verschwunden – gänzlich besiegt ist das Virus aber noch nicht: Vor allem von ärmeren Regionen und Krisengebieten gehen immer noch regelrechte Epidemien aus. Im vom Bürgerkrieg gezeichneten Syrien beispielsweise ist die Zahl der Polio-Infektionen zuletzt stark angestiegen. Auch in Nigeria und Indien befinden sich noch Rückzugsgebiete des Virus.

Epidemie trotz Impfung?


Eine besonders schwere Epidemie fand im Jahr 2010 im Kongo statt: 445 Menschen infizierten sich nachweislich mit Kinderlähmung, die meisten davon junge Erwachsene. Bei 209 von ihnen endete die Krankheit tödlich eine überraschend hohe Sterblichkeitsrate. Besorgniserregend ist außerdem, dass viele der Infizierten offensichtlich geimpft waren: Knapp die Hälfte der Patienten erinnerte sich daran, die vorgeschriebenen drei Impfdosen erhalten zu haben. Nachlassende Sorgfalt beim Impfen war also nicht der Grund für die schwere Epidemie.

Wissenschaftler um Jan Felix Drexler vom Universitätsklinikum Bonn haben zusammen mit Medizinerkollegen aus Gabun nach den tatsächlichen Ursachen geforscht. "Wir haben Polio-Viren aus Verstorbenen isoliert und genauer untersucht", erklärt Drexler. "Der Erreger trägt eine Mutation, die seine Gestalt an einer entscheidenden Stelle verändert." Resultat: Die durch die Impfung erzeugten Antikörper können das mutierte Virus kaum noch erkennen und außer Gefecht setzen.


Schwächere Immunreaktion gegen mutiertes Virus


Die Forscher haben weiterhin untersucht, wie erfolgreich der neue Erreger dem Immunsystem entgeht. Dazu testeten sie Blutproben von 34 Medizinstudenten der Uni Bonn. Alle waren in ihrer Kindheit mit den üblichen Methoden gegen Polio geimpft worden – und zwar durchaus mit Erfolg, wie ein erster Test zeigte: Mit "normalen" Kinderlähmungs-Viren wurden die Antikörper im Blut der Probanden problemlos fertig. Anders sah es beim mutierten Virus aus: Hier war die Immunreaktion deutlich schwächer. "Wir schätzen, dass jeder Fünfte unserer Bonner Testpersonen von dem neuen Polio-Virus hätte infiziert werden können, vielleicht sogar jeder Dritte", sagt Studienleiter Christian Drosten.

Dieses Kind hat als Folge einer Polio-Erkrankung ein verkrüppeltes Bein.

Dieses Kind hat als Folge einer Polio-Erkrankung ein verkrüppeltes Bein.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat sich vorgenommen, das Polio-Virus in den nächsten Jahren vollständig auszurotten. Vorbild sind die Pocken – dank einer konsequenten Impfstrategie gilt die Erde seit 1980 als pockenfrei. Im Prinzip stehen die Chancen gut, dass Ähnliches wieder klappen könnte: Auch das Kinderlähmungs-Virus kann nur von Mensch zu Mensch weiter gegeben werden. Es gibt also keine Erreger-Reservoirs in Tieren, von denen ausgehend sich die Krankheit immer wieder ausbreiten könnte.

Rechtzeitig und konsequent impfen


Ähnlich wie bei den Pocken bieten die Polio-Impfstoffe zudem einen ausgezeichneten Schutz. Das gilt allerdings nicht, wenn das Virus mutiert. "Wenn so ein veränderter Erreger auf eine Bevölkerung trifft, die nicht konsequent genug geimpft wurde, dann wird es gefährlich", warnen die Wissenschaftler.

Im Kongo haben rechtzeitige Maßnahmen noch Erfolg gehabt: Ein massives Impfprogramm und Hygiene-Maßnahmen stoppten die Polio-Epidemie damals. Selbst die aktuellen Impfstoffe scheinen also gut genug zu wirken, wenn sie rechtzeitig und vor allem konsequent verabreicht werden. Dennoch sei der neue Erreger ein Warnsignal: "Wir dürfen die Hände nicht in den Schoß legen", mahnen die Wissenschaftler. "Wir müssen die Impfquote weiter erhöhen und neue, potentere Impfstoffe entwickeln. Nur so besteht die Chance, die Kinderlähmung dauerhaft zu besiegen."
(PNAS, 2014; doi: 10.1073/pnas.1323502111)
(Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, 20.08.2014 - AKR)
 
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