Verhütende Frauen können Gesichtsausdrücke schlechter deuten Wie die Pille die Wahrnehmung stört - scinexx | Das Wissensmagazin
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Wie die Pille die Wahrnehmung stört

Verhütende Frauen können Gesichtsausdrücke schlechter deuten

Antibabypille
Millionen Frauen nehmen die Pille - und nehmen dabei einige Nebenwirkungen in Kauf. © areeya_ann/ istock

Blind für Emotionen? Die Antibabypille wirkt sich offenbar negativ auf die emotionale Wahrnehmung aus. So zeigt ein Experiment: Frauen, die mithilfe oraler Kontrazeptiva verhüten, können Gesichtsausdrücke schlechter deuten. Im Vergleich zu nicht verhütenden Frauen haben sie demnach größere Probleme damit, Gefühle an subtilen Veränderungen der Augenpartie abzulesen. Dies gilt vor allem für komplexe und schwer zu erkennende Emotionen, wie die Forscher berichten.

Die Antibabypille ist heute eines der beliebtesten Verhütungsmittel. Gleichzeitig wird das Medikament aber zunehmend kritisch gesehen, weil es bedenkliche Nebenwirkungen haben kann. So erhöht das Kontrazeptivum das Risiko für Thrombosen und Brustkrebs und wirkt sich auch auf die Psyche aus. Viele Frauen, die die Pille nehmen, klagen etwa über Stimmungsschwanken und ein vermindertes sexuelles Lustempfinden. Zudem wird ein Zusammenhang mit dem Auftreten von Depressionen diskutiert.

Veränderte Wahrnehmung?

In jüngster Zeit haben Forscher außerdem Hinweise darauf gefunden, dass die Pille die Wahrnehmung verändern kann: „Zufällige Befunde deuten darauf hin, dass orale Kontrazeptiva die Fähigkeit beeinflussen, Gesichtsausdrücke zu deuten“, sagt Alexander Lischke von der Universität Greifswald. Ob das wirklich stimmt, sei bisher jedoch nicht eindeutig belegt. „Mehr als 100 Millionen Frauen weltweit nehmen die Pille, aber es ist noch immer erstaunlich wenig über ihren Effekt auf Emotion, Kognition und Verhalten bekannt“, konstatiert der Psychologe.

Um dies zu ändern, sind er und seine Kollegen der möglichen Wirkung des Verhütungsmittels auf die Wahrnehmung von Gesichtsausdrücken nun nachgegangen. Für ihre Studie rekrutierten sie insgesamt 95 gesunde Frauen im Alter zwischen 18 und 35 Jahren – 42 von ihnen nahmen orale Kontrazeptiva ein, 53 nicht.

Subtile Unterschiede

Nachdem die Probandinnen Angaben zu ihrem Menstruationszyklus gemacht hatten und ihre Empathie-Fähigkeit in einem standardisierten Test unter Beweis gestellt hatten, folgte das eigentliche Experiment: Die Frauen bekamen Schwarz-Weiß-Fotos von Gesichtern gezeigt, von denen lediglich die Augenpartie zu sehen war. Aus einer Auswahl von vier Emotionen sollten sie dann jene wählen, die den Gesichtsausdruck am besten beschrieb. Würden die Frauen die subtilen Veränderungen der Augenpartie richtig deuten – und wie schnell würden sie antworten?

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Die Auswertung zeigte, dass es tatsächlich kleine, aber deutliche Unterschiede zwischen den beiden Probandinnengruppen gab: „Einfache Emotionen wie Freude oder Angst erkannten zwar alle Frauen gleich gut“, berichtet Lischke. „Frauen, die orale Kontrazeptiva einnahmen, hatten jedoch mehr Probleme mit schwierigeren Gesichtsausdrücken.“

Probleme bei komplexen Emotionen

Konkret waren diese Frauen im Schnitt rund zehn Prozent schlechter darin, komplexe Emotionen wie Stolz oder Verachtung aus den Augen abzulesen als ihre Kontrahentinnen, die nicht verhüteten. Dieser Effekt zeigte sich sowohl bei negativen als auch bei positiven Gesichtsausdrücken. Außerdem war er unabhängig von der Art der Pille und der Zyklusphase, in der sich die Frauen aus der zweiten Gruppe befanden.

Nach Ansicht der Forscher passen ihre Ergebnisse gut zu bereits bekannten Zusammenhängen: „Wir wissen, dass zyklusabhängige Schwankungen des Östrogen- und Progesteron-Spiegels die emotionale Wahrnehmung von Frauen beeinflussen sowie die Aktivität und Verknüpfung damit zusammenhängender Hirnregionen“, sagt Lischke. „Da orale Kontrazeptiva die Konzentration dieser Hormone beeinflussen, macht es Sinn, dass auch sie sich in dieser Form auswirken.“

Einfluss auf Beziehungsfähigkeit?

Allerdings: Über welchen Mechanismus dies genau passiert, müssen weitere Studien erst noch klären – ebenso wie die Frage, inwiefern sich die Dauer und der Zeitpunkt der Einnahme auf die beobachteten Effekte auswirken. „Diese Studien sollten zudem untersuchen, ob die Einschränkungen der Emotionserkennung die Fähigkeit der Frauen beeinflusst, intime Beziehung aufzubauen und zu erhalten“, sagt Lischke.

Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass immer mehr Frauen bereits im Teenager-Alter zur Pille greifen, sei es von großer Bedeutung, die positiven und negativen Auswirkungen des Verhütungsmittels auf das Gefühlsleben, die Wahrnehmung und das Verhalten genau zu kennen und Anwenderinnen darüber aufzuklären, so das Fazit des Teams. (Frontiers in Neuroscience, 2019; doi: 10.3389/fnins.2018.01041)

Quelle: Frontiers

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