Scinexx-LogoSpringer-Verlag, Heidelberg
Samstag, 20.03.2010
Kindchenschema aktiviert Belohnungszentrum im Gehirn
Neurobiologische Grundlagen des menschlichen Fürsorgeverhaltens aufgedeckt
Ein süßes Gesicht wirkt im Kopf: Ein internationales Wissenschaftlerteam hat erstmals eine Region im Gehirn identifiziert, die bei Frauen durch das Betrachten niedlicher Kindergesichter aktiviert wird. Dieses tief im Gehirn liegende Gebiet ist auch als Belohnungszentrum bekannt.

Säugling
Säugling
© SXC Säugling
Das Kindchenschema, das als niedlich empfunden wird, beinhaltet eine Reihe körperlicher Merkmale, zum Beispiel einen großen Kopf mit hoher Stirn, runden Wangen und großen Augen. Zahlreiche Verhaltensstudien haben längst die Wirkung des Kindchenschemas auf Erwachsene bestätigt.

Frauen stärker betroffen als Männer
So konnte vor kurzem ein Forscherteam um Melanie Glocker vom Institut für Neuro- und Verhaltensbiologie der Universität Münster zeigen, dass Kinder, die stärker dem Kindchenschema entsprechen, die Bereitschaft steigern, sich fürsorglich zu verhalten. Diese Reaktion ist bei Frauen stärker ausgeprägt als bei Männern, obwohl beide Geschlechter die Niedlichkeit gleichermaßen wahrnehmen.

Über die neurobiologischen Grundlagen dieses fundamentalen sozialen Instinkts, der an der Basis von Fürsorge- und altruistischem Verhalten liegen könnte, war bisher jedoch wenig bekannt.

In einer neuen Studie zeigen die münsterschen Neurowissenschaftler Glocker und Professor Norbert Sachser in Kooperation mit Forschern aus Pennsylvania um Professor Ruben Gur nun, was sich im Gehirn als Reaktion auf das Kindchenschema abspielt.

Erklärung für das Kümmern gefunden
„Die Ergebnisse bieten Einblick in die biologischen Grundlagen menschlichen Fürsorgeverhaltens. Sie geben eine neurophysiologische Erklärung für unseren Impuls, uns um alles zu kümmern, was einem Baby ähnelt“, so Glocker.

Die Biologin manipulierte für die Studie Babyfotos mit einem speziellen Bildbearbeitungsprogramm. Dadurch entstanden neben dem Originalfoto jeweils Portraits mit niedrigeren und höheren Kindchenschema-Werten - dasselbe Baby wurde beispielsweise mit größeren oder kleineren Augen ausgestattet oder mit einem besonders runden oder eher schmalen Kopf.

Frauen, die noch keine Kinder geboren hatten, betrachteten diese Kindergesichter. Dabei wurde ihre Hirnaktivität mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie gemessen.

Steigende Aktivität im Nucleus accumbens
Die Forscher fanden dabei eine ansteigende Aktivität mit zunehmendem Kindchenschemagehalt im Nucleus accumbens, einer Hirnregion, die als Belohnungszentrum bekannt ist. Sie vermittelt motiviertes Verhalten, das nach Belohnung strebt, löst Glücksgefühle aus und spielt unter anderem auch bei Drogensucht eine Rolle.

Daneben sprechen noch weitere Hirnregionen auf das Kindchenschema an, unter anderem Areale, die bei Gesichterverarbeitung und Aufmerksamkeit eine Rolle spielen. Die Forscher vermuten, dass bei Männern ähnliche Prozesse im Gehirn ablaufen könnten.

Fürsorgeverhalten enträtselt
„Die Aktivierung des Belohnungssystems könnte den neurophysiologischen Mechanismus darstellen, über welchen das Kindchenschema Fürsorgeverhalten motiviert - unabhängig vom Verwandtschaftsgrad zwischen Kind und Betrachter“, so Glocker.
Artikel drucken
Nach verwandten Themen suchen:
Gehirn, Frauen, Nervenzellen, Neuronen, Instinkte, Augen, Kopf, Stirn, Wangen, Männer, Kindchenschema, Belohnungssystem, Verhalten, Fürsorge, Drogen, Glück
Weitere News zum Thema
Bienen: Schnellste Farbsicht im Tierreich (19.03.2010)
Hochgeschwindigkeitssehen funktioniert bei Bienen sogar in Farbe
Noradrenalin hemmt Alzheimer-Fortschritt (16.03.2010)
Entzündungshemmende und Plaque-abbauende Wirkung im Tierversuch belegt
Tanzen liegt Menschen im Blut (16.03.2010)
Reaktion auf den Rhythmus der Musik ist angeboren
Gehirn liebt keine Überraschungen (12.03.2010)
"Denkorgan" versucht mögliche Sinneseindrücke vorherzusagen
Eiweiß kontrolliert Fettspeicherung (09.03.2010)
Protein fördert Bildung von Fetttröpfchen und wirkt Fettabbau entgegen
Suche
Erweiterte Suche
Newsletter
Bestellen Sie jetzt den kostenlosen Newsletter!
Diaschauen zum Thema
Gliazellen
Gehirnforschung
Dossiers zum Thema
Gehirnforschung
Dem menschlichen Denken auf der Spur
„Der kleine Unterschied“ im menschlichen Gehirn
Wie Östrogen und Co. die kognitiven Leistungen beeinflussen
Elektrische Synapsen
„Aschenputtel“ unter den Zellkontakten
Der Kitt denkt mit
Geheimnisvolle Gliazellen im Gehirn
Teamwork der Sinne
Auch die Augen hören mit
Altern mit Köpfchen
Wie der Geist lange fit bleibt
Neuland in drei Dimensionen
Ein Blick ins Innere der Zelle
News des Tages
Alpen unter antarktischem Eis
Single-Frauen schauen länger hin
Pflanzen: Die Großen haben weniger Stärke
Reissäcke schützen vor Erdbebenschäden
Textilien als Therapeuten
Durch Schütteln nicht gerührt
Kindchenschema aktiviert Belohnungszentrum im Gehirn
Bücher zum Thema
Medizin für das Gehirn
Hrsg. Spektrum der Wissenschaft
Der Beobachter im Gehirn
Essays zur Hirnforschung von Wolf Singer
Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn
von Vilaynur S. Ramachandran
Descartes' Irrtum
Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn von Antonio R. Damasio
Gott-Gen und Großmutter neuron
Geschichten von Gehirnforschung und Gesellschaft von Manfred Spitzer
Die blinde Frau, die sehen kann
Rätselhafte Phänomene unseres Bewußtseins von Vilaynur S. Ramachandran und Sandra Blakeslee
Warum Frauen nicht schwach, Schwarze nicht dumm, und Behinderte nicht arm dran sind
von Wolfram Henn
Top-Clicks der Woche
1. Licht verbiegt Materie
2. Radioaktivität tatsächlich „Heizofen“ des Erdinneren
3. Super-Supernova: Weißer Zwerg sprengt Massegrenze
4. Neuer langlebigerer Akku für mobile Geräte
5. „Stein von Rosetta“ der Exoplaneten gefunden