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Samstag, 04.02.2012
Als Jude – verdrängt
Wie Merzbacher in Vergessenheit geriet

 Gottfried Merzbacher
Gottfried Merzbacher
© Bayerische Akademie der Wissenschaften
Mit seiner Expedition zum Khan Tengri etablierte sich Merzbacher endgültig als ernstzunehmender Forscher. Ohne akademische Laufbahn, als gelernter Kürschner und Pelzhändler, war der Alpinismus für den 1843 geborenen Hobbygeographen lange Zeit lediglich Erbauung in seiner Freizeit gewesen.

Im Jahre 1888, nach 20 Jahren als Kaufmann, hatte er jedoch sein Pelzwarengeschäft in München verkauft und sein Vermögen von da an in seine eigentliche Leidenschaft gesteckt.

Verdienste eines Pelzhändlers
Er selbst betrachtete den Alpinismus als einen „unentbehrlichen Faktor menschlicher Lebensbetätigung und Geisteskultur, da er einen Ausgleich zwischen überfeinerter Kultur und Hinneigung zur Natur herbeiführt.“ Damit stand Merzbacher in der Tradition vieler Forscher des angehenden neuen Jahrhunderts: Sie verbanden das bürgerliche Vergnügen der Bergbesteigungen mit wissenschaftlichem Erkenntnisdrang.

Der Erkundung des Tien Shan vorausgegangen war eine Reise in den Kaukasus in den Jahren 1891 und 1892. Von dort brachte Merzbacher präzise Vermessungsergebnisse mit und veröffentlichte daraufhin die nach ihm benannte „Merzbacher-Karte“, eine erstmalige Kartierung der von ihm bereisten Regionen im Kaukasus.

Die Karte und sein Reisebericht korrigierten zahlreiche Irrtümer und Fehler früherer Forschungsreisen, woraufhin ihm von der Philosophischen Fakultät der Universität München die Ehrendoktorwürde verliehen wurde. Nach der Reise in den Tien Shan wurde er sogar zum Königlichen Professor h.c. berufen.

Noch einmal nach Zentralasien
In den Jahren 1907 und 1908 machte er sich, mit bereits 64 Jahren, erneut auf nach Zentralasien und erkundete diesmal den chinesischen Teil des Tien Shan.

Schon zu Lebzeiten galt er als einer der besten Zentralasien-Kenner. Bis kurz vor seinem Tode im Jahr 1926 arbeitete er an einer Karte des zentralen Tien Shan im Maßstab 1:100.000, die später sowjetischen Kartographen als Grundlage diente.

Verleugnung und letzte Ehren
Trotz seiner Verdienste geriet Merzbacher in Vergessenheit. Seine umfangreiche Asien-Bibliothek ging in den Besitz der Bayerischen Staatsbibliothek über. Zoologische Fundstücke wie Felle, Gehörne oder Schädel von Steinböcken oder Wildschafen übernahm die Zoologische Staatssammlung. Allerdings übereignete Merzbacher seine Sammlungen nicht freiwillig. Die Inflation der 1920er Jahre hatte ihn um sein Vermögen gebracht und so war er mehr oder weniger gezwungen, die Kostbarkeiten an den Bayerischen Staat zu verkaufen.

Der deutsche Alpenverein verschwieg später in den 1930er Jahren sein langjähriges Mitglied Merzbacher. Aufgrund des so genannten „Arierparagraphen“ wurden mit Beginn des Nationalsozialismus alle jüdischen Mitglieder ausgeschlossen. Ein Interesse, weiter an den Juden Merzbacher und seine Verdienste zu erinnern, bestand nicht.

Dennoch hat Merzbacher zumindest international große Anerkennung erhalten. So benannte man eine Bergkette im chinesischen Tien Shan nach ihm . Und der See auf dem Inyltschek-Gletscher, der ihm einst den Weg zum Khan Tengri versperrte, wurde drei Jahre nach seinem Tod von russischen Alpinisten als Merzbacher-See getauft.

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